Gedenkstätten für Exekutivbeamte (23)

„Stolpersteine“ für Nazi-Opfer

In Österreich erinnern mehrere Hundert Stolper-, Gedenk- und Erinnerungssteine an Opfer der nationalsozialistischen Diktatur, darunter einige an Polizei- und Gendarmeriebedienstete.

Drei Tage nach dem Einmarsch der nationalsozialistischen Truppen in Österreich kam es am 15. März 1938 im Büro des Amtssekretärs Otmar Gadolla in der Polizeidirektion Graz zu einem Handgemenge zwischen Gadolla und SA-Leuten. Einer der Nazis schoss auf Gadolla, der kurz darauf starb. Der Zwischenfall kam den Nationalsozialisten ungelegen, deshalb wurde die Tat als Selbstmord dargestellt.

Stolperstein für Otmar Gadolla in der Schönaugasse 86 in Graz
Stolperstein für Otmar Gadolla in der Schönaugasse 86 in Graz
© Werner Sabitzer

Otmar Gadolla, geboren am 11. Juni 1895, stammte aus einer geadelten Offiziersfamilie. Sein Vater Clemens Ritter von Gadolla (1847–1919) war Rittmeister in der k. u. k. Armee. Otmar Gadolla nahm als Offizier am Ersten Weltkrieg teil, zuletzt im Rang eines Hauptmanns. Er wurde mehrfach wegen Tapferkeit ausgezeichnet. In der Zwischenkriegszeit trat er als Verwaltungsbediensteter in die Polizeidirektion Graz ein. 1919 heiratete er Josefine Hatzy; das Paar hatte vier Söhne und eine Tochter. Gadolla galt als Monarchist und Gegner des Nationalsozialismus.
In Erinnerung an Otmar Gadolla wurde am 17. Juli 2015 in der Schönaugasse 86 in Graz, dem letzten Wohnsitz Gadollas, im Gehsteig ein „Stolperstein“ verlegt. Die Inschrift auf der Metallplatte lautet: „Hier wohnte / Othmar von Gadolla / Jg. 1895 / ermordet 15.3. 1938“
Otmar Gadollas Bruder Josef war ebenfalls ein Opfer der Nationalsozialisten. Der Offizier wurde im Ersten Weltkrieg 1918 als Zugskommandant schwer verwundet. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1938 suchte er um Pensionierung an. Das wurde abgelehnt. 1943 wurde er Kommandant des Wehrmeldeamts Gotha und 1945 als Standortältester „Kampfkommandant“ in Gotha. Dem Befehl, die Stadt mit allen Mitteln zu verteidigen, kam Josef Gadolla nicht nach und überließ Gotha Ende März/Anfang April 1945 kampflos den Amerikanern. Damit rettete er einem Teil der Zivilbevölkerung das Leben und bewahrte die Stadt und das Schloss Friedenstein vor weiteren Zerstörungen. Einen Tag nach der Kapitulation von Gotha wurde Gadolla wegen Landesverrats von den Nazis am 5. April 1945 standrechtlich erschossen. Sein Leben wurde 2015 verfilmt.

„Stolperstein“ für Franz Baranyai.

Franz Baranyai: als „Zigeuner“ von den Nationalsozialisten verfolgt
Franz Baranyai: als „Zigeuner“ von den Nationalsozialisten verfolgt
© Landesarchiv Steiermark
Stolperstein für Franz Baranyai vor der ehemaligen Bundespolizeidirektion in der Paulustorgasse 8 in Graz
Stolperstein für Franz Baranyai vor der ehemaligen Bundespolizeidirektion in der Paulustorgasse 8 in Graz
©Werner Sabitzer

In Graz gibt es einen weiteren „Stolperstein“ für einen Polizeiangehörigen. Die vor der ehemaligen Polizeidirektion Graz in der Paulustorgasse 8 in den Gehsteig verlegte Platte erinnert an Franz Baranyai, der im Juli 1943 im Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau ermordet wurde. Die Inschrift lautet: „Hier arbeitete / Franz Baranyai / Jg. 1891 / deportiert / ermordet Juli 1943 / Auschwitz“.
Franz Baranyai stammte aus dem burgenländischen Dorf Zahling bei Jennersdorf. Er übersiedelte nach Graz, wo er als Hilfsarbeiter und Musiker tätig war. 1941 wurde er beim Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD) in Graz angestellt. Der SHD war der Ordnungspolizei unterstellt und für den Luftschutz und ab 1940 für den Einsatz bei Luftangriffen zuständig. Im März 1942 beschwerte sich Baranyai beim Reichsstatthalter wegen der ungerechtfertigten Behandlung von „Zigeunern“. Das Reichsstatthalteramt fragte daraufhin in seinem Heimatort an und erhielt die Information, dass Baranyai in der „Zigeunerevidenz“ als „Vollzigeuner“ geführt werde. Deshalb wurde beschlossen, Franz Baranyai wie alle anderen „Zigeuner“ aus der Steiermark zu deportieren. Obwohl Baranyai einen gültigen „Arier-Nachweis“ vorlegte, entschied die Kriminalpolizeistelle Graz, dass Baranyai als „Vollzigeuner“ zu betrachten sei.

Baranyai schrieb daraufhin an den Gauleiter Sigfried Uiberreither einen Brief, in dem er seine „Treue zum Staat“ betonte: „Mein ganzes Denken ist und war deutsch sein, deutsch bleiben, kämpfen und Opfer bringen, und das will ich für meine Heimat, für Führer, Volk und mein Heimatland treu bis zum Tod“.
Im April 1942 wurde Baranyai aus dem Polizeidienst entlassen. Er bewarb sich daraufhin für mehrere Arbeiten. Weil aber der Landrat von Fürstenfeld bei seinen Arbeitgebern gegen ihn intervenierte und auf seine „Zigeuner-Abstammung“ hinwies, konnte er nie für längere Zeit arbeiten. Franz Baranyai wurde deportiert und im Juli 1943 im Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau ermordet.

„Stolperstein“ für Georg Lexer.

2014 wurde vor dem ehemaligen Wohnhaus des Gendarmeriebeamten Georg Lexer im Bahnweg 21 in Klagenfurt am Wörthersee ein „Stolperstein“ in den Gehsteig verlegt. Das Wohnhaus existiert nicht mehr, es gibt dort ein neues Wohngebäude. Die Inschrift auf der Messingplatte lautet: „Hier wohnte / Georg Lexer / Jg. 1888 / deportiert 1938 / Buchenwalt / ermordet 3.8. 1941“.
Georg Lexer, geboren am 20. November 1888 in Liesing im Lesachtal, wurde als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Isonzo-Front schwer verwundet. Er nahm 1919/20 am Kärntner Abwehrkampf teil und trat danach in die Gendarmerie ein. Ab 1927 war er Postenkommandant in Greifenburg.

„Stolperstein“ für NS-Opfer Georg Lexer vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Klagenfurt am Wörthersee, Bahnweg
„Stolperstein“ für NS-Opfer Georg Lexer vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Klagenfurt am Wörthersee, Bahnweg
© Werner Sabitzer

Beim Putschversuch der Nationalsozialisten im Juli 1934 war Lexer im Raum Maria Saal/Annabichl gegen die Aufständischen eingesetzt. Bei den Kampfhandlungen starben drei Putschisten. Ab Herbst 1934 war Lexer zehn Monate lang Objektkommandant im Anhaltelager Wöllersdorf in Niederösterreich. Seit dem Putschversuch war er bei den illegalen Nationalsozialisten verhasst; 1934 wurde auf seine Frau geschossen. Wieder in Kärnten erkrankte Georg Lexer im Februar 1938 schwer an einer Brustfellentzündung. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich wurde Lexer, noch bettlägerig, in der Nacht auf den 13. März 1938 von Gendarmen festgenommen, die bereits Hakenkreuz-Armbinden trugen. Gegen ihn wurde wegen der Kampfhandlungen vom Juli 1934 ein Gerichtsverfahren wegen Mordes eingeleitet, das mit einem Freispruch endete. Lexer wurde zwar am 1. September 1938 aus der Untersuchungshaft entlassen, aber von der Gestapo wieder festgenommen und als „Schutzhäftling“ in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht.
Kanonikus Leonhard Steinwender schildert in seinem 1946 erschienenen Werk „Christus im Konzentrationslager“ über die Qualen, die Lexer im KZ erdulden musste: „Vom ersten Tage seiner Einlieferung an war er in der Strafkompanie. Während der jahrelangen Haft erhielt er keine Nachricht von seiner Familie, nicht die geringste Geldzuwendung für kleine, zusätzliche Bedürfnisse war ihm gestattet, er durfte den Seinen keinen Brief, kein Lebenszeichen senden. In der Strafkompanie oblag ihm die härteste Arbeit und er war der ärgsten Quälerei ausgesetzt. Jeden Sonntag stand er statt des Mittagessens stundenlang bei jeder Witterung am Tore, jede Arbeit musste im Laufschritt erledigt werden. Drei Jahre trug er diese Qual, bis er sein Leben lassen musste.“
Georg Lexer starb am 3. August 1941 im Konzentrationslager Buchenwald an den Folgen der Misshandlungen. Im Mai 1943 wurde Lexers Frau Ottilie von der Gestapo festgenommen und schwer misshandelt. Sie starb am 29. September 1944, kurz nachdem sie aus Haft entlassen worden war.

„Stein des Gedenkens“ für Karl Halaunbrenner.

„Stein des Gedenkens an die Opfer der Shoa“: Erinnerung an Karl Halaunbrenner
„Stein des Gedenkens an die Opfer der Shoa“: Erinnerung an Karl Halaunbrenner
© Werner Sabitzer

Ein ähnliches Schicksal wie Georg Lexer erlitt der Gendarmeriebeamte Karl Halaunbrenner im Burgenland. Der aus einer jüdischen Familie stammende, am 10. Mai 1881 in Rumänien geborene Karl Siegfried Halaunbrenner trat 1905 in die k. k. Gendarmerie in der Bukowina ein, wurde Wachtmeister und Postenführer. Während des Ersten Weltkriegs erwarb er sich große Verdienste in der Feldgendarmerie bei der Verteidigung der Bukowina gegen russische Truppen. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 zog Halaunbrenner nach Wien und wechselte 1922 in das neu errichtete Landesgendarmeriekommando für das Burgenland. Ab Oktober 1925 versah er Dienst im Gendarmerieposten Großpetersdorf. Er beteiligte sich an archäologische Grabungen und erforschte Reste keltischer und römischer Siedlungen im Südburgenland. Er war auch Volkskundler, publizierte über Volksbräuche und dokumentierte burgenländische Volkslieder. Ein Schwerpunkt war das Erfassen und Aufbereiten von Archivalien der jüdischen Gemeinden im Burgenland.
Nach dem Einmarsch der nationalsozialistischen Truppen in Österreich am 12. März 1938 wurde Halaunbrenner verhaftet. Er war während des Ständestaats vehement gegen illegale Nationalsozialisten vorgegangen. Der Gendarm wurde schwer misshandelt und im Mai 1938 in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Vier Monate später wurde er in das KZ Buchenwald überstellt, wo er am 22. Dezember 1938 ums Leben kam (siehe auch: Sabitzer, Werner: „Und alles, weil ich ein Jude bin!“, Serie: Gedenkstätten für Exekutivbeamte, Teil 4; in: Öffentliche Sicherheit, Nr. 1-2/21, S. 41-43).
Vor dem Gebäude des Bundesministeriums für Inneres in der Herrengasse 7 in der Wiener Innenstadt wurde am 6. November 2020 ein „Stein des Gedenkens“ für den Postenkommandanten Karl Halaunbrenner enthüllt. Die Platte hat folgende Inschrift: „1938 – 1945: Als Juden beraubt – vertrieben – ermordet / In Erinnerung an / Bezirksinspektor der Gendarmerie / Karl Halaunbrenner / geb. 10.5.1881 | Er wurde am 12. März 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft und / seiner antinazistischen Haltung verhaftet und nach Dachau deportiert. / Am 22.12.1938 wurde er im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. / Im Gedenken an die Opfer und im Wissen um die Täter“.

Stolperstein für Karl Biack.

Stolperstein für Karl Biack in Salzburg
Stolperstein für Karl Biack in Salzburg
© Werner Sabitzer

In der Prälat-Winkler-Straße 7 in Salzburg erinnert seit 2. Juli 2014 ein Stolperstein an den Polizeijuristen Karl Biack, der zuletzt hier wohnte. Die Inschrift lautet: „Hier wohnte / Dr. Karl Biack / Jg. 1900 / im Widerstand / verhaftet 20.3.1944 / hingerichtet 7.11. 1944 / München-Stadelheim“.
Karl Biack, geboren am 12. September 1900 in Tulln, maturierte im Benediktinergymnasium Stift Melk und sollte nach dem Wunsch seiner Mutter Priester werden. Er trat in den Benediktinerorden ein und studierte Theologie in Salzburg und Innsbruck. Nach der Ablegung des ewigen Gelübdes besann er sich anders und auf seinen Wunsch wurde er 1926 in den Laienstand rückversetzt. Danach studierte er Rechtswissenschaften in Wien, promovierte 1930 zum Dr. iur. und arbeitete in verschiedenen Gerichten. Anfang 1934 trat er in den Dienst der Polizeidirektion Salzburg. Da er die Funktion des Zentralinspektors übernehmen sollte, wurde Biack Anfang 1934 zur Ausbildung der Polizeidirektion Graz zugeteilt. Dort wurde er nach dem Anschluss im März 1938 verhaftet, aber kurz danach wieder freigelassen. Er kehrte nach Salzburg zurück, wurde aber als „politisch unzuverlässig“ außer Dienst gestellt und am 31. Jänner 1939 mit verminderten Bezügen in den Ruhestand versetzt. Biack versuchte vergeblich, seine Pensionierung rückgängig zu machen. Er begann in Wien mit dem Medizinstudium, durfte aber keine Prüfungen ablegen, weil er kein Mitglied einer NSDAP-Organisation war. Deshalb versuchte er in Innsbruck, das Studium fortzusetzen. Wegen des Mangels an Beamten (viele befanden sich an der Front), wurde Biack Anfang 1943 reaktiviert und dem Verwaltungsdienst der bayrischen Stadt Traunstein zugeteilt. Am 21. März 1944 wurde Biack in Traunstein verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt. Biack hatte „Feindsender“ gehört und war von einem Nationalsozialisten denunziert worden. Seine Frau und Mitglieder einer befreundeten Familie wurden ebenfalls verhaftet.
Karl Biack wurde am 22. Juli 1944 vom Volksgerichtshof Salzburg zum Tod verurteilt, am 11. September in die Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim überstellt und dort am 7. November 1944 auf dem Fallbeil hingerichtet. 1977 wurde ihm posthum das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs verliehen. Karl Biack ist auch auf einer Marmorgedenktafel in der Landespolizeidirektion Salzburg, Alpenstraße 90 verewigt, mit fünf weiteren NS-Opfern aus den Reihen der Salzburger Polizei (siehe: Sabitzer, Werner: Gedenktafel für NS-Opfer; in: Öffentliche Sicherheit, Nr. 3-4/21, S. 91-92).

Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:
Brettl, Herbert: Nationalsozialismus im Burgenland. Opfer – Täter – Gegner. Innsbruck, 2012
Fischbauer, Sonja: Sammeln, Forschen, Ausstellen. Archäologie im Bezirk Oberpullendorf unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des Landesmuseums Burgenland. Diplomarbeit, Universität Wien, Wien, 2010
Fischer, Eduard: Warum Tausende sterben mussten ... In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 7. Mai 1928, S. 7
Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW), Opfersuche, https://www.doew.at/
Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW): Widerstand und Verfolgung im Burgenland: 1934–1945. Bericht des Bezirksgendarmeriekommandos Oberwart an das LGK für das Burgenland betreffend Verfolgungen durch das NS-Regime, 30.5.1946, S. 201
Lexer, Wunibald: Gelebt, erlebt, überlebt. Erinnerungen, wie sie mir das Leben schrieb. Verlag Röschner, Klagenfurt 1991
Polster, Gert: Ein Gendarm als Heimatkundler. In: Kultur Verbindet. Verwaltung. Vermittlung. Visionen. WAB Band 155. Eisenstadt, 2015
Sabitzer, Werner: Dachau und danach. In: Öffentliche Sicherheit, Nr. 5-6/2013, S. 35-39
Steinwender, Leonhard: Christus im Konzentrationslager. Wege der Gnade und des Opfers. Salzburg 1946

NS-Opfer

Steine der Erinnerung

In Österreich gibt es mehrere hundert Stolper-, Gedenk- und Erinnerungssteine für – vor allem jüdische – Opfer der nationalsozialistischen Diktatur. Die meist in den Gehsteig verlegten Schrifttafeln befinden sich vor Gebäuden, in denen die Opfer gewohnt oder zu denen sie einen Bezug gehabt haben. Die ersten „Stolpersteine“ wurden 1997 vom Künstler Gunter Demnig verlegt, inzwischen gibt es seine Messingtafeln in sieben Bundesländern. In Wien werden die Erinnerungstafeln vom „Verein Steine des Gedenkens“ und einigen anderen Organisationen und Initiativen verlegt.

 


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2024

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