Kriminalgeschichte

Opfer der „schwarzen Baronin“

Eine attraktive Heiratsschwindlerin und Betrügerin ließ sich von wohlhabenden Adeligen aushalten. Ihre fünfte Ehe mit dem jungen Bezirkshauptmann von Mürzzuschlag endete in einer Tragödie.

Franz Hervay von Kirchberg, Bezirkshauptmann Mürzzuschlag in der Steiermark, war schwer deprimiert. Der Statthalter des Kronlandes Steiermark, Manfred von Clary und Aldringen hatte ihn zum „Rapport“ nach Graz bestellt und ihm mitgeteilt, dass er angesichts des von seiner Frau verursachten Skandals vom Amt des Bezirkshauptmanns beurlaubt werde. Hervay von Kirchberg fuhr zu seinen Eltern nach Stübing bei Peggau und besprach mit seinen Eltern die Situation. Am 24. Juni 1904 kehrte er nach Mürzzuschlag zurück, wo er den Abend mit seinem Freund, dem Bahnstationsvorstand von Mürzzuschlag, verbrachte. Am nächsten Tag in der Früh fand die Wirtschafterin den Bezirkshauptmann tot im Schlafzimmer seiner Dienstwohnung. Er hatte sich mit einem Revolver in das Herz geschossen.
Nach Bekanntwerden des Selbstmords des Juristen verfolgten Bewohner die Witwe mit Hass. Sie gaben der „schwarzen Baronin“, wie sie in Mürzzuschlag genannt wurde, die Schuld am tragischen Ende eines gesellschaftlichen Skandals. 

Franz Hervay von Kirchberg: Bezirkshauptmann von Mürzzuschlag († 1904)
Franz Hervay von Kirchberg: Bezirkshauptmann von Mürzzuschlag († 1904)
© Archiv

In Mürzzuschlag am Fuße des Semmerings wurde mit 1. Jänner 1903 eine k. u. k. Bezirkshauptmannschaft eingerichtet. Bis dahin war die Bezirkshauptmannschaft Bruck an der Mur für die Region zuständig. In Mürzzuschlag gab es viele Wintersportler und Sommerfrischler. Kaiser Franz Joseph besuchte immer wieder sein Jagdschloss in Mürzsteg, wo er auch Staatsgäste empfing.
Der erst 33-jährige Franz Hervay von Kirchberg wurde zum Bezirkshauptmann ernannt. Der Jurist und Reserveoffizier entstammte einer geadelten Beamtenfamilie. Sein Vater war Offizier und Gutsbesitzer in Stübing, seine beiden Brüder waren ebenfalls Offiziere. Der jüngere Bruder Egon erhielt später im Ersten Weltkrieg als Jagdflieger mehrere Tapferkeitsauszeichnungen. Ein Onkel war der Unterrichtsminister Wilhelm Ritter von Hartel. Franz Hervay von Kirchberg machte früh Karriere im öffentlichen Dienst. Nach einer Anstellung als provisorischer Konzipist in der Statthalterei Dalmatiens wurde er 1897 Ministerial-Konzipist im Ministerium für Kultus und Unterricht und ein Jahr später Ministerial-Vizesekretär. 1902 zeichnete ihn Kaiser Franz Joseph I. mit dem Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens aus. Im Jahr darauf erreichte die steile Karriere des jungen Juristen mit dem Amt des Bezirkshauptmanns ihren Höhepunkt.

„Freifrau aus Nizza“.

Im Juni 1903 kam eine attraktive, in edlem Schwarz gekleidete Frau nach Mürzzuschlag zur Sommerfrische, begleitet von einem Dienstmädchen. Sie quartierte sich im Gasthof „Schwarzer Adler“ ein, trug sich im Meldezettel für Fremde als „Tamara Freifrau von Lützow“ ein und gab als Geburtsdatum „17. Juli 1871“ an. Sie behauptete, aus Nizza zu kommen und die Tochter einer schwerreichen russischen Großfürstin zu sein. Da ihr der „Schwarze Adler“ zu wenig nobel war, übersiedelte sie in das „Hotel Lambach“ außerhalb des Ortes.
Einige Tage nach ihrer Ankunft lernte sie bei einem Waldspaziergang zum Kaiserstein den Bezirkshauptmann Franz Hervay von Kirchberg kennen. Er verliebte sich in die attraktive Frau und begann mit ihr eine Liebesbeziehung. Tamara, genannt „Mara“, verhielt sich arrogant gegenüber den Mitarbeitern ihres Geliebten und den Bewohnern Mürzzuschlags.
Hervays Familie war strikt gegen die Verbindung. Sie ahnte, dass Mara dunkle Geheimnisse haben würde. Franz Hervays Bruder Karl forschte über den Hintergrund der „Freifrau“ nach und stellte fest, dass ihre behauptete Lebensgeschichte nicht stimmte, dass sie unverschämt log und dass sie verheiratet war und den Familiennamen Meurin trug. Zudem besuchte sie ein Oberleutnant in ihrer Hotelsuite, wenn sich Franz Hervay nicht in der Stadt befand. Er berichtete darüber seinem Bruder, der aber in blinder Liebe die Tatsachen und Warnungen nicht hören wollte und an die falschen Beteuerungen Maras glaubte. Die Familie Hervay bot Mara Geld an, damit sie Franz verlasse. Sie wies das Angebot zurück.

Rasche Hochzeit.

Franz und Mara wollten klare Verhältnisse in ihrer Beziehung schaffen. Schon am 15. Juli 1903 gab es eine große Verlobungsfeier und am 9. August 1903 folgte in Mürzzuschlag die kirchliche Trauungszeremonie, obwohl notwendige Dokumente der Braut fehlten. Mara schwor gegenüber dem Pfarrer, nur einmal verheiratet gewesen zu sein. Diese Ehe habe nur einen Tag gedauert und sei nicht vollzogen worden. Mara beteuerte, alle erforderlichen Urkunden rasch nachbringen zu wollen. Der Pfarrer vollzog zwar die kirchliche Hochzeitszeremonie, trug im Trauungsbuch zwar den Namen des Bräutigams ein, ließ aber die anderen Felder unbeschriftet. Er wollte warten, bis die erforderlichen Dokumente nachgereicht würden. Nach außen hin galten Franz und Mara Hervay aber als Ehepaar.
In Mürzzuschlag mehrten sich die Gerüchte, dass die arrogante Mara bereits mit anderen Männern verheiratet gewesen sei und zahlreiche Liebschaften gehabt habe. Der Skandal eskalierte mit dem Erscheinen der Ausgabe des „Mürzzuschlager Wochenblatts“ vom 30. April 1904. In einem Artikel unter dem Titel „Ein uraltes Märchen“ wurde über das skandalöse Leben einer Baronin berichtet. Es war offensichtlich, dass mit der Baronin Mara Hervay gemeint war. Der Ehemann wurde von seiner Familie genötigt, Erkundigungen über seine Ehefrau einzuholen und wandte sich an die Wiener Polizei.
Die Ermittlungsergebnisse waren für den Bezirkshauptmann niederschmetternd und er trat einen längeren Urlaub an. Seine Frau fuhr nach Wien, täuschte auf der Straße einen Herzinfarkt vor und kam in ein Wiener Spital. Danach quartierte sie sich in einem Ringstraßenhotel ein, wo sie im Juni 1904 wegen des Verdachts des Betruges und der Bigamie festgenommen und einige Wochen später in das Kreisgericht Leoben überstellt wurde.

Fünf kurze Ehen.

Heiratsschwindlerin und Betrügerin „Tamara von Lützow“
Heiratsschwindlerin und Betrügerin „Tamara von Lützow“
© Archiv

„Tamara“ hieß in Wirklichkeit Elvira Leontine, geboren am 18. Juli 1860 in Posen (heute Poznań in Polen). Sie war elf Jahre älter, als sie im Meldebuch in Mürzzuschlag eingetragen hatte. Ihr Vater war der bekannte Zauberkünstler Samuel Berlach, genannt Bellachini. Erni assistierte ihm schon als Kind bei seinen Jahrmarktauftritten, verließ ihren Vater als Jugendliche und konvertierte 1880 vom jüdischen zum protestantischen Glauben. Vor der Ehe mit Franz Hervay war sie bereits viermal verheiratet. Ihre erste, im Mai 1881 geschlossene Ehe mit dem Berliner Geschäftsmann Wilhelm Cuntz wurde nach fünf Jahren geschieden. Auch die zweite, im April 1888 in Helgoland geschlossene Ehe mit dem preußischen Leutnant Karl von Lützow währte nur wenige Jahre. Im Mai 1894 erfolgte die Scheidung im Berliner Landgericht. Den noblen Familiennamen „von Lützow“ benützte sie weiterhin. Der dritte Ehemann war der preußische Offizier Arthur von Schewe. Die Ehe wurde im Juni 1895 vor dem deutschen Konsul in Neapel geschlossen, aber im März 1900 wegen ehelicher Untreue der Frau geschieden.
Der nächste Ehemann war der französische Gutsbesitzer Pierre Meurin, den sie im Juni 1900, zwei Monate nach ihrer dritten Scheidung in London heiratete. Mara machte sich auch zwischen den Ehen an wohlhabende Gönner heran und brachte sie um ihr Vermögen, um ihren aufwendigen Lebensstil finanzieren zu können. Auch als verheiratete Frau suchte sie weitere Opfer, meist Offiziere. Nach kurzer Zeit erfolgte die Trennung, meist verbunden mit einer Abfindung für Tamara. Mehrmals wurden ihr Betrugshandlungen vorgeworfen, in Nizza war sie einige Wochen in Untersuchungshaft, die Betrugsanklage wurde aber fallengelassen. Zum Zeitpunkt der Hochzeitszeremonie mit Franz Hervay war die Ehe mit Pierre Meurin noch aufrecht und wurde erst drei Monate später, am 11. November 1903, wegen Verschuldens der Frau geschieden.

Lügen vor Gericht.

Tamara Hervay wurde wegen Bigamie, Betrug und Falschmeldung angeklagt. Beim Strafprozess Ende Oktober 1904 schwindelte und log sie weiter. Dennoch urteilte der Richter milde. Tamara wurde am 31. Oktober 1904 vom Gericht in Leoben wegen Bigamie und Falschmeldung unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechts zu einer viermonatigen Kerkerstrafe verurteilt. Laut dem gerichtspsychiatrischen Gutachten war sie geistig gesund und voll schuldfähig. Wegen des Vorwurfs des Betruges wurde sie freigesprochen. Ihre Ehe mit Franz Hervay von Kirchberg wurde für ungültig erklärt. Die Verurteilte wurde gegen eine Kaution auf freien Fuß gesetzt. Der Kassationsgerichtshof verwarf aus formalen Gründen die vom Strafverteidiger erhobene Nichtigkeitsbeschwerde. Die Kerkerstrafe wurde im Juli 1905 im Gnadenwege auf ein Monat Arrest herabgesetzt.
Danach veröffentlichte Tamara in der Verlagsbuchhandlung Szelinski & Komp. ihre Memoiren, in denen sie ihr Leben aus ihrer Sicht schilderte. Die Verurteilte trat am 13. September 1905 die Arreststrafe im landesgerichtlichen Gefangenenhaus in Wien an und wurde am 13. Oktober aus der Haft entlassen.
„Tamara Freifrau von Lützow“, wie sie sich nun wieder nannte, blieb ihrem einträglichen Geschäftsfeld treu und fand weitere wohlhabende Gönner. Im Frühjahr 1906 erschien in einer Zeitung ein Beitrag unter dem Titel „Ein neues Abenteuer der Schwindlerin Hervay“, in dem Tamara vorgeworfen wurde, sie habe einen hohen Offizier beschwindelt, um ihn zur raschen Heirat zu bewegen.

Tamara im Theater.

Tamara von Lützow, die als Jugendliche in einem Chor gesungen hatte, versuchte es nun auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Ab November 1905 trug sie im Theater und Cabaret „Die Hölle“ in Wien literarische Texte bekannter Autoren vor und trat in Komödien und anderen Theaterstücken auf. Im Sommer 1906 wurde sie vom Theaterdirektor gekündigt, nachdem er ihre Vorgeschichte erfahren hatte. Im Jänner 1907 absolvierte Tamara ein Gastspiel im „Intimen Theater“ in der Praterstraße.
Bald danach verliert sich die Spur der Tamara von Lützow. 1929 soll sie in München gewohnt haben und kurz darauf verarmt gestorben sein. Der Mürztaler Schriftsteller Franz A. Breitler hat ihre Lebensgeschichte im Roman „Die schwarze Baronin“ verarbeitet.

Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:
Das Ende einer Familientragödie; in: Steirische Alpenpost, 2. Juli 1904, S. 6
Verbrechen der zweifachen Ehe; in: Salzkammergut-Zeitung, 6. November 1904, S. 11
Der Fall Hervay. Die Beerdigung v. Hervays in Peggau; In: Grazer Volksblatt, 27. Juni 1904, S. 1
Der Prozeß der „Frau v. Hervay“; in: Welser Zeitung, 2. Nov. 1904, S. 5
Frau von Hervay – begnadigt!; in: Illustrierte Kronen Zeitung, 13. Juli 1905, S. 5
Die Schwindlerin Elvira Bellach; in: Reichspost, 17. September 1905, S. 10
Die Memoiren der Frau von Hervay; Innsbrucker Nachrichten, 17. Juli 1905, S. 9-10
Das Debüt der Hervay; in: Neues Wiener Tagblatt (Tagesausgabe), 18. November 1906, S. 11
Die Tochter des „Zauberer“. Aus der Serie: Berühmte Kriminalprozesse; in: Salzburger Volksblatt, 17. Februar 1936, S. 10-11


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2024

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