Frankreich
Zwischen Mont Blanc und Pyrenäen
Die Bergrettung in Frankreich ist regional unterschiedlich organisiert. In den meisten Gebieten übernehmen Kräfte der Gendarmerie nationale oder der Police nationale die Einsätze.
Angehörige der französischen Hochgebirgsgendarmerie PGHM retten einen Verschütteten
© Petzl
Im Zentralmassiv, einem Gebirge in der Mitte des südlichen Frankreichs, ereignete sich am 25. Februar 2024 ein Lawinenunglück: Sieben Bergsteiger, die sich auf drei Seilschaften aufgeteilt hatten, wurden am Mont Dore von einer Lawine mitgerissen. Der in einem vulkanischen Berggebiet liegende Unfallort war als gefährlich bekannt. Ein Augenzeuge wählte die Telefonnummer eines ihm bekannten Suchhundeführers der Gendarmerie. Sofort wurden rund 50 Einsatzkräfte alarmiert, darunter die französische Hochgebirgsgendarmerie, drei Suchhundestaffeln der Feuerwehr, Pistenretter und Kräfte des Notfall-Rettungsdienstes SAMU.
Aufgrund des schlechten Wetters war eine Luftunterstützung nicht möglich. Von den sieben Bergsteigern konnten sich zwei vor der Ankunft der Rettungskräfte selbstständig befreien, ein weiterer wurde von Rettungskräften befreit. Die anderen vier, darunter der Bergführer, überlebten nicht. Gendarmen übernahmen die Unfallaufnahme und die Untersuchung der Unfallursachen.
Entscheidung des Präfekten.
Gemeinsamer Einsatz: Ein Team eines Airbus-Hubschraubers des Zivilschutzes und ein Bergretter der CRS Montagne
© WWW.GENDARMERIE.INTERIEUR.GOUV.FR
In Frankreich übernehmen oft die Einsatzkräfte der Polizei oder der Gendarmerie die Berg- und Alpinrettung. Wer was macht, ist allerdings nicht landesweit einheitlich geregelt, sondern unterscheidet sich regional. In einigen Gebieten ist eine Organisation alleinverantwortlich, so beispielweise die Hochgebirgsgendarmerie für das Gebirgsmassiv des Mont Blanc. In vielen Departements wechseln sich die Hochgebirgsgendarmerie und die Bergrettung der Police nationale wöchentlich ab.
Anders ist es in Hoch-Savoyen außerhalb des Gebirgsmassivs des Mont Blanc, denn dort gehen die Hochgebirgsgendarmen und die Bergretter der Feuerwehr gemischt vor – der Einsatztrupp bildet sich aus je einer Einsatzkraft beider Organisationen. Gemischte Formationen aus Gendarmerie und Bergrettung der Police nationale sind allerdings ausgeschlossen.
Hochgebirgsgendarmerie.
Ein Rettungshund der CRS Montagne wird ins Einsatzgebiet geflogen ©;Gerard Fayet
Die sowohl dem Verteidigungs- wie auch dem Innenministerium unterstellte Gendarmerie nationale hat mit der Hochgebirgsgendarmerie („Pelotons de Gendarmerie de Haute Montagne“, „PGHM“) eine eigene Bergrettungseinheit. Sie ist für die Suche, die Rettung und die Bergung spezialisiert. Ihre 21 Einheiten sind sowohl in den französischen Mittelgebirgen als auch im Hochgebirge – also den Alpen und den Pyrenäen – aktiv. Weitere Einsatzkräfte sind auf Korsika und La Réunion stationiert.
Die Hochgebirgsgendarmerie wurde 1958 gegründet und besteht derzeit aus 280 Einsatzkräften. Zu ihren Aufgaben gehören neben der Bergrettung die Unfallaufnahme und die Beweissicherung bei Alpinunfällen. Außerdem fungiert sie als Militärpolizei in der Rettung von Militärangehörigen sowie für die militärische Verteidigung im Gebirge.
Ihre Einsatzkräfte werden im nationalen Zentrum für Ski- und Alpinismus-Ausbildung der Gendarmerie in Chamonix ausgebildet. Diese umfasst neben einer militärischen Ausbildung den Abschluss mit dem Diplom zum Hochgebirgsbergführer.
Die Hochgebirgsgendarmerie wird durch weitere Gebirgsgruppen („Groupes Montagne Gendarmerie“, GMG) mit rund 450 Gendarmen unterstützt sowie zusätzlichen 6.500 Einsatzkräften aus den Gebirgs-Departements. Einer der tragischsten Einsätze der Hochgebirgsgendarmerie war – in Zusammenarbeit mit der CRS Montagne – im Jahr 2015 der Flugzeugabsturz der Germanwings in den französischen Alpen mit 150 Opfern.
Die Gebirgseinheiten der Police Nationale.
Auch die zur Police nationale gehörende „Compagnie républicaine de sécurité“ (CRS) hat eigene Gebirgseinheiten, genannt „CRS Montagne“. Ihre Ursprünge reichen zurück bis in die 1940er-Jahre. Erste CRS-Einheiten waren ab 1944 mit der Aufgabe der Überwachung der Grenzen und der Gebirgspässe in den Pyrenäen sowie den Alpen vertraut. Erst ab 1958 wurden sie in Vollzeit für die Bergrettung abkommandiert. Mit den 210 Einsatzkräften ihrer beiden großen Verbände, den CRS Alpes in Grenoble und den CRS Pyrénées in Lannemezan, decken sie Einsatzgebiete in beiden Hochgebirgen ab. Viele Einsatzkräfte üben neben der Bergrettung grenz- und kriminalpolizeiliche Aufgaben aus. Außerdem unterstützen sie andere Spezialkräfte wie beispielsweise die RAID, die Spezialeinheit der französischen Police nationale zur Bekämpfung des Terrorismus, oder die BRI, die bei schwerem Raub und Geiselnahmen alarmiert wird.
1955 wurde in Chamonix ihr nationales Trainingszentraum für Alpinismus gegründet. Es gilt als älteste französische Bergrettungsschule und als eine der ersten ihrer Art weltweit. Außerdem bildet sie Lawinenhundeführer für die anderen Organisationen aus und bietet Höhlen- und Canoyingrettung an.
Die Berg- und Höhenrettung der Feuerwehr.
Angehörige der PGHM: Die Mehrheit der Rettungseinsätze im Mont-Blanc-Gebiet erfolgt per Hubschrauber
© TERRAPICTURE.FR
Die Feuerwehren sind den Departements unterstellt. Nur in Paris und Marseille gehören sie als militärische Einheiten der französischen Armee bzw. der Marine an. Ihre Bergrettungseinheiten retten aus den Bergen sowie aus schwer zugänglichen Bereichen – aus Kletterwänden, Lawinen, Canyons und Gletscherspalten. Gegründet wurden die Bergrettungseinheiten erst 1993. Unter den ehren- und hauptamtlichen Einsatzkräften sind viele Bergführer, Pistenretter und Lawinenhundeführer. In den Mittelgebirgen, in den Städten und auf dem flachen Land sind hingegen klassische Höhenrettungs-Einheiten für die Rettung aus schwer zugänglichen Bereichen spezialisiert.
In Savoyen unterstützen ehrenamtliche Rettungsorganisationen wie die La Chamoniarde die Bergrettung. Die Retter werden als haupt- und ehrenamtliche Pistenretter und Bergführer im Bedarfsfall zur Unterstützung der Gendarmerie alarmiert, so bei Vermisstensuchen oder größeren Lawinenunglücken. Und es gibt einen weiteren Sonderfall: Auf Skipisten ist die Pistenwacht im Auftrag der Bürgermeister für die Rettung verantwortlich.
Hubschraubereinsätze im Teamwork.
CRS-Rettungskräfte bei einer Spaltenbergung © Gerard Fayet
Wie in ganz Frankreich sind in den französischen Alpen rund um die Uhr mehrere Hubschrauber abwechselnd in Bereitschaft – sowohl die blauen Gendarmerie-Hubschrauber als auch die gelben Zivilschutz-Hubschrauber. Geflogen wird ausschließlich der Airbus EC145. Die Hubschrauber stehen nicht exklusiv der Bergrettung zur Verfügung, die Gendarmerie nutzt sie auch für klassische Polizeieinsätze und der Zivilschutz löscht mit ihnen Waldbrände oder transportiert Unfallopfer. Zudem fliegt die SAF-Hubschrauber als private Akteurin in Savoyen mit zwei Helikoptern.
Im Einsatzalltag nutzen die Bergrettungskräfte die Hubschrauber aller Organisationen je nach Verfügbarkeit, wie ein Beispiel aus Korsika zeigt: Im September 2023 rettete eine Bergrettungsstaffel der Feuerwehr mit einem Zivilschutz-Hubschrauber eine verletzte Person. Am selben Tag rettete dieselbe GMSP-Staffel einen anderen Wanderer, diesmal mit einem Gendarmerie-Helikopter.
Benedikt Haufs
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2024
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