Interview

„Weiße Maus“ der Lüfte

UAV-Ausbildungsleiter Thomas Hahn über unbemannte Luftfahrzeuge (UAV) im Polizeieinsatz, Drohnentechnik und die Leidenschaft fürs Fliegen.

Wie wird man Drohnenpilot?

Thomas Hahn: Drohnen sind aus der heutigen Polizeiarbeit nicht mehr wegzudenken. Wir forcieren daher die Ausbildung.
Thomas Hahn: Drohnen sind aus der heutigen Polizeiarbeit nicht mehr wegzudenken. Wir forcieren daher die Ausbildung.
© Jürgen Belko

Die notwendige Ausbildung für ein Organ des öffentlichen Sicherheitsdienstes gliedert sich in drei Module: Grund-, Nachtflugausbildung und Typenschulung. Die Grundausbildung dauert eine Woche und beinhaltet rechtliche, theoretische und technische Aspekte. Auch Meteorologie und Thermodynamik spielen in der Ausbildung eine wichtige Rolle. Dazu kommt noch ein praktischer Teil, der rund 20 Stunden dauert und den angehenden Piloten das „Schönfliegen“ beibringt. Wenn technische Voraussetzungen wie GPS und Kompass gegeben sind, kann im Prinzip jeder eine Drohne fliegen. Unsere Kursteilnehmer lernen aber, die Drohne ohne technische Unterstützung zu fliegen – das ist eine andere Sache. Wir trainieren quasi den Worst Case, um im Einsatz optimal auf sämtliche Szenarien vorbereitet zu sein. Aufgrund unserer speziellen Ausbildung dürfen wir auch im dichtbesiedelten Stadtgebiet mit Drohnentypen fliegen, die für Privatpersonen verboten sind. Außerdem sind wir als Polizei die einzige Einsatzorganisation, die nach nationalem Recht fliegt und daher in einer Maximalflughöhe von 150 Meter operieren darf. Privatperson sind auf 120 Meter Höhe limitiert, damit es einen Sicherheitspuffer zur bemannten Luftfahrt gibt, die nicht niedriger als 150 Meter fliegen darf.

Wie viele Drohnenpiloten werden pro Jahr ausgebildet?

2021 waren es rund 150 Kolleginnen und Kollegen. In den letzten Jahren ist das Thema Drohnen sehr präsent und erlebt einen regelrechten Boom – sowohl im privaten als auch sicherheitspolizeilichen Bereich. Für Letzteren hat sich der ehemalige Innenminister und heutige Bundeskanzler Karl Nehammer stark gemacht. Innenminister Gerhard Karner setzt diesen Weg konsequent fort: Drohnen sind aus der heutigen Polizeiarbeit nicht mehr wegzudenken. Begonnen hat das Drohnen-Programm 2017. 2018 wurden dann die ersten Piloten ausgebildet und Anfang 2019 gab es die ersten Echteinsätze. Seitdem forcieren wir die Ausbildung weiter und stoßen dabei auf großes Interesse bei Kolleginnen und Kollegen.

Was sind die Haupteinsatzgebiete?

Drohnenpiloten der Bundespolizei: 2021 wurden 150 Polizistinnen und Polizisten ausgebildet.
Drohnenpiloten der Bundespolizei: 2021 wurden 150 Polizistinnen und Polizisten ausgebildet.
© Flugpolizei

Unsere Drohnen kommen im gesamten Bundesgebiet zum Einsatz, aber natürlich gibt es Schwerpunktregionen. Das Burgenland ist aufgrund seiner geografischen Lage beispielsweise Vorreiter bei Grenzeinsätzen. In Wien wird wiederum viel Fotogrammetrie (Anm. Unfallvermessung) gemacht. Aber auch bei Demons­trationen und Großveranstaltungen sind Drohnen heute nicht mehr wegzudenken. Sie können allerdings keine Hubschrauber ersetzen. Es geht um ein Mit- und nicht ein Gegeneinander. Im Einsatz haben Drohnen beispielsweise in besonderen topografischen Lagen wie engen Talkesseln einen Vorteil. Dafür können Hubschrauber viel größere Gebiete überfliegen und sind nicht so ortsgebunden wie Drohnen, die wir aufgrund der rechtlichen Bestimmungen in Österreich nur auf Sicht fliegen dürfen.

Was sind im Einsatz die größten Herausforderungen?

Die Challenge beginnt erst, wenn die Technik ausfällt. Wir sind aber darauf trainiert und können damit umgehen. Die wirklichen Herausforderungen liegen eher im visuell-technischen Bereich wie der Bildübertragung. Aktuell arbeiten wir daran, ein einheitliches System zu implementieren, damit eine Kollegin oder ein Kollege in Wien sich in Echtzeit die Bilder vom Drohnenflug einer Kollegin oder eines Kollegen in Vorarlberg anschauen kann.

Was war bisher Ihr spektakulärster Einsatz?

Mit Sicherheit letztes Jahr der Waldbrand in Hirschwang an der Rax. Das war sowohl vom Umfang als auch der Koordinierung mit anderen Einsatzkräften eine Herausforderung. Wir haben in der Nacht die Glutnester detektiert und den Hubschrauberpiloten die GPS-Daten geschickt, damit sie, am nächsten Tag, gezielt die Brandherde haben löschen können. Das war wirklich eine super Zusammenarbeit und da bin ich auch stolz auf unsere geleistete Arbeit.

Welche Drohnenmodelle kommen derzeit zum Einsatz?

Je nach Einsatzzweck und -gebiet verwenden wir die Phantom 4 Pro V2, Mavic 2 Enterprise Advanced sowie die Matrice 300 RTK. Die drei Typen unterscheiden sich in ihrer Größe, Reichweite und technischem Equipment. Die Phantom hat beispielsweise eine 12-Mega-Pixel-Kamera, aber kein Zoom und keine Wärmebildkamera. Mit der Matrice 300 RTK kann ich hingegen aus 1.000 Meter Entfernung noch ein Autokennzeichen ablesen. Aktuell haben wir ca. 100 Drohnen und 300 Pilotinnen und Piloten im Einsatz.

Ist Drohnenpilot ein Fulltime-Job?

Phantom 4 Pro V2: Eines der drei Drohnenmodelle der Bundespolizei.
Phantom 4 Pro V2: Eines der drei Drohnenmodelle der Bundespolizei.
© Flugpolizei

Eigentlich schon, im Moment sind aber mein Stellvertreter und ich die Einzigen, die das hauptberuflich machen. Die anderen Kolleginnen und Kollegen machen das neben ihrer Hauptaufgabe. Unser Ziel ist daher eine eigene Drohnen-Dienststelle, um noch effizienter und professioneller arbeiten zu können. Das Thema Drohnen entwickelt sich sehr dynamisch weiter, da muss man am Ball bleiben. Die Kolleginnen und Kollegen von der Kripo machen ihre Arbeit auch nicht im „Nebenberuf“. Es gibt auch genug begeis­terte Pilotinnen und Piloten, was fehlt sind Planstellen. Unser Ziel ist, analog zur bemannten Luftfahrt, die Flugeinsatzstellen im Bundesgebiet so zu verteilen, dass unsere Drohnenpilotinnen und -piloten innerhalb von 30 Minuten an jedem Ort in Österreich einsatzbereit sind.

Woher kommt Ihre Leidenschaft fürs Fliegen?

Vor 30 Jahren habe ich das erste Mal meine große Leidenschaft zum Beruf gemacht: Mit 20 Jahren habe ich bei der Landesverkehrsabteilung Wien als „weiße Maus“ bei der Motorradstaffel begonnen. Letztes Jahr wurde ich dann gefragt, ob ich bei der Flugpolizei eine Dienststelle für Drohnenpilotinnen und -piloten mitaufbauen möchte. Da ich seit 2006 leidenschaftlicher Modellflieger bin, habe ich keine Sekunde gezögert. Meiner Meinung nach kann man in etwas nur gut sein, wenn man es mit Leidenschaft macht – und die habe ich für meine neue Aufgabe.

Interview: Jürgen Belko

Zur Person

Kontrollinspektor Thomas Hahn wurde am 10. April 1969 geboren und trat 1984 in den Polizeidienst ein. Von 1987 bis 1991 arbeitete der passionierte Modellflieger in der Sicherheitswache im 15. Wiener Bezirk. 1991 wechselte er als Motorradpolizist in die Wiener Landesverkehrsabteilung (LVA). 1995 absolvierte Hahn die Ausbildung zum dienstführenden Beamten und ist seit August 2021 UAV-Ausbildungsleiter bei der Flugpolizei.


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2022

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