Interview

Herr Weinberger, hätten Sie das jemals gedacht?

Revierinspektor Julian Weinberger ist ein "pfiffiger" Polizist – am 6. Jänner 2018 wurde ihm in Salzburg das FIFA-Abzeichen überreicht, die höchste Auszeichnung im Schiedsrichterwesen. Er darf damit 2018 auch internationale Fußballspiele leiten. Bilder der Überreichung in der Slide-Show unten. Ein Porträt von Reinhard Leprich.

Der Polizist Julian Weinberger gehört zu "denen", über die so mancher sagt, es gehe zwar nicht ohne sie, es mag sie aber trotzdem kaum einer – zu den Schiedsrichtern. Am 6. Jänner 2018 wurde ihm in Salzburg von Robert Sedlacek, dem Vorsitzenden der ÖFB-Schiedsrichterkommission, und Jaap Uilenberg, Mitglied der UEFA-Schiedsrichterkommission, das wohl am heißest begehrte Wappen überreicht, das es im Schiedsrichterwesen gibt: das FIFA-Abzeichen 2018. Julian Weinberger darf mit diesem Wappen im Jahr 2018 auch internationale Spiele im Fußball leiten, als einer von sieben Österreichern. Für den Polizisten aus Wien fand damit ein Weg seinen vorläufigen Höhepunkt, den er bereits im Alter von 15 Jahren zu gehen begonnen hatte.

Einstieg im Jugendalter

Die Karriere des Polizisten vom Wiener Stadtpolizeikommando Meidling als Schiedsrichter begann 2001. Im Alter von 15 Jahren nahm er an einem Schiedsrichterkurs teil, "weil mein Vater mich auf diesen Kurs aufmerksam gemacht hat und ich mich für Fußballregeln interessiert habe". Weinberger war zu der Zeit noch Nachwuchsspieler. Ziemlich schnell wurde das Talent des jungen "Unparteiischen" entdeckt, der Aufstieg ging zügig voran. 2008 leitete er bereits Regionalligaspiele. 2013 wurde er für Spiele in der 2. Bundeliga nominiert, zwei Jahre später debütierte er in der höchsten österreichischen Spielklasse beim Spiel SV Ried gegen Grödig. Innenminister Herbert Kickl zeigt sich von diesem rasanten Aufstieg begeistert. "Als ehemaligem Fußballer und Sportler freut es mich ganz besonders, dass wir einen Mitarbeiter wie Julian Weinberger in unseren Reihen haben, der auch auf dem Fußballfeld für die Einhaltung klarer Regeln sorgt. Ich bin sehr stolz darauf, dass es ein Polizist geschafft hat, Spiele im Bundesliga-Bereich und jetzt sogar als FIFA-Schiedsrichter leiten zu dürfen."

"Bei Revierinspektor Julian Weinberger ist die moralische und ethische Lebenseinstellung stark ausgeprägt, deshalb kann er beide Aufgaben, jene des Polizeibeamten und jene des Schiedsrichters, bestens ausüben", sagt Oberst Klaus Hölscher, Kommandant des Stadtpolizeikommandos Meidling. "Bei beiden Aufgaben ist er gefordert, korrekt und gerecht zu sein, um anerkannt zu werden und als Garant für ein konfliktfreies Miteinander agieren zu können – wir wünschen ihm für seine Tätigkeit als FIFA-Schiedsrichter alles Gute und viel Glück."

Julian Weinberger im Interview

Redaktion: Herr Weinberger, haben Sie jemals daran gedacht, internationale Spiele leiten zu dürfen?

Weinberger: Mein Ziel war am Anfang, Kinderspiele zu pfeifen und die andere Sichtweise kennenzulernen, jene des Schiedsrichters. Erst mit 18 hab ich zum ersten Mal überlegt, dass daraus mehr werden könnte …"

Redaktion: …als die Ersten gesagt haben, der hat Talent als Schiedsrichter.

Weinberger: Ja, da hab ich zum ersten Mal an Bundesligaspiele gedacht, aber an mehr nicht. Ich hab ja selber noch gespielt, und nebenbei an Samstagen Kinderspiele gepfiffen. Mit 18 hab‘ ich mich entscheiden müssen, entweder ich werde Schiedsrichter oder bleibe Fußballer. Als Fußballer war es für den Profibereich zu wenig.

Redaktion: Im September 2007 sind Sie zur Wiener Polizei gekommen, seit Juli 2009 arbeiten Sie in der Polizeiinspektion Preindlgasse im SPK Meidling. Was haben Polizisten und Schiedsrichter gemeinsam?

Weinberger: Als Schiedsrichter musst du Entscheidungen treffen – das muss man als Polizist auch, oft innerhalb von Sekunden. Das hat mir später als Polizist in meinen Anfangsjahren geholfen. Als 15-Jähriger war es oft nicht einfach, ein Spiel zu leiten – draußen die Eltern und Trainer, die reinschreien, und du musst den Fußballregeln Geltung verschaffen.

Redaktion: Haben Sie gelernt, mit Kritik umzugehen?

Weinberger: In einem Stadion mit 15.000 Zuschauern hört man Kritik oder einzelne Beleidigungen nicht heraus. Sprechchöre bekommt man natürlich mit. Schlimmer ist es, wenn bei 20 Zuschauern, wie das früher war, einer dabei ist, der dich anschreit und beleidigt. Auch Zeitungskritik ist nicht wichtig. Kommt Kritik von einem Spieler, gehe ich auf ihn zu und sage ihm, dass das nicht korrekt war – Spielerbeleidigungen kommen im Profibereich aber kaum vor. Wichtig für mich sind die Meinungen des Schiedsrichter-Beobachters, der im Stadion sitzt, die meiner Vorgesetzten von der ÖFB-Schiedsrichter-Kommission und die meiner engsten Schiedsrichter-Kollegen.

Redaktion: Gibt es Smalltalk mit Spielern während des Spiels?

Weinberger: Nach vielen Entscheidungen gibt es ein kurzes Gespräch mit den Spielern, das versuche ich partnerschaftlich und kollegial zu gestalten. Wenn man in der 89. Spielminute einen Strafstoß gegen den Heimverein geben muss, dann ist er zu geben, auch wenn nachher 10.000 Zuschauer schreien oder elf Spieler dich kritisieren. Man braucht als Schiedsrichter den Mut, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen – auch da gibt es eine Überschneidung mit dem Beruf des Polizisten.

Redaktion: Wie bereitet man sich auf ein Spiel vor?

Weinberger: Die Spielvorbereitung ist der Schlüssel zu einer fehlerfreien Leistung als Schiedsrichter. Man recherchiert vor dem Spiel zu Taktik und Eigenheiten beider Teams, sieht sich an, welche Spieler gesperrt sind oder wie die Ergebnisse der letzten Spiele waren. Man versucht, sich auch taktisch vorzubereiten. Es gibt zum Beispiel Mannschaften, die viel in Ballbesitz sind, was bedeutet, dass es in solchen Spielen vermehrt zu Zweikämpfen kommen kann. Vorbereitung ist grundsätzlich notwendig, um gewisse Situationen antizipieren zu können.

Redaktion: Spielt auch die körperliche Vorbereitung eine Rolle?

Weinberger: Die Fitness ist sehr entscheidend, denn je näher man beim Spielgeschehen sein kann, desto besser kann man Szenen bewerten. Ich laufe zehn bis zwölf Kilometer pro Spiel. Deshalb müssen wir auch regelmäßig trainieren – einerseits beim sogenannten Stützpunkttraining (Stützpunkt Ost – Wien, Niederösterreich und Burgenland) mit den Bundesliga-Schiedsrichtern und Assistenten, andererseits alleine. Da trainiere ich Grundlagenausdauer und gehe in ein Fitnessstudio. Das Aufwärmprogramm am Spielfeld läuft ähnlich ab wie jenes der Spieler. Eine dreiviertel Stunde vor Spielbeginn gehen wir raus aufs Spielfeld und wärmen auf, allerdings ohne Ball.

Redaktion: Stehen Sie Spielern während des Spiels auch manchmal im Weg?

Weinberger: Kann schon mal passieren, dass man mitten im Spielgeschehen steht und nicht mehr wegkommt – das kommt aber selten vor. Da habe ich gelernt, ganz ruhig stehen zu bleiben, das merken die Spieler und spielen um dich herum. Bei manchen Spielern kennt man die Laufwege, da kommt das noch seltener vor.

Redaktion: Was war Ihre schlimmste Fehlentscheidung?

Weinberger: Natürlich passieren auch Fehlentscheidungen, aber es gehört dazu, damit zu leben, diese aufzuarbeiten, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Das versuche ich als Schiedsrichter, aber auch als Polizist. Eine meiner schlimmsten Fehlentscheidungen war bei einem Zweitligaspiel in der vergangenen Saison. In der ersten Spielhälfte wird ein Spieler gefoult und obwohl er laut aufgeschrien hat, war äußerlich nicht zu erkennen, dass er verletzt worden war. Ich hab ein Foul ohne Karte gegeben. In der Halbzeit hab ich die Info erhalten, dass es doch ein Foul mit einer gröberen Verletzung war – ich hätte eine zwingend rote Karte geben müssen. Nach dem Spiel hab ich mir die Szene auf Video angesehen, es war ein Schien- und Wadenbeinbruch. Das beschäftigt einen mehrere Tage.

Redaktion: Wie lässt sich das Schiedsrichter-Dasein mit dem Polizeiberuf vereinbaren?

Weinberger: Ohne die Unterstützung und Hilfe meiner Kolleginnen und Kollegen der Polizeiinspektion Preindlgasse, meiner Vorgesetzten und meines Abteilungskommandanten, Oberst Klaus Hölscher, sowie vom Referat I/13/b (Dienst-, Breiten- und Spitzensport) im Innenministerium, wäre das alles nicht möglich und ich hätte das nicht erreichen können. Deshalb möchte ich mich bei ihnen dafür ganz herzlich bedanken.

Redaktion: Danke für das Interview.

Links:

Polizist und FIFA-Schiedsrichter Julian Weinberger mit Innenminster Herbert Kickl.
Foto: ©  BMI/Alexander Tuma

Artikel Nr: 15441 vom Montag, 8. Jänner 2018, 06:55 Uhr
Reaktionen bitte an die Redaktion

Zurück

Presse und Medien

Donnerstag, 20. September 2018
Oberösterreich

Samstag, 22. September 2018
Vorarlberg

Samstag, 22. September 2018
Wien

Sonntag, 23. September 2018
Vorarlberg

Sonntag, 23. September 2018
Wien

zu den Terminen