Philippinen

Gefängnis ohne Mauern

Auf der philippinischen Insel Palawan gibt es ein Gefängnis, das keine Mauern hat. Die Häftlinge arbeiten auf landwirtschaftlichen Flächen und verkaufen Kunsthandwerk an Besucher.

Gefängnisfarm Iwahig in Palawan; Vorführung traditioneller Tänze von Häftlingen für Besucher
Gefängnisfarm Iwahig in Palawan; Vorführung traditioneller Tänze von Häftlingen für Besucher © Werner Sabitzer

Die Gefängnisse im Inselstaat Philippinen sind meist überfüllt und die Häftlinge werden nicht ausreichend betreut und versorgt. In den Haftanstalten herrschen Angst, Gewaltausbrüche, Krankheiten, Hunger, Prostitution und Drogenkonsum. In manchen Gefängnissen wie im Quezon City Jail müssen sich mehrere Häftlinge ein Bett teilen oder dicht gedrängt auf dem Boden schlafen. Die harte Anti-Drogen-Politik des früheren Staatspräsidenten Duterte hat zu einer dramatischen Verschärfung der Situation in den großen Gefängnissen des Inselstaats geführt. 2023 befanden sich ungefähr 177.000 Verurteilte und Untersuchungshäftlinge in Gewahrsam, dreimal mehr, als in den Haftanstalten offiziell Platz hätten. Gelegentlich kommt es zu Gefangenenaufständen, die von den Sicherheitskräften blutig beendet werden.

Gefängnisfarm.

Auf der Insel Palawan, in der Nähe der Hauptstadt Puerto Princesa, gibt es eine riesige Gefängnisfarm ohne Mauern. Bis zu 5.000 verurteilte Straftäter sind hier untergebracht, darunter Räuber und Mörder. Etwa die Häftlinge der „Iwahig Prison and Penal Farm“ (IPPF) genießt einen Sonderstatus. Sie arbeiten auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen, verbringen die Nächte in frei zugänglichen Schlafsälen und kaufen Nahrung und andere Grundversorgungsgüter in Geschäften außerhalb des Gefängnisgeländes. Einzelne Häftlinge leben hier mit Familienangehörigen zusammen. Auf dem Gelände gibt es deshalb eine Schule. Die Strafgefangenen erhalten einige Nahrungsmittel und etwas Geld. Das reicht aber kaum, um satt zu werden. Deshalb verdienen die meisten Häftlinge durch Arbeit zusätzliches Geld. Neben der Feld- und Waldarbeit betreiben die Insassen Fischfang und Tischlereien.
Verwandte und Bekannte der Häftlinge, aber auch Touristen können das offene Gefängnis besuchen. In einem Gebäude verkaufen Häftlinge selbstgebastelte Kunst- und Ziergegenstände und bieten den Besuchern Tanzvorführungen. Die weiblichen Rollen bei den Vorführungen werden von „Bakla“ übernommen, Männern („Ladyboys“), die sich auch sonst geschminkt und in Frauenkleidern auf dem Strafvollzugsgelände bewegen und sehr wahrscheinlich eine weitere „soziale“ Funktion erfüllen. Nach offiziellen Angaben gibt es fast keine Fluchtversuche aus der Iwahig-Strafanstalt und die Rückfallquote ist geringer als im üblichen Strafvollzug auf den Philippinen.

Gründung 1902. 

Gefängnisverwaltungsgebäude
Gefängnisverwaltungsgebäude © Werner Sabitzer

Das heute offene Gefängnis in Iwahig wurde 1902 von den US-Besatzern eingerichtet, die nach dem Sieg gegen die Spanier die Hoheit über die Philippinen übernommen hatten. Hier wurden philippinische Männer angehalten, die im Spanisch-Amerikanischen Krieg gegen die US-Truppen gekämpft hatten und nicht im überfüllten Gefängnis in Manila Platz fanden. 1906 wurde das Lager in eine Sträflingskolonie umgewandelt. Es gab viele Fluchtversuche und geglückte Fluchten. Danach wurde ein Verdienstsystem eingerichtet: Häftlinge konnten durch Arbeit in der Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, Tischlerei und als Bedienstete im Anstaltskrankenhaus Geld verdienen.
Ab 1955 erhielten Häftlinge mit guter Führung („Siedler“) maximal sechs Hektar Land, Lasttiere, Arbeitsgeräte und eine Wohnmöglichkeit zur Verfügung gestellt. Sie konnten das Land bewirtschaften und die Produkte vermarkten. Die Fläche der Iwahig-Gefängnisfarm mit den vier Zonen zentrale Unterkolonie, Sta. Lucia, Montible und Inagawan wurde vor Kurzem über Auftrag des philippinischen Präsidenten stark reduziert.

Werner Sabitzer


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2024

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