Kriminalgeschichte
Giftiges „Muster ohne Wert“
Eine Frau aus gutem Hause kam in finanzielle Schwierigkeiten und wollte ihre Cousine vergiften, um schneller erben zu können. Die Geschworenen fällten ein überraschendes Urteil.
Johann Castellez und Dienstmädchen Marie Zboril als Zeugen vor Gericht
© Illustrierte Kronen Zeitung, 20. Jänner 1911
Laura Morawek erhielt am 17. Juni 1910 in Leibnitz ein Päckchen ohne Absender, deklariert als „Muster ohne Wert“. Darin befanden sich eine Glückwunschkarte und Schokoladebonbons. Die 66-jährige Frau vermutete anhand des Poststempels, dass die Zuckerln von ihrer Wiener Cousine Berta Castellez stammten, die ihr zu besonderen Anlässen Pralinen sandte. Morawek bedankte sich daher brieflich bei ihrer Cousine für das Paket. Castellez schrieb zurück, dass das Paket nicht von ihr sei.
Laura Morawek aß nach und nach die Schokoladenstücke. Als sie eines Abends in ein Bonbon biss, spürte sie einen bittersalzigen Geschmack. Ihr wurde sofort übel und es setzten heftige Magenschmerzen und Brechreiz ein. Sie trank viel Milch, erbrach aber neuerlich und bekam heftigen Durchfall. In der Früh besserte sich ihr Zustand merklich.
Eine Verwandte Moraweks sorgte dafür, dass die angebissene Praline im physikalischen Instituts in Graz untersucht wurde. Die Untersuchung ergab, dass sich im Bonbon Quecksilberchlorid befand. Diese giftige Substanz wurde im medizinischen Bereich als Desinfektionsmittel verwendet. Der Institutsvorstand erstattete am 9. August 1910 Anzeige beim Landesgericht Graz. Nun schrieb Laura Morawek ihrer Cousine einen ironisch gehaltenen Brief, in dem sie sich für die „Giftpillen“ bedankte. Castellez antwortete neuerlich, dass das Päckchen nicht von ihr sei. Möglicherweise habe sie sich die Krankheitssymptome eingebildet oder verdorbenes Fleisch gegessen.
Tatmotiv Schulden.
1901 hatte Laura Morawek ihrer Tante Berta ein Sparbuch über 12.000 Kronen übergeben, nach heutiger Kaufkraft 106.000 Euro. Das Sparbuch sollte nach dem Tod der Tante deren Tochter Berta Castellez übergeben werden. Sie sollte das Geld nach Moraweks Tod erben. Als Gegenleistung verlangte Morawek, dass Castellez ihr zweimal im Jahr die Zinsen des Sparbuchkapitals übergibt, gleichsam eine kleine Leibrente auf Kapital. Nachdem die Tante gestorben war, übernahm ihre Tochter Berta das Sparbuch und leistete die Zinszahlungen an ihre Cousine Morawek. Im Juni 1910 schrieb sie an Morawek, sie könne die vereinbarte halbjährliche Zahlung wegen eines „Direktionswechsels in der Sparkasse“ und einer „dadurch notwendig gewordenen Inventur“ nicht sofort leisten. Nach der Anzeige des physikalischen Instituts begannen polizeiliche Ermittlungen in Richtung „Erbschaftsbeschleunigung“. Das Giftpaket war im Postamt Nordbahnhof aufgegeben worden. Von diesem Postamt hatte auch Berta Castellez ihre Briefe an Morawek versandt, weil sie in der Nähe wohnte. Außerdem stellte sich heraus, dass die Familie Castellez hoch verschuldet war.
Berta Castellez wurde am 7. Juni 1858 in Mährisch-Ostrau geboren. Ihr Vater war dort Fabriksdirektor. Sie besuchte die Handelsschule und heiratete als 23-Jährige Johann Castellez. Ihr Mann war Bahnstationsvorstand in Mährisch-Weißkirchen und danach Oberrevident in der Direktion der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn in Wien. Das Ehepaar hatte drei Kinder. Johann Castellez lebte über seine Verhältnisse und die Familie kam bald in finanzielle Schwierigkeiten. Zudem verspekulierte er sich bei einem Grundstücksgeschäft. Das Geld von Laura Morawek war nun weg und die Pension wurde gepfändet.
Berta Castellez wurde wegen des Verdachts des versuchten Giftmordes in Riedau in Oberösterreich festgenommen, wo sich die Familie zur Sommerfrische befand. Im Bezirksgericht Raabs unternahm sie einen Selbstmordversuch. Zuvor hatte sie mit einer Hutnadel in die Tischplatte eingeritzt, dass sie allein schuld an der Tat sei. Nach dem Selbstmordversuch versuchte sie, die Inschrift auf dem Tisch wieder wegzukratzen. Bertas Mann, ihre Tochter und ihr Halbbruder wurden ebenfalls verhaftet, aber bald wieder freigelassen.
Berta Castellez wurde am 26. August 1910 in das Wiener Sicherheitsbüro gebracht, wo sie vor dem Untersuchungsrichter ein Geständnis ablegte. Sie gab an, dass die finanziellen Schwierigkeiten immer größer geworden seien. Sie habe die Miete kaum zahlen können, ihr Dienstmädchen habe zuletzt keinen Lohn mehr erhalten und sie habe auch die Zinsen an ihre Cousine nicht mehr zahlen können. Aus Verzweiflung habe sie bei einem Zuckerbäcker Pralinen und eine Schachtel gekauft. Sie habe drei giftige Sublimatpillen zu einer Kugel geformt und mit Schokolade überdeckt. Das Giftbonbon habe sie in die unterste Lage der Schachtel gegeben und das Paket anonym an Laura Morawek geschickt.
Applaus für Fehlurteil.
Ende Jänner 1911 wurde der Geschworenenprozess gegen Berta Castellez wegen versuchten Meuchelmordes abgehalten. Im gerichtspsychiatrischen Gutachten wurde die Angeklagte zwar als „weniger widerstandsfähig“, aber nicht als geisteskrank beschrieben. Während der Tat sei sie nicht sinnesverwirrt und daher für den Mordversuch voll verantwortlich gewesen. Laut dem Sachverständigen hätte das Gift in der Praline gereicht, mehrere Menschen zu töten. Einige Zeugen, darunter das Dienstmädchen Marie Zboril, stellten der Angeklagten ein gutes Zeugnis aus. Sie sei eine anständige Frau, die immer nur für ihre drei Kinder dagewesen sei. Der Strafverteidiger appellierte an die Humanität der Geschworenen. Die Angeklagte sei eine ehrbare, gebildete Frau, ein Vorbild von Pflichterfüllung und eine liebevolle Mutter. Nach kurzer Beratung verneinten die Geschworenen einstimmig die Frage auf versuchten Meuchelmord. Berta Castellez wurde freigesprochen und im Gerichtssaal gab es Applaus und „Bravo“-Rufe.
Werner Sabitzer
Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2024
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