Flugpolizei

Jeder Handgriff muss sitzen

Einsatz im Hochgebirge: Ein Pilot der Flugpolizei rettet zwei Alpinisten aus Bergnot
Einsatz im Hochgebirge: Ein Pilot der Flugpolizei rettet zwei Alpinisten aus Bergnot
© Gerd Pachauer

In ihrem Dienstalltag kann ein Fehler tödliche Folgen haben. Die Ausbildung der Einsatzpilotinnen und -piloten der Flugpolizei ist herausfordernd und vielfältig.

Thomas Philipp: „Es ist immer schon mein Traum gewesen, Beruf und Hobby mit einander zu verbinden
Thomas Philipp: „Es ist immer schon mein Traum gewesen, Beruf und Hobby mit einander zu verbinden
© Patrick Huber

Sie helfen, suchen und retten Menschen, koordinieren Einsätze aus der Luft, überwachen den Verkehr, die Grenze und Großveranstaltungen: Die Pilotinnen und Piloten des Innenministeriums sorgen für Sicherheit aus der Luft. Um rasch und wirksam Hilfe leisten zu können, ist die Ausbildung gleich wichtig wie moderne Technik. Deshalb sind qualifizierte Aus- und regelmäßige Fortbildungen fixe Bestandteile des Arbeitsalltages.
„Es gibt ein auf das Berufsbild abgestimmtes Profil, das wir bei Bewerberinnen und Bewerbern für Einsatzpilotinnen und -piloten suchen. In der psychologischen Eignungsdiagnostik werden charakterliche und Performance-Eigenschaften abgeprüft, die nötig sind, um die Aufgaben im Dienstalltag bei der Flugpolizei koordiniert abwickeln zu können. Dabei geht es um die intellektuellen Kapazitäten wie die Konzentrations- und Merkfähigkeit, das räumliche und numerische Verständnis sowie Eigenschaften wie Risikobewusstsein und Belastungsfähigkeit“, erklärt Chefinspektor Michael Korvas, Leiter der Hubschrauberflugschule der Flugpolizei des Innenministeriums. „Es gibt einen zulässigen Raum für Abweichungen. Ist bei Risikobewusstsein auf einer Skala von 1 bis 10 eine 7 gefordert, wäre jemand mit einer 2 fehl am Platz. Mit einem Punkt mehr oder weniger hat man aber noch Chancen.“ Das Auswahlverfahren umfasst außerdem eine medizinische Testung und ein Hearing. Eine große Hürde für viele Bewerberinnen und Bewerber bestehe in der letzten Stufe des Auswahlverfahrens, in der sensomotorische Fähigkeiten abgeprüft werden – durchschnittlich 15 Prozent der Verbliebenen bestehen nicht.

Nicole Galitschitsch hatte schon als Kind Interesse an der Fliegerei
Nicole Galitschitsch hatte schon als Kind Interesse an der Fliegerei
© Lukas Klaudrat

Die Voraussetzungen für eine Bewerbung bei der Flugpolizei sind die abgeschlossene Polizeigrundausbildung sowie eine mindestens zweijährige Außendiensterfahrung. „Man muss die Polizeiarbeit kennen, um später in den Einsätzen optimal mit den Bodenkräften zusammenwirken zu können“, sagt Korvas. Das Alterslimit liegt für Personen ohne Vorkenntnisse bei 27, bei vorhandener Privatpilotenlizenz bei 30 und bei einem Berufspilotenführerschein bei 35 Jahren. Künftig soll pro Jahr ein Auswahlverfahren stattfinden. Gründe für die verkürzten Intervalle sind operationale Anforderungen und anstehende Pensionsabgänge. „Bis jemand einen erfahrenen Kollegen mit allen Einsatzberechtigungen ersetzen kann, dauert es bis zu fünf Jahre.“

Die Ausbildung startet mit dem Berufshubschrauberpilotenschein mit Nachtsichtflugberechtigung. Er kann je nach Vorkenntnissen in 12 bis 18 Monate erworben werden und umfasst 350 Stunden Theorieausbildung in 13 Lehrgegenständen sowie 150 Flugstunden. Danach erfolgt die Musterberechtigung für den Airbus H135 sowie ein Außenlande- und ein Hochgebirgskurs. „Unsere Einsatzpilotinnen und -piloten müssen auf jede Situation vorbereitet sein und einen Hubschrauber auch bei extremen Wetterlagen und dünner Luft in großer Höhe sicher steuern und landen können.“ Während der anschließenden Supervisions-Schulung wird für den Einsatzbetrieb geübt – im Flugsimulator und während Übungsflügen mit Nachtsichtgeräten. „Jeder Handgriff muss sitzen. Im Einsatz hat man keine Zeit nachzudenken, man muss auch die Notverfahren auswendig kennen, um rasch und richtig handeln zu können.“ Nach etwa zwei Jahren werden die Exekutivbediensteten ausgemustert und an der jeweiligen Flugeinsatzstelle bei Tag als Pilot in Command und in der Nacht als Copilot eingesetzt. „Die Ausbildung ist nie zu Ende“, betont der Leiter der Hubschrauberschule. Je nach Anzahl der Flugstunden kommen später Zusatzmodule wie Außenlasttransporte und Bergeseiltransporte hinzu.

„Fliegendes Auge“: FLIR-Hubschrauber mit Nachtsichtgerät
„Fliegendes Auge“: FLIR-Hubschrauber mit Nachtsichtgerät
© Gerd Pachauer

Das Einsatzgebiet der Flugpolizei ist umfangreich, darunter fallen unter anderem die Rettung von Personen aus Bergnot, der Transport von Löschmitteln bei Waldbränden, Verkehrsüberwachungen und die Suche nach vermissten oder verdächtigen Personen. „Das geht soweit, dass wir Geologen der Bundesländer zu Felsformationen fliegen, die sonst nicht erreichbar wären“, sagt Korvas. Dann gibt es noch sicherheitspolizeiliche Sondereinsätze mit dem Einsatzkommando Cobra/ DSE, bei denen Fallschirmspringer oder Taucher abgesetzt oder mit dem Hubschrauber Fahrzeuge angehalten werden müssen.

Bilanz.

2021 leisteten die Pilotinnen und Piloten mehr als 4.797 verkehrs-, sicherheits-, kriminal- oder staatspolizeiliche Einsätze. Sie suchten 596-mal vermisste Personen, 312-mal wurden Menschen unverletzt aus gefährlichen Situationen gerettet, 665-mal fahndeten sie nach Straftätern und waren in kriminalpolizeilicher Mission im Flugeinsatz. Sie überwachten das Geschehen aus der Luft und unterstützten bei Katastrophenhilfsmaßnahmen, bei Bränden, Muren oder Lawinenabgängen in 282 Einsätzen die Helferinnen und Helfer des Zivil- und Katastrophenschutzes in den Bundesländern.

Einsatzübung mit dem EKO Cobra
Einsatzübung mit dem EKO Cobra
© Gerd Pachauer

Seit 1986 gibt es die Hubschrauberschule und die Ausbildung zum Einsatzpiloten in dieser Form: „Die Ausbildung ist aber eine lebende Materie. Wir unterliegen der behördlichen Aufsicht der Austro Control und den gleichen europäischen Richtlinien wie jede andere Flugschule. In diesem Feld tut sich sehr viel. Neue Vorschriften oder neue Anforderungen aus dem operativen Bereich bedeuten aktualisierte Lehrinhalte“, schildert Chefinspektor Korvas. „Seit 2001 fliegen wir auch nachts, seit 2009 mit Nachtsichtgeräten. 2016 gab es neue Regulierungen für den Außen­lasttransport und den Bergeseilflug. Das muss sich entsprechend in der Ausbildung widerspiegeln.“

Hubschraubermodelle.

Werden neue Hubschraubermuster angekauft, können sich auch aufgrund gewisser technischer Eigenschaften neue Einsatzmöglichkeiten ergeben, zum Beispiel, wenn eine Winde vorhanden ist. Als Schulungshubschrauber wird derzeit ein Bell JetRanger verwendet. Außerdem verfügt die Flugpolizei über die Muster EC 135 und AS 350 in mehreren Varianten, die sich in der Leis­tungsfähigkeit und der Avionik (Instrumente des Hubschraubers) unterscheiden. „Das ist für jeden Piloten eine Herausforderung. Für jedes Muster braucht man eine eigene Berechtigung. In gewerblichen Flugunternehmen ist es nicht erlaubt, dass jemand mehr als zwei Muster fliegt. Eine Reduktion dieser Vielfalt wäre auch bei uns für die Zukunft wünschenswert“, sagt Korvas. Um die Hubschrauber sicher zu beherrschen, werden in der Ausbildung Automatisierungsprozesse für Normal- und Notverfahren an Flugsimulatoren der deutschen Bundespolizei trainiert. „Um diese Kenntnisse und Fähigkeiten aufrecht zu erhalten, wäre es auch sinnvoll und wirtschaftlich diese Simulationsgeräte in Zukunft im eigenen Schulbetrieb integrieren zu können“, sagt Korvas.

Umzug.

Einsatzpiloten der Flugpolizei müssen unter anderem über Stressresistenz, Präzision und Risikobewusstsein verfügen
Einsatzpiloten der Flugpolizei müssen unter anderem über Stressresistenz, Präzision und Risikobewusstsein verfügen
© Gerd Pachauer

Die Zentrale der Flugpolizei wird von Wien-Meidling auf das Cobra-Gelände in Wiener Neustadt verlegt. Im zweigeschossigen Neubau werden die Hubschrauberschule, der Wartungsbetrieb und die Flugeinsatzstelle untergebracht. 6.250 Quadratemeter bieten Platz für 45 Piloten, Techniker und Verwaltungspersonal sowie diverse Hubschrauber. Der Vollbetrieb ist für Ende 2023 geplant. Zu den Vorteilen des neuen Standortes zählen die moderne Ausstattung und die räumliche Nähe zum Einsatzkommando Cobra/DSE, mit dem regelmäßig gemeinsame Ausbildungen und Einsätze stattfinden. Die Lehrsäle der Flugschule sowie die Büros der Flugeinsatzstelle, die Werkstätten und die Lagerräume der Wartung befinden sich hinter einer großen Halle, die als Hangar dient. Die Trainingsflüge werden weiterhin auf der wenige Kilometer entfernten Außenstelle in Bad Vöslau stattfinden.

Ausbildungskurs.

Die Flugpolizei verfügt derzeit über 18 Hubschrauber
Die Flugpolizei verfügt derzeit über 18 Hubschrauber
© Gerd Pachauer

Der fünfzehnte Kurs der Hubschrauberflugschule des Innenministeriums startete im Juli 2021. Vier Jungpilotinnen und -piloten, darunter die Revierinspektoren Nicole Galitschitsch und Thomas Philipp, erhielten im September 2022 ihre Commercial Pilot License. Im März 2023 beginnen weitere sieben Personen die Ausbildung.
„Ein Hubschrauber-Rundflug als kleines Kind hat mein Interesse an der Fliegerei geweckt. Als ich zur Polizei kam, sah ich die Chance den Traum vom Hubschrauber fliegen zu verwirklichen“, sagt Jungpilotin Nicole Galitschitsch (28) aus der Steiermark. Sie wird nach Abschluss ihrer Ausbildung in der Flugeinsatzstelle Wien ihren Dienst als Pilotin versehen.
Als besonders interessant in der Ausbildung findet sie, „sämtliche Fähigkeiten im Hubschrauber-Cockpit zu kombinieren und koordinieren: Das theoretische Wissen über Systeme, Notverfahren, etc. in Einklang mit der manuellen Steuerung zu bringen, nebenbei die Instrumente und auch die Umgebung zu beobachten, um dann in verschiedenen Situationen die richtige Entscheidung zu treffen – am Anfang nicht gerade einfach“. Den herausforderndsten Teil der Ausbildung bildeten „definitiv die Theorieprüfungen in 13 verschiedenen Fächern, die auf Englisch bei der Austro Control abzulegen sind“.
Seilbergungen im alpinen Gelände und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Einheiten (Bergrettung, Feuerwehr, EKO Cobra, etc.) sind für Galitschitsch besonders interessante Aufgabengebiete.

Die Übungen der Pilotinnen und Piloten erfolgen auch im Flugsimulator
Die Übungen der Pilotinnen und Piloten erfolgen auch im Flugsimulator
© Gerd Pachauer

„Es war immer schon der Traum, Beruf und Hobby miteinander zu verbinden. Ich habe mit 14 Jahren, während meiner Schulzeit am Militärrealgymnasium, den Segelfliegerschein beim Bundesheer gemacht und wusste, dass die Fliegerei genau meins ist. Auf der anderen Seite wollte ich immer Polizist werden. Somit ist das nun die beste Kombination für mich“, sagt Thomas Philipp (30) aus dem Burgenland, der künftig in der Flugeinsatzstelle­Wien seinen Dienst als Pilot versehen wird. Besonders interessant in der Ausbildung war für ihn der Hochgebirgslandekurs. „Dabei haben wir gelernt, trotz Leistungsgrenzen, auf den höchsten Punkten Österreichs zu landen, tagsüber und nachts, sowie über das generelle Arbeiten eines Hubschraubers, der an der oberen Leistungsgrenze betrieben wird. Auch für ihn war die Theorie der herausforderndste Teil der Ausbildung. In praktischer Sicht war es das Erlernen des Schwebefluges sowie das genaue Arbeiten eines Polizeihubschrauberpiloten. „Hier wird mit sehr viel Präzision und Genauigkeit gearbeitet – wir können uns keine Fehler erlauben, da diese sehr schnell tödlich enden können.“
Für ihn ist grundsätzlich das gesamte Aufgabenspektrum der Flugpolizei äußerst interessant, „da wir Aufgaben haben, die es so in der zivilen Fliegerei nicht gibt. Ich blicke den nächsten Ausbildungen voller Spannung entgegen, beginnend mit der Einschulung am FLIR-Hubschrauber bis zur Erlangung der fertigen Einsatzberechtigung in 2 bis 3 Jahren. Ab diesem Zeitpunkt darf ich alle Einsätze, die im polizeilichen Leistungsspektrum liegen, fliegen. Auf das freue ich mich natürlich am meisten”.

Anna Strohdorfer


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 1-2/2023

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