Justizwache

Bei der Justiz wache gibt es seit 1994 vollwertig eingesetzte Frauen; ihr Anteil beträgt derzeit 18 Prozent.
Bei der Justiz wache gibt es seit 1994 vollwertig eingesetzte Frauen; ihr Anteil beträgt derzeit 18 Prozent.
© Daniel Schalhas

„Unsere Waffe ist das Wort“

Von der Anstaltsleiterin bis zur Berufsanfängerin: Frauen sind in der Justizwache heute in so gut wie allen Bereichen der Justizanstalten tätig. Ein Beruf zwischen Gefahren und Normalität.

Sie sind das letzte Glied in der Kriminalitätsbekämpfung und leisten eine der wichtigsten Aufgaben zur Sicherheit in Österreich – die Beaufsichtigung, Betreuung, Kontrolle, Erziehung, Ausbildung und Resozialisierung von Straftätern – die Justizwachebeamten. In den österreichweit 28 Justizanstalten und 13 Außenstellen werden mit Stand 1. Juli 2021 8.471 Insassinnen und Insassen angehalten. Der Frauenanteil liegt bei 6,56 Prozent. Über 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügt der österreichische Strafvollzug derzeit.
„Acht von zehn Mitarbeitern gehören der Justizwache an, jede fünfte davon ist eine Frau,“ erklärt Amtsdirektorin Regierungsrätin Gerda Tuider, Leiterin der Personalabteilung im Strafvollzug. Der Einsatz von Frauen im Straf- und Maßnahmenvollzug wird heute als immens wichtig angesehen. „Sie bringen eine gesellschaftliche Normalität in die Gefängnisse“, sagt Tuider. „Viele der Inhaftierten müssen erst einen angemessenen Umgang mit Frauen lernen, allein schon deshalb sind weibliche Justizwachebedienstete zur Resozialisierung unverzichtbar.“

Frauen sollen eine gesellschaftliche Normalität in die Gefängnisse bringen und zur Resozialisierung beitragen.
Frauen sollen eine gesellschaftliche Normalität in die Gefängnisse bringen und zur Resozialisierung beitragen.
© Daniel Schalhas

Ein Blick zurück.

Ende 1947 fand in der Justizwachschule Angeliusgasse 35 in Wien-Favoriten der „1. Frauenkurs“ statt. „Insgesamt 23 Frauen wurden damals ausgebildet. 3 haben die Ausbildung mit Auszeichnung, 23 mit einer sehr guten und 8 mit einer guten Leistung absolviert. In den Strafhäusern durften aber keine weiblichen Justizwachebediensteten zum Einsatz kommen und sie wurden nur im Tagdienst, also einem Dienst ohne Waffe, eingesetzt“, sagt Tuider. Erst seit 1994 sind Frauen als vollwertige Justizwachebedienstete zugelassen. Lag ihr Anteil 1995 noch bei mageren 6,2 Prozent, so konnte er mittlerweile auf 18 Prozent angehoben werden. Unter den Berufsanfängern liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent./p>

Frauen in allen Bereichen.

Heute sind weibliche Justizwachebedienstete ihren männlichen Kollegen gleichgestellt. Sie versehen Nachtdienst mit Waffe, durchlaufen die idente Ausbildung und verdienen dasselbe. Zwei Justizanstalten werden mittlerweile von weiblichen Offizieren geleitet. Eine von ihnen ist Oberst Mag.a Seada Killinger, BA MA, sie leitet die Justizanstalt Krems mit 177 Haftplätzen.

Seada Killinger leitet seit Juni 2021 die Justizanstalt Krems.
Seada Killinger leitet seit Juni 2021 die Justizanstalt Krems.
© Privat

„Ich habe sehr jung im Strafvollzug angefangen und alle Ausbildungen bis zur Offizierin absolviert“, sagt Killinger. „Berufsbegleitend habe ich drei akademische Studien und viele Zusatzausbildungen abgeschlossen. Ich habe in fast allen Bereichen des Strafvollzugs gearbeitet. Dabei habe ich immer Unterstützung von meinen Vorgesetzten erfahren und wurde auf meinem Karriereweg begleitet. Heute kann ich sagen, dass ich eine aus dem System gewachsene Anstaltsleiterin bin und Freude an meiner Funktion habe.“
Ursprünglich war der Beruf der Justizwachebeamtin nur als abwechslungsreicher, gut bezahlter Studentenjob gedacht. Dass sie hier ihre Berufung fand, war damals nicht absehbar. „Nach 22 Jahren im Strafvollzug, ist es ein Beruf für mich wie jeder andere. Für mich ist die spannendste Herausforderung im Alltag die Auseinandersetzung mit Straftätern, die aus unterschiedlichsten kulturellen und gesellschaftlichen Systemen kommen und verschiedene biografische Entwicklungen aufweisen. Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, bedarf es eines hohen Maßes an Kommunikationsfähigkeit, Durchsetzungsstärke, Empathie, Bodenständigkeit sowie Flexibilität von den Bediensteten – und das unabhängig des Geschlechtes.“
Killinger möchte einen modernen, menschenrechtskonformen und präventiven Vollzug gestalten. „Die Justizwache leistet einen wichtigen Beitrag für die innerstaatliche Sicherheit. Wir sind Nischenspezialisten und erbringen mit unserer Arbeit im Strafvollzug einen wertvollen Dienst an der Gesellschaft.“

Leiterinnen.

Cornelia Wallner, seit 1994 in der Justizanstalt Gerasdorf.
Cornelia Wallner, seit 1994 in der Justizanstalt Gerasdorf.
© Privat

Weiteren vier Frauen ist die stellvertretende Leitung einer Justizanstalt übertragen und es gibt auch im Justizwachkommando der Justizanstalten bereits weibliche Führungskräfte, eine unter ihnen ist die stellvertretende Justizwachekommandantin Kontrollinspektorin Cornelia Wallner. Sie ist seit 1994 im Dienst und war damals eine der ersten vier Frauen, die in der Justizanstalt Gerasdorf, einer Sonderanstalt für Jugendliche mit 122 Haftplätzen, ihren Dienst versehen sollte. Sie stammt aus einem Justizwache-Elternhaus. Gleichbehandelt gegenüber ihren männlichen Kollegen fühlt sie sich nicht: „Deshalb engagiere ich mich seit Jahren für die Gleichbehandlung und stehe als Kontaktfrau in der Justizanstalt Gerasdorf den Kolleginnen zur Seite und spreche dieses Thema auch immer wieder an.“
26 Jahre war sie im direkten täglichen Umgang mit Insassen, davon 15 Jahre Werkstättenleiterin in einem Betrieb mit sehr schwierigen Insassen. Brenzlige Situationen im Dienst kennt sie zur Genüge. „Bisher richteten sich die Aggressionen meist gegen andere Insassen oder Personen und ich konnte die Situation zeitgerecht richtig einschätzen und deeskalierend einwirken.“
Auch im Justizwachkommando, dem die Leitung des gesamten Exekutivdienstes einer Justizanstalt obliegt, sind fünf Frauen tätig, davon eine als Kommandantin. Frauen haben heute keine Sonderstellung in den Justizanstalten. In den 812 Mitglieder zählenden Betriebsfeuerwehren und Brandschutzgruppen der Justizanstalten sind 71 Frauen tätig.

„Cobra der Justiz“.

Die 635 Mitglieder starke Justizwache-Einsatzgruppe, die als „Cobra der Justiz“ gilt, umfasst 63 Frauen. Die in jeder Justizanstalt eingesetzte Elitegruppe besteht seit 20 Jahren und ist für heikle Aufträge zuständig. Jüngst kamen einige der Beamten bei den Dschihadisten-Prozessen vermummt und schwer bewaffnet zum Einsatz. Innerhalb der Gefängnisse sind sie für die Aufrechterhaltung der Ruhe, Ordnung und Sicherheit in heiklen Situationen verantwortlich, was ihr oftmaliges Einschreiten bei Raufereien von Insassen erklärt.

Kommandantin.

Bezirksinspektorin Maria Wagner war über 20 Jahre lang Mitglied einer solchen Spezialeinheit, seit 2016 ist sie Kommandantin: „Ich habe mehrere brenzlige Situationen erlebt bzw. war als Verantwortliche vor Ort etwa bei einer versuchten Geiselnahme. Der Job klingt allerdings wesentlich unsicherer, als er ist. Meine nunmehr über 25-jährige Berufserfahrung hat mir gezeigt, dass die sogenannten „Schwerverbrecher“, also Menschen mit langen Haftstrafen, erheblich umgänglicher sind als die „Kleinkriminellen“. Ich finde, dass Insassen bei Beamtinnen weniger aggressiv sind.“
1995 war Maria Wagner als alleinerziehende Mutter und Friseurin auf der Suche nach einem anspruchsvolleren Job und einer besseren Verdienstmöglichkeit. Im September 1995 begann sie mit der Grundausbildung. Ihr Weg führte sie durch so ziemlich alle Bereiche einer Justizanstalt. Heute ist die Anstaltsleiterin auch Betriebsleiterin der Bäckerei und Lehrbeauftragte der Strafvollzugsakademie.
„Der Weg als Frau in einem männerdominierten Job ist nicht immer ein Kinderspiel. Als Frau möchte man aber nicht bevorzugt werden. Der Weg zu gewissen Aus- und Fortbildungen bzw. Jobs ist dann aber wieder wesentlich schwerer zu erarbeiten als Frau. Da ich aber lernbereit und willensstark bin, habe ich mit Leistung viele Ziele erreicht und dementsprechend Anerkennung erhalten“, sagt Wagner. Angst kenne sie keine, jedoch sei man mit Respekt vor besonders gefährlichen Personen, insbesondere vor psychisch kranken Menschen, gut beraten. Maria Wagners Leitsatz in der Einsatzgruppe „Unsere stärkste Waffe ist das Wort.“

Maria Wagner (li.), Kommandantin der Justizwache-Einsatzgruppe in der Justizanstalt Wien-Josefstadt.
Maria Wagner (li.), Kommandantin der Justizwache- Einsatzgruppe in der Justizanstalt Wien-Josefstadt.
© Justizwache

„Ächte die Tat, aber achte den Täter.“

Das lernen die Aspirantinnen und Aspiranten schon früh in der einjährigen Grundausbildung zum Justizwachebeamten. „Grundsätzlich ist es das Bestreben des Strafvollzuges, präventiv und unter dem Aspekt der Achtsamkeit Ausnahmesituationen vorzubeugen“, erklärt Oberst Martin Hoffmann, Leiter der Abteilung Grundausbildung in der Strafvollzugsakademie. „Insbesondere in den Unterrichtsgegenständen Psychologie und Psychiatrie wird auf die besondere Situation und die Auswirkungen der Haft sowie auf verschiedene psychische Zustands- und Krankheitsbilder eingegangen.
Zudem müssen die angehenden Justizwachebeamtinnen und -beamten eine international zertifizierte Ausbildung im Bereich Kommunikation, Teambuilding und Konfliktmanagement absolvieren. Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sich im Strafvollzug der Leitspruch ,ächte die Tat, aber achte den Täter‘ etabliert. Dieser geht mit den gesetzlichen Zielen des Strafvollzuges einher, wonach zwar der Unwert der Tat aufgezeigt, aber die menschenwürdige Behandlung der Insassen/innen einen unumstößlichen Standard des österreichischen Strafvollzugs definiert.“
Die tatsächliche Anzahl der auszubildenden Justizwachebeamten richtet sich nach den jeweiligen Bedürfnissen der Justizanstalten sowie nach der Bedeckung im aktuellen Personalplan. „Am Beispiel des Jahres 2020 haben insgesamt 142 Auszubildende, davon 48 weibliche, erfolgreich abgeschlossen“, sagt Hoffmann. „Zusätzlich haben weitere 210 Auszubildende, davon 73 weibliche, eine Ausbildung im Jahr 2020 begonnen, die sie aller Voraussicht nach 2021 abschließen werden.“

Uniform statt Business-Outfit.

Berufsanfängerin Claudia Paluch ist sich der erhöhten Gefährdung bei der Justizwache bewusst.
Berufsanfängerin Claudia Paluch ist sich der erhöhten Gefährdung bei der Justizwache bewusst.
© Justizwache

Unter ihnen ist Berufsanfängerin Inspektorin Claudia Paluch. Sie tauschte mit ihren 27 Jahren das Business-Outfit als Bankangestellte gegen die Uniform und ist in der Justizanstalt Wien-Josefstadt, mit 990 Haftplätzen die größte Haftanstalt Österreichs, tätig. Auf einer sogenannten „Wachzimmer-Planstelle“ universell einsetzbar, ist sie auch in der Insassenbibliothek und dem Insassensport tätig.
Was dem einen Angst macht, ist für sie Herausforderung. „Natürlich erlebe ich Umgebungsreize, die mir unangenehm sind, diese erlebe ich draußen aber genauso. Wir haben bestimmte Sicherheitsvorkehrungen, Ausbildungen, Alarmmelder, Kameras, Ausrüstungsgegenstände, aufmerksame Kolleginnen und Kollegen, medizinisches Personal, um im Anlassfall entsprechend handeln zu können.“
Auch mit unpassenden Sprüchen kann sie gut umgehen: „Ich weise bestimmend auf das Fehlverhalten hin und fordere dazu auf, dieses zu unterlassen. Einmal wollte ein Insasse erfragen, ob ich auf der sozialen Plattform „Facebook“ registriert bin, ich habe ihn daraufhin gefragt, ob er denn im unerlaubten Besitz eines Handys sei und sein Haftraum genauer angesehen werden soll. Er zog die Frage zurück.

Bei Beleidigungen

Bei Beleidigungen können Sanktionen verhängt werden, sollte das Verhalten ausarten und von strafrechtlicher Relevanz sein, kann es ein Strafverfahren nach sich ziehen und unter Umständen zu einer Verlängerung der Haft führen.“ Dennoch ist die Arbeit in Justizanstalten nicht ungefährlich. „Wer in einem Gefängnis arbeitet, dem ist klar, dass er es mit Menschen zu tun hat, die teilweise vor Gewalt nicht zurückschrecken, auch wenn sie inhaftiert sind“, sagt Tuider. „Daher ist die Justizwache auch einer erhöhten Gefährdung von Leib und Leben ausgesetzt. Zudem ist unbestritten, dass durch die stete Zunahme psychisch auffälliger, zunehmend gewaltbereiter und substanzabhängiger Straftäter das Arbeiten in den Justizanstalten noch ein Stück weit gefährlicher geworden ist.“

Justizwachebedienstete sind in der Aufsicht und Betreuung von Untersuchungshäftlingen, Strafgefangenen und Personen tätig, die in einer vorbeugenden Maßnahme in einer österreichischen Justizanstalt untergebracht sind.
Justizwachebedienstete sind in der Aufsicht und Betreuung von Untersuchungshäftlingen, Strafgefangenen und Personen tätig, die in einer vorbeugenden Maßnahme in einer österreichischen Justizanstalt untergebracht sind.
© Daniel Schalhas

Mehrbelastung im Dienst.

Wurden 2016 31 Justizwachebedienstete bei Übergriffen verletzt, so waren es 2020 66, wobei hier aber nur jene Justizwachebediensteten gezählt wurden, die in Folge auch im Krankenstand waren. Die Zahl der Bediensteten, die bei diesen Übergriffen zwar verletzt, aber keinen Tag im Krankenstand waren, liegt mit 73 Bediensteten 2020 weit höher. „Herausfordernd sind die stets steigenden Insassenzahlen bei gleichbleibender Personaldichte“, sagt Tuider. „Freie Tage halten oft nicht und es sammelt sich eine Menge an Überstunden an. Natürlich unterstützt die Strafvollzugsverwaltung hier die Bediensteten bestmöglich.“

Kurse

Kurse zur Erlernung von Bewältigungsstrategien und deeskalierender Maßnahmen sowie zur Stärkung der eigenen Persönlichkeit werden daher regelmäßig angeboten. Eine der wichtigs­ten Herausforderungen ist es aber, und das gilt für männliche Justizwachebe-dienstete gleichermaßen, eine geeignete Körpersprache, eine bestimmende Wortwahl und entsprechende Deeskalationsmechanismen für den Umgang mit den Insassen zu finden, denn dadurch wird den Insassen am schnellsten bewusst, Anordnungen Folge zu leisten, auch wenn sie von einer weiblichen Justizwachbediensteten kommen.“

Frauenförderungsmaßnahmen

Frauenförderungsmaßnahmen gibt es viele. „Derzeit werden Arbeitsformen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wie Ausweitung von Teilzeit oder Einführung der Telearbeit geprüft,“ erklärt Gerda Tuider. „Darüber hinaus werden Frauen im Zusammenhang mit der Besetzung von Führungspositionen gezielt angesprochen und zu einer Bewerbung ermutigt. Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern, werden derzeit auch Überlegungen angestellt, bestimmte Teile der Grundausbildung als Hybridveranstaltung, also mit E-Learning-Anteil, zu führen.“
Wagt man einen Blick zehn Jahre vorwärts, sehen die Einschätzungen der Befragten sehr ähnlich aus: Der Anteil der weiblichen Justizwachebediensteten wird dann wohl österreichweit um die 25 Prozent liegen und ein Viertel der hochrangigen Funktionen in der Justizwache wird von Frauen bekleidet werden. Motivierende Aussichten für alle.

Julia Brunhofer/Herbert Zwickl


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2021

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