Amoklagen

Maßnahmen sofort setzen

Bei einer Konferenz in der Sicherheitsakademie des Bundesministeriums für Inneres wurden Terror­anschläge und Active-Shooter-Lagen in Belgien, Großbritannien und den USA beleuchtet.

Thomas Greis (2. vorne l. ), Sicherheitsakademie, mit Vortragenden der Veranstaltung
Thomas Greis (2. vorne l. ), Sicherheitsakademie, mit Vortragenden der Veranstaltung
© LPD Wien/Stefanie Jäger

Vertreter von Polizei- und Sicherheitsbehörden aus 10 Staaten widmeten sich von 6. bis 7. September 2023 der polizeilichen Aufarbeitung verschiedener „Active Shooter Incidents and Terrorist Attacks“, die weltweit Schlagzeilen machten. Als „Active Shooter“ bezeichnet das FBI Straftäter, die – üblicher Weise mit Schusswaffen – an öffentlichen Plätzen Menschen angreifen, um sie zu töten.
Organisiert von Chefinspektor Mag. Thomas Greis vom Zentrum für Fortbildung der Sicherheitsakademie wurden in den Vorträgen und Diskussionen der Anschlag auf die britische Manchester Arena 2017 und der Terroranschlag in London 2017 behandelt, der Angriff auf die Sandy-Hook-Grundschule in den USA 2012 und die Active-Shooter-Lagen 2011 und 2018 im belgischen Lüttich (Liège).

Anschläge in Lüttich.

Am 13. Dezember 2011 warf ein Amoktäter auf einem Adventmarkt vor dem Bahnhof Handgranaten in die Menge und schoss mit einem Sturmgewehr um sich, bevor er sich das Leben nahm. Die Tat dauerte zwei Minuten. Sechs Personen starben, 125 wurden verletzt. Aufgrund irreführender Hinweise suchte die Polizei eine angeblich flüchtige Person, obwohl es sich um einen Einzeltäter gehandelt hatte.
Ein Vertreter der Spezialeinheit „Peloton Anti Banditisme“ schilderte den Einsatz und erörterte die Lehren, die aus dem Anschlag gezogen wurden: Trotz Präsenz von Polizisten am Bahnhof war die Zeitspanne zu kurz für adäquate Gegenmaßnahmen; es standen der Exekutive auch keine entsprechend starken Waffen zur Verfügung. Eintreffende Polizeikräfte in Zivil waren zum Teil schwer zu erkennen, die Kenntnisse der Beamten zu lebensrettenden Sofortmaßnahmen und ihre Utensilien entsprachen nicht den Erfordernissen. Die Lütticher Polizei änderte ihre taktischen Abläufe, baute realistische Trainingsszenarien zu Amoklagen in ihre Ausbildungspläne ein, rüstete im Bereich der Bewaffnung und der Sanitätsausrüstung auf und führte gut sichtbare Einsatzschleifen für Polizisten in Zivilkleidung ein. Viele der gesetzten Schritte zeigten bei einem weiteren Attentat in Lüttich am 29. Mai 2018 ihre Wirkung: Ein Täter stach auf offener Straße zwei Polizistinnen nieder, erschoss sie mit ihren Dienstwaffen und tötete einen Studenten. Anschließend stürmte er in eine Schule, um Geiseln zu nehmen. Die Polizei war rasch zur Stelle und erschoss den Mann im Schulgebäude. Auch wenn das Leben der ersten Opfer nicht mehr gerettet werden konnte, wurden weitere Untaten verhindert. Die Ablaufpläne, die Verwundetenversorgung und die Trainingserfahrungen erwiesen sich als effektiv.

Manchester Arena.

Am 22. Mai 2017 wurden bei einem islamistisch motivierten Selbstmordattentat im Foyer der riesigen Veranstaltungshalle im britischen Manchester 23 Menschen getötet und über 1000 verletzt. Ein Konzert der US-Sängerin Ariana Grande war gerade zu Ende gegangen, mitten im Strom der Menschen, die die Manchester Arena verlassen wollten, explodierte eine mit Metallteilen gefüllte Rucksackbombe. Die Polizeipräsenz im Foyer der Manchester Arena war an diesem Abend eher dünn. Private Wachdienste hatten den späteren Attentäter zwar als verdächtig identifiziert, entschlossen sich jedoch nicht zum Einschreiten. Beamte der britischen Anti-Terror-Abteilung (Counter Terrorism Policing North West) berichteten über die kriminalpolizeiliche Aufarbeitung des Falles, die minutiöse Sichtung von Videoaufnahmen und Sicherung von Spuren sowie die Rekons­truktion des Bombenbaus. Mit Videos aus IS-Kanälen hatte sich der Attentäter die notwendigen Anleitungen besorgt, mit Tarnidentitäten im Internet und in Geschäften die Bestandteile organisiert. Der Bruder des Selbstmordattentäters konnte schließlich als Mittäter vor Gericht gebracht und rechtskräftig verurteilt werden. Ablauf und mögliche Motive des Attentates wurden in umfangreichen Anhörungen kommissionell aufgearbeitet; die Erkenntnisse wurden veröffentlicht.

Tatort London Bridge.

Besondere Brutalität war auch bei einem Terroranschlag in London im Jahr 2017 zu verzeichnen. Ross McKibbin, hochrangiger Offizier der Sondereinheit MO 19 des Metropolitan Police Service, schilderte den Einsatz: Am 3. Juni 2017 überfuhren islamistische Terroristen mit einem Lieferwagen drei Fußgänger auf der London Bridge und erstachen auf der Flucht zu Fuß fünf Menschen in einem Marktviertel. 48 Personen wurden verletzt. Londoner Polizisten erschossen die Täter. Ross McKibbin erläuterte die Ablaufpläne, die in London bei Anti-Terror-Einsätzen gelten: Aufgrund der Zuständigkeit mehrerer Polizeieinheiten auf engem Raum – der London Metropolitan Police, der City of London Police und der British Transport-Police – sei ein rasches Etablieren einer besonderen Ablauforganisation und eine genaue Definition der jeweiligen Zuständigkeiten erforderlich. Auch wenn Streifenpolizisten grundsätzlich unbewaffnet seien, gäbe es ständig eine ausreichende Anzahl an Spezialkräften mit Schusswaffen auf Londons Straßen; zudem seien in kürzester Zeit hochgerüstete und auf solche Sonderlagen spezialisierte Anti-Terror-Teams verfügbar.

Einblicke in US-Sonderlagen gewährten Dave Delvecchia, ehemaliger Beamter der Connecticut State Police, der über den Amoklauf an der Grundschule Sandy-Hook 2012 sprach, und Christopher Paul Bauer von der Crisis-Management-Unit des FBI. Im Jahr 2022 verzeichnete das FBI 50 Active-Shooter-Fälle mit 313 Opfern, davon 100 Tote. Die Zahl der Verwundeten stieg zwischen 2021 und 2022 von 140 auf 213. 40 Prozent der Schützen begingen am Ende ihrer Taten Selbstmord, 70 Prozent der Anschläge endeten innerhalb von fünf Minuten.
FBI-Agent Bauer plädierte dafür, sich auf Attentatsszenarien vorzubereiten, wie sie im Rahmen der SIAK-Konferenz vorgestellt wurden. „Die Behörden können nicht auf einen komplexen oder neuartigen kritischen Vorfall warten, bevor sie beginnen, Gespräche über Entscheidungsprozesse und Taktiken zu führen. Es muss unmittelbar und vorausschauend in Schulungen investiert werden.“ Das Erstellen hochkomplexer fiktiver Szenarien diene der Entwicklung eines Problembewusstseins und der Fähigkeit, Lösungen zu erarbeiten.
Hilfreich sei die Durchführung von regelmäßigen Table-Top-Übungen oder realen Schulungen, bei denen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zu definieren seien. Aus vielen Amoklagen wisse man, dass es schon den als Erste am Tatort eintreffenden Beamten obliege, einen Schützen zu bekämpfen, zurückzudrängen und im Idealfall festzunehmen. In die weiteren Schritte seien dann Spezial­einheiten mit besserer Ausrüstung und taktischen Kenntnissen einzubinden. Es sollte immer einen Verantwortlichen am Einsatzort geben, der Personal und Ressourcen zu den notwendigen Bereichen leitet und die Aufgaben koordiniert.
Wichtig sei es aus Sicht des FBI-Experten auch, Übungen über den Punkt hinaus fortzusetzen, an dem die direkte Bedrohung nicht mehr bestehe. So dürfe auch auf die Koordinierung der medizinischen Schritte, die Benachrichtigung der Familien der Opfer, die Einrichtung von Treffpunkten und Hilfszentren sowie die Bereitstellung von Mitteln für Mahnwachen und Beerdigungen nicht vergessen werden. Schließlich seien auch die seelische Gesundheit beeinträchtigende Spätfolgen nicht außer Acht zu lassen, denn solche Gewalttaten würden in betroffenen Gemeinden oft noch Jahre später als traumatisierende Ereignisse empfunden werden.

Gregor Wenda


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 11-12/2023

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