Hochgebirgsrettungseinheit der peruanischen Polizei

Der Geist und die Bergretter

Die Hochgebirgsrettungseinheit der peruanischen Polizei verzeichnet jährlich etwa 100 Rettungseinsätze im Hochgebirge. Vor jedem Rettungseinsatz bittet die Mannschaft um die Erlaubnis und Unterstützung des jeweiligen Geistes.

Teams der peruanischen Hochgebirgsrettungseinheit USAM: Suche nach Vermissten nach einem Helikopterabsturz im Schutzgebiet Ausangate und im Rio Vilcanota
Teams der peruanischen Hochgebirgsrettungseinheit USAM: Suche nach Vermissten nach einem Helikopterabsturz im Schutzgebiet Ausangate und im Rio Vilcanota
© Departamento se Alta Montana Cusco

Die Anden sind mit 9.000 Kilometern die längste über dem Meeresspiegel befindliche Gebirgskette der Erde und ziehen sich von Venezuela im Norden über den südamerikanischen Kontinent entlang des Pazifiks bis zur südlichsten Spitze in Chile. Das Bergmassiv wirkt wie eine Mauer zwischen der wüstenartigen Pazifikküste Perus und dem endlos scheinenden Grün des Amazonas-Regenwaldes. Diese natürliche Felsmauer bietet die höchsten alpinistischen Herausforderungen außerhalb Asiens und ist seit vielen Jahren Ziel internationaler Expeditionen. Das mächtige Kettengebirge umfasst mehr als 100 Gipfeln über 6.000 Meter, wovon 40 Prozent im peruanischen Teil der Anden zu finden sind. Die teils anspruchsvollen eisigen Gipfel waren für viele Alpinisten der letzte Anstieg und wurden zu ihrer ewigen Ruhestätte.
Doch verschollene Alpinisten sind nicht die einzigen Leichen, die man findet in den luftigen Höhen. Leichen aus dem 15. und 16. Jahrhundert in über 6.300 und 6.700 Metern Seehöhe lassen vermuten, dass es keine freiwilligen Bergbesucher waren. Die Untersuchung der Leichen ergab, dass sie ermordet wurden. Die Form der Gräber und die geringe Anzahl solcher Grabstätten lässt Archäologen vermuten, dass es sich um Ritualmorde gegen Ende der Inkadynastie handelt. Es waren verzweifelte Versuche der damals herrschenden Inkas, mit diesen Menschen­opfern die Gunst der Götter zu erlangen und mit ihrer Hilfe das Schicksal der Inkas und das Ende ihrer Kultur abwenden zu können. Wie die Geschichte uns lehrt, wurden diese Menschen sinnlos geopfert und am Berg beigesetzt. Um heute die Opferzahl auf den rauen Gipfeln der Anden so gering wie möglich zu halten, können Bergsteiger in Not auf die Hilfe der Unidad de Salvataje de Alta Montaña (USAM), der Hochgebirgsrettungseinheit der peruanischen Polizei, zählen.

Die Rettungseinsätze der USAM-Mitglieder sind anstrengend und gefährlich
Die Rettungseinsätze der USAM-Mitglieder sind anstrengend und gefährlich
© Departamento se Alta Montana Cusco

Die Hochgebirgsrettungseinheit USAM wurde 1999 gegründet und ist Teil der peruanischen Polizei, die mit mehr als 140.000 uniformierten Mitarbeitern eine der größten Polizeiverbände von Lateinamerika ist. Die Police National Peru (PNP) wurde nach militärischem Vorbild strukturiert und ist zu Wasser, zu Lande und zu Luft innerhalb des peruanischen Hoheitsgebiets für die Sicherheit der Staatsbürger und Besucher zuständig. Die Herausforderungen von terroristischen Gruppen wie dem „Leuchtenden Pfad“ oder der organisierte Drogenhandel haben die Notwendigkeit für spezialisierte Polizeieinheiten in Regimentsgröße aufgezeigt, wie zum Beispiel die Fallschirmjäger der „Los Inchis“ (die Tapferen). 1999 entschied sich die Polizeiführung eine Rettungseinheit für die Anforderungen auf den Gipfeln der Anden und deren alpinen Gefahren aufzustellen.
Heute ist in jeder Region eine Einheit der USAM mit 22 Polizisten stationiert, geführt von einem Major und zwei Leutnanten. Die Hochgebirgspolizisten der USAM, stationiert in der Region Cusco, werden von Major Paul Martin Hernandez Guzman kommandiert. Der Major wurde nach der Absolvierung der Offiziersakademie als junger Polizeileutnant zum Hubschrauberpiloten ausgebildet und machte als Pilot seine ersten Erfahrungen mit den USAM-Rettungskräften. Seine Flugstunden im Hochgebirge sammelte er mit Rettungsflügen zur Unterstützung der USAM-Alpinpolizis­ten, unter anderem bis zum Gipfel des Huascarán (6.768 m), dem höchsten Berg von Peru.

USAM: Such- und Rettungseinsatz in der Huaraz Bergkette
USAM: Such- und Rettungseinsatz in der Huaraz Bergkette
© Departamento se Alta Montana Cusco

Die Hubschrauberflotte der peruanischen Polizei ist sehr umfangreich, aber für die höchsten Gipfel werden generell russische MI-8 Modelle oder Versionen des europäischen Eurocopter verwendet. In besonderen Notfällen können amerikanische Hueys (Bell UH-1/2), beim österreichischen Bundesheer besser bekannt als Agusta Bell 212, angefordert werden. Diese Typen von Hubschraubern werden zur Bekämpfung des Drogenhandels und Terrorismus zwischen Peru und den USA eingesetzt und von peruanischen Piloten geflogen. Deren Einsatzgebiet ist generell auf der östlichen Seite der Anden, wo die hohen felsigen Gipfel unterhalb von 3.000 Metern von einem dichten Regenwald (Nebelwald) bedeckt sind, die in den flachen Dschungel des Amazonas übergehen.
Vor allem die USAM-Einheit der Region Cusco hatte schon öfters die Hilfe solcher Hueys angefordert, um zum Beispiel Touristen in Not von den Ruinen Machu Picchu zu einem Spital in der regionalen und gleichnamigen Hauptstadt Cusco zu bringen. Major Guzman fliegt in seiner derzeitigen Position die Huey und Eurocopter nicht selbst, sondern fordert die notwendigen Hubschrauber zur Unterstützung an und koordiniert die ganze Rettungsoperation am Boden und in der Luft von der Unfallstelle aus, manchmal auch am Wasser. Der Rio Urubamba, der heilige Fluss wie er von den Einheimischen genannt wird, ist für manche Touristen ein spektakuläres River-Rafting-Abenteuer, doch durch starke Regenfälle und Murenabgänge auch eine potenzielle alpine Gefahr, für die jedes Mitglied der USAM ausgebildet sein muss.

Mitglieder der USAM-Einheit der Region Cusco: Die Hochgebirgsrettungseinheit USAM wurde 1999 gegründet und ist Teil der peruanischen Polizei
Mitglieder der USAM-Einheit der Region Cusco: Die Hochgebirgsrettungseinheit USAM wurde 1999 gegründet und ist Teil der peruanischen Polizei
© Departamento se Alta Montana Cusco

Das Training der Hochgebirgspolizisten ist ein langjähriger Prozess, vor allem weil der größte Teil in den Dienstjahren vor der eigentlichen Aufnahme in die Bergrettungseinheit bestanden sein muss. In Peru wird wie beim Bundesheer die Laufbahn von Polizisten und Polizeioffizieren von Anfang an getrennt.
Die Aufnahmeprüfung für beide Karrieretypen wird seit einigen Jahren von einer privaten Universität durchgeführt und ausgewertet, um möglichst faire Voraussetzungen zu schaffen. Ein Polizist, der vom Chargenrang bis zum Unteroffizier eine 25-jährige Dienstzeit durchläuft, muss am Anfang seiner Karriere zwei Jahre Polizeischule abschließen und ein weiteres Jahr als Beurteilungsphase in einer Dienststelle absolvieren. Um Offizier zu werden sind der Abschluss der fünfjährigen Offiziersschule und ein Jahr Beurteilung an einer Dienststelle zu meistern.
Alle Polizisten, auch Offiziere, haben in ihrer normalen Dienstzeit jedes Jahr, falls nicht ein Laufbahnkurs ansteht, eine spezialisierte Weiterbildung von zwei Monaten zu absolvieren. Zukünftige Anwärter von USAM müssen auf diesem Weg vier Kurse von jeweils zwei Monaten bewältigen und können im Idealfall nach vier Jahren die Versetzung zu den Alpinpolizisten beantragen. Der Boot- und Kajakkurs für alle Gewässerarten inklusive Motorantrieb. Das Ziel ist die kontrollierte Steuerung eines Motorbootes in der Brandung des Pazifiks, ein Kajak am Titicacasee oder ein Schlauchboot auf den schnellen Gewässern der Anden.
Das erweiterte Schwimmtraining wird auf zwei Zwei-Monatskurse aufgeteilt. Beim ersten Teil wird der Schwerpunkt auf Rettungsschwimm-Techniken und Erste Hilfe gelegt, wobei der zweite Teil vor allem das Tauchen mit Gerät behandelt. Der vierte Pflichtkurs ist der erste und kürzere Teil der Hochalpinausbildung, in dem sich Polizisten und Offiziere in zwei Monaten Grundkenntnisse aneignen. Der zweite Teil dieser Ausbildung dauert sechs Monate und Polizisten unterziehen sich diesem anspruchsvollen Kurs nach ihrer erfolgreichen Aufnahme in die Bergretter-Einheit. Die zugeteilten Offiziere müssen diesen Kurs bereits aus ihrer vorhergehenden Spezialausbildung mitbringen, daher werden USAM-Einheiten von Piloten angeführt.

Um die Gunst des Geistes bitten.

Paul Martin Hernandez Guzman, Kommandant der USAM
Paul Martin Hernandez Guzman, Kommandant der USAM
© Departamento se Alta Montana Cusco

Major Guzman, so wie alle anderen Piloten der PNP, verbringen sechs Monate ihrer Pilotenausbildung mit den Berg­rettern der USAM, um gemeinsam mit den neu aufgenommenen Polizisten den zweiten Teil des Hochalpinkurses zu durchlaufen. Aus diesem Grund werden Piloten im Rang eines Leutnants oder Majors, sofern diese die anderen Pflichtkurse bereits durchlaufen haben, den USAM-Einheiten für zwei bis drei Jahre als Offiziere zugeteilt.
Die Polizisten, die es in die hochalpine Einheit geschafft haben, kommen üblicherweise aus hochgelegenen Andendörfern oder Städten und verbleiben meist dort für den Rest ihrer Karriere. Major Guzman blickt auf zwei turbulente Jahre mit seinem Team in Cusco zurück und akzeptiert inzwischen, dass in den Anden nicht nur das Können, das Training und die Erfahrung seiner Polizisten für den Erfolg seiner Missionen ausschlaggebend sind, sondern auch die spirituelle oder übernatürliche Komponente für Leben und Tod verantwortlich ist.
Eine Lebensansicht, die in Peru nie unterschätzt werden darf, aber gewöhnungsbedürftig ist für einen Offizier aus der Hauptstadt Lima. Schon für die Inkas war es nicht nur ein Fluss oder ein mächtiger Gipfel, sondern eine spirituelle Kraft, ein Geist der bis heute von den Einheimischen verehrt wird.
Vor jedem Rettungseinsatz bittet die Mannschaft um die Erlaubnis und Unterstützung des jeweiligen Geistes. Im Allgemeinen ist es Pacha Mama, Mutter Erde, doch im Falle der gefährlichsten Gipfel wie der Salcantay in der Region, übersetzt der wilde Berg, ist es ein Apu, ein spezieller Geist des Berges, dem man mit einer Gabe von Reis, Quinoa, Cocablätter oder Bier um dessen Gunst bittet.

Franz Müllner mit Angehörigen der peruanischen Polizei: Der Extremsportler zog wenige Kilometer von der Ruinenstadt Machu Picchu entfernt, auf 2.780 Metern Seehöhe, einen 81 Tonnen schweren Zug auf einer ebenen Stelle 10,60 Meter weit
Franz Müllner mit Angehörigen der peruanischen Polizei: Der Extremsportler zog wenige Kilometer von der Ruinenstadt Machu Picchu entfernt, auf 2.780 Metern Seehöhe, einen 81 Tonnen schweren Zug auf einer ebenen Stelle 10,60 Meter weit
© closeprotection.at

Im Falle einer Rettungsaktion muss die Zeremonie nicht aufwendig sein oder viel Zeit in Anspruch nehmen: Nach einem kurzem Gebet wird die Gabe in einer kleinen Grube am Fuße des Berges vergraben. Alpinisten, die das Service der USAM, ein tägliches Orientierungs-Briefing, entweder in Cusco oder im Basislager der Alpinisten am Fuße des Berges in Anspruch nehmen, bekommen eine Liste von registrierten einheimischen Bergführern.
Diese Bergführer sind nicht nur bewandert mit den Gebräuchen, um die Erlaubnis des jeweiligen Apu vor einem Anstieg zu erlangen, sie sind vor allem notwendige Kommunikationshilfen. In den tiefen Tälern und hohen Gipfeln der Anden ist es nicht nur wichtig, mit den Geistern gut zu stehen, auch die Hilfe der Einheimischen kann wichtig sein. Doch in diesen ausgesetzten Gebieten wird ausschließlich in altem Quechua kommuniziert, ein Umstand, der vor allem von Spanisch sprechenden Bergsteigern unterschätzt wird.
Leichter haben es die meisten der 1,5 Millionen Touristen die jährlich Cusco und Macho Picchu besuchen und dort ausgiebig WIFI und Englischkenntnisse antreffen. Doch eine stattliche Zahl von 2.000 sportlichen Touristen bewegen sich täglich auf dem vier Tage dauernden Inka-Trail der streckenweise deutlich über 4.000 Meter Höhe eine Herausforderung darstellt. Und wenn es nicht ein Alpinist oder ein sportlicher Tourist ist, dann suchen die Bergretter nach einem Einheimischen, der als abgängig gemeldet wurde. Daher ist die durchschnittliche Anzahl von knapp über hundert Rettungseinsätzen pro Jahr nicht überraschend. Während bei den jeweiligen USAM-Einheiten in den Andenregionen von Peru die Dienstbeschreibung mit der Rettung von Personen in Not anfängt und aufhört, ist es damit für das Team in Cusco nicht getan. Nicht alle Touristen werden sich selbst überlassen. Wenn der König von Jordanien oder Filmschauspieler wie Jim Carrey die Heimat der Inkas besuchen, wird der Kommandant der USAM von Cusco beauftragt, deren Besuch zu organisieren und mit den notwendigen Institutionen oder Unternehmen zu koordinieren, von Transporten bis zu Eintrittskarten vom Tourismusbüro.

Weltrekord.

Eine solcher Koordinationen war von besonderer Art, der Weltrekord des österreichischen Extremsportlers Franz Müllner im April dieses Jahres. Müllner hat die historischen Stätten um Machu Picchu für seinen ersten kontinentalen Weltrekord von seiner Tour, 7 Weltrekorde auf sieben Kontinenten, auserkoren und Major Guzman wurde beauftragt das Unterfangen zu koordinieren. Mit Erfolg, Franz Müllner zog einen 81 Tonnen schweren Inca-Rail, der Zug, der Cusco mit Machu Picchu verbindet, auf fast 3.000 Metern Meereshöhe mit purer Körperkraft über zehn Meter.
Dieses ehrgeizige Abenteuer wäre ohne die Hilfe der Bergretter der Unidad de Salvataje de Alta Montaña und der Koordination von Major Guzman nicht möglich gewesen. Doch für die vielen Einheimischen die Franz Müllner angefeuert und kurz danach zum Erfolg gratuliert haben, gehen davon aus, so wie die Alpinpolizisten der USAM, dass der eigentliche Dank für diesen Erfolg dem Apu gehört, dem Geist des Berges, an dessen Fuß Franz Müllner den 81 Tonnen schweren Zug erfolgreich ziehen durfte.

Susana Caballero


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 11-12/2023

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