GEMEINSAM.SICHER

Gewalt an Frauen: "Sich SELBST BEWUSST sein": Eine GEMEINSAM.SICHER-Reportage

Drei Frauen in Zell am See haben der häuslichen Gewalt den Kampf angesagt. In einem Workshop reden sie mit Teilnehmerinnen, die Gewalt ausgesetzt waren, Gewalt verhindern oder Warnsignale für Gewalt frühzeitig erkennen wollen. Die Geschichte.

Das Reden gegen den Schrecken im eigenen Zuhause, gegen den Schrecken im Alltag, mit denen, die es am meisten betrifft: Mädchen und Frauen kommen zu Marion Herzog, sie kommen zu Sarah Dankl und Kathrin Gimpl, sie suchen am 24. Juni 2021 diesen Workshop über Gewalt auf, weil sie Gewalt ausgesetzt waren, Gewalt verhindern oder Warnsignale für Gewalt frühzeitig erkennen wollen. Alle diese Frauen, sie suchen jemanden, der zuhört, der Hilfe verspricht, sie finden das bei diesen drei Frauen in Zell am See, die entschlossen sind, der Gewalt an Frauen den Kampf anzusagen.

"Dieser Workshop des Projekts ‚GEMEINSAM.SICHER aus der Krise‘ könnte treffender nicht sein", betont Oberstleutnant Kurt Möschl, Bezirkspolizeikommandant von Zell am See. "Auch, weil die Zahlen bei häuslicher Gewalt im Bezirk so hoch wie nie sind." Ein Vergleich: "Bisher haben die Statistiken jährlich zwischen 60 und 80 Wegweisungen aufgezeigt, mit 59 haben wir heuer die Zahl 60 schon fast erreicht." Spitzenwert seien vier Wegweisungen in einer Nacht gewesen, ergänzt der Kommandant. Marion Herzog, die Sicherheitsbeauftragte der Polizeiinspektion Zell am See, habe diese Initiative wieder neu belebt, setzt Möschl fort. "Man braucht ein Herz für diese Arbeit, und Marion hat dieses Herz."

Es ist ein Lehrsaal in der Regionalstelle Pinzgau des Berufsförderungsinstituts (BFI) Salzburg, in dem sich zehn Frauen eingefunden haben. Ein Vormittag, der ihnen, ihren Sorgen und Ängsten gewidmet ist. Gastgeberin ist Mag. Astrid Leitinger, Leiterin der Regionalstelle Pinzgau. "Dieser Workshop, es handelt sich um eine AMS-Maßnahme, die vom BFI durchgeführt wird, bewirkt so viel", sagt sie, und setzt fort: "Das BFI Salzburg führt im Auftrag des AMS schon viele Jahre Schulungsmaßnahmen für Frauen und Wiedereinsteigerinnen durch." Im Fokus stehe neben einer Arbeitsaufnahme auch die Stärkung des Selbstvertrauens und Selbstbewusstseins, sagt sie. "Der Workshop von Marion Herzog ergänzt diese Inhalte ideal und baut Berührungsängste ab. Wir freuen uns, dass wir diese wichtige Präventionsarbeit im geschützten Rahmen begleiten dürfen und Frauen die Möglichkeit haben, heikle Themen zwanglos und vorurteilsfrei ansprechen zu können."

Grenzen erkennen, setzen und wahren können

Initiatorin des Workshops ist Marion Herzog, Sicherheitsbeauftragte der Polizeiinspektion Zell am See in Salzburg. Begonnen habe alles 2019, "vor dem Sommer", erzählt sie. "Als sich das Berufsförderungsinstitut Zell am See bei der Kriminalprävention über Veranstaltungen für Frauen zum Thema ‚Häusliche Gewalt‘ erkundigt hat – das Thema ist von Kurs-Teilnehmerinnen angesprochen worden." Von der "Prävention" sei ein zweistündiger Vortrag ausgearbeitet worden, mit Hilfsangeboten sowie Informationen über Beratungsstellen und das Gewaltschutzgesetz. "Man wollte langfristig mit der Polizei zusammenarbeiten – also arbeitete man ein Jahr später mit dem Frauenhaus und dem Landeskriminalamt, AB4, den Workshop ‚Sich SELBST BEWUSST sein‘ aus."

Im Oktober 2020 sei der Workshop erstmals abgehalten worden, "dann ist die Corona-Pandemie gekommen." Bezirksinspektorin Sarah Dankl vom Landeskriminalamt Salzburg unterstützt Herzog, sie sagt: "Der Workshop ‚Sich SELBST BEWUSST sein‘, in Zusammenarbeit mit dem BFI und dem Frauenhaus Pinzgau, ist eine tolle Möglichkeit, Frauen jeden Alters für ein selbstbewusstes und sicheres Auftreten zu sensibilisieren." Und ergänzt, dass der Fokus daraufgelegt werde, eigene Grenzen zu erkennen, zu setzen und diese Grenzen auch wahren zu können.

Die Dritte im Bunde ist Mag. Kathrin Gimpl, psychosoziale Beraterin vom Frauenhaus Pinzgau. "Frauenhäuser sind eine wesentliche und wichtige Säule, damit Frauen wissen, wohin sie sich wenden können." Frauen, die oft jahrelange schwere Gewalt erlebt hätten, bräuchten viel Unterstützung durch Frauenberatungsstellen, "oft auch begleitend durch Polizei und Justiz, um diesen Frauen zu ihrem Recht verhelfen zu können." Gewalt an Frauen sei kein Kavaliersdelikt, sei keine Privatangelegenheit, "das ist eine massive Menschenrechtsverletzung", hebt Gimpl hervor.

Weiterentwicklung geplant

"Das Programm ‚Sich SELBST BEWUSST sein‘ ist sehr einfach gegliedert", erklärt Herzog. Es werde mit Frauengruppen in kleiner Teilnehmerinnenzahl abgehalten. Jedoch: Es sei eine Weiterentwicklung des Programms geplant, "weil wir es auch für Männer und Jugendliche beider Geschlechter anbieten möchten". Im ersten Teil des Workshops stünden Übungen zur richtigen Körperhaltung, zum Setzen von Grenzen auf dem Programm, sagt Herzog. "Teilnehmerinnen werden dabei eingeladen mitzumachen." Das Selbstbewusstsein werde angesprochen. Die Wirkung des richtigen Auftretens. Situationen müssten beurteilt werden. "Wir bringen Alltagssituationen als Beispiele und besprechen das richtige Verhalten in der Gruppe." Das betreffe Grenzüberschreitungen und auch strafrechtlich relevante Taten.

Häusliche Gewalt werde im zweiten Teil besprochen, auf Grundlage des Films vom Innenministerium "Trautes Heim". Der Film werde an ausgewählten Stellen unterbrochen, "dann werden Fragen gestellt, Diskussionen angeregt". Und im dritten und letzten Teil des Workshops würden Hilfsangebote und Beratungsstellen wie das Frauenhaus Pinzgau vorgestellt.

"PinzPower – Gewaltfreier Pinzgau"

"Ein weiteres Projekt, das vom Bezirkspolizeikommando Zell am See im Rahmen von GEMEINSAM.SICHER wiederbelebt worden ist und sich dem Thema ‚Beziehungsgewalt‘ widmet, heißt ‚PinzPower – Gewaltfreier Pinzgau‘", erzählt die Sicherheitsbeauftragte Herzog. Es seien Vertreterinnen und Vertreter von Justiz, dem Gewaltschutzzentrum, dem hiesigen Frauenhaus, dem Kinderschutzzentrum und der Kinderseelenhilfe sowie des Tauernklinikums, des Vereins Neustart, der Männerwelten und der Bezirkshauptmann vertreten gewesen, sagt Herzog. "Das erste Treffen hat im Oktober 2019 stattgefunden, das vorerst letzte ist am 5. Mai 2021 gewesen, ein weiteres Treffen ist im Oktober 2021 geplant."

(RGL)

Marion Herzog, die Initiatorin des Workshops und Sicherheitsbeauftragte der Polizeiinspektion Zell am See.
Foto: ©  BMI/Gerd Pachauer
Sarah Dankl vom Landeskriminalamt Salzburg.
Foto: ©  BMI/Gerd Pachauer
Oberstleutnant Kurt Möschl, Bezirkspolizeikommandant von Zell am See.
Foto: ©  BMI/Gerd Pachauer
Sarah Dankl und Marion Herzog mit  Kathrin Gimpl vom Frauenhaus Pinzgau und Astrid Leitinger, der Leiterin der Regionalstelle Pinzgau.
Foto: ©  BMI/Gerd Pachauer

Artikel Nr: 18832 vom Montag, 2. August 2021, 10:00 Uhr
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