Kriminalgeschichte

Jägermorde im Lavanttal

Ein Wilderer erschoss im Juni 1948 im Lavanttal in Kärnten einen Revierjäger. Der Mörder wurde zum Tod durch den Strang verurteilt. Zwei weitere Jägermorde im Lavanttal konnten nicht geklärt werden.

Ein Holzkreuz beim Tatort im Feistritzgraben im Kärntner Lavanttal erinnert an den ermordeten Revierjäger Gabriel Streicher
Ein Holzkreuz beim Tatort im Feistritzgraben im Kärntner Lavanttal erinnert an den ermordeten Revierjäger Gabriel Streicher
© Kleine Zeitung Gmbh & CO KG/Markus Traussnig

Als Gabriel Streicher, Revierjäger bei der Gutsverwaltung Hardi Cejka in Wisperndorf, am Sonntag, 27. Juni 1948 nicht heimgekehrt war, startete am nächsten Tag eine Suchaktion nach dem 42-jährigen Jäger. Sein Jagdhund war allein nach Hause gekommen. Holzknechte fanden am nächsten Tag die Leiche des Jägers im Bereich des Kristobauernkogels im Feistritzgraben bei Bad St. Leonhard, versteckt in einem Jungwald. Über den Kopf des Toten war die Jacke gehüllt und darauf lag der Hut.
Die Obduktion ergab, dass Streicher am Abend des 27. Juni erschossen worden war. Ein Projektil war durch den linken Oberarm in den Brustkorb eingedrungen, hatte die Lunge verletzt und den linken Herzbeutel zerrissen. Die Leiche wies auch an der Nase eine Verletzung auf. Das Gewehr, der Feldstecher und die Taschenuhr des Opfers fehlten; diese Gegenstände waren offenbar vom Täter mitgenommen worden. Gabriel Streicher wurde unter großer Anteilnahme im Ortsfriedhof Bad St. Leonhard beerdigt.
Nach der Bluttat wurde Gabriel Streichers Bruder Thomas als Revierjäger angestellt. Als der 28-jährige Holzarbeiter Franz Stary aus Theißing im Juli 1948 Arbeitskollegen fragte, wie sich der neue Revierjäger so anstelle, erhielt er zur Antwort, dass dieser noch schärfer gegen Wilderer vorgehe als sein getöteter Bruder. Stary erwiderte darauf, dass er aufpassen solle, dass ihm nicht das gleiche Schicksal passiere wie seinem Bruder. Nach dieser Aussage wurde Stary wegen gefährlicher Drohung angezeigt. Ein Zusammenhang mit dem Jägermord wurde von den Gendarmen damals nicht hergestellt.
Der wegen Wilderns verhaftete Franz Penasso erzählte im Bezirksgericht Wolfsberg seinem Zellengenossen Franz Kohlegger, er habe am Mordtag den Holzarbeiter Franz Stoni schwitzend vom Kristobauernkogel heruntergehen sehen. Kohlegger informierte darüber einen Richter des Bezirksgerichts Wolfsberg und die Gendarmerie begann nach dieser Aussage mit weiteren Ermittlungen.
Drei Monate nach dem Mord verhafteten Gendarmen am 25. September 1948 Franz Stary und den 20-jährigen Franz Stoni, der mit Stary in einer Unterkunft in Theißing wohnte. Die beiden Verhafteten legten nach längerem Leugnen Geständnisse ab.

Tathergang.

Stary und Stoni wilderten am 27. Juni 1948 im Feistritzgraben und schossen eine Rehgeiß an. Danach trennten sie sich, um nach dem verletzten Wild zu suchen. Der Aufsichtsjäger Gabriel Streicher sah Stary im Wald und forderte ihn auf, stehen zu bleiben. Stary flüchtete, wurde aber vom Jagdhund Streichers aufgespürt. Stary schoss daraufhin mit einem Militärgewehr auf den Jäger und traf ihn tödlich. Zwei Stunden nach dem Mord kehrten die beiden Wilderer zum Tatort zurück, um die Leiche zu berauben und zu verstecken. Sie schleiften die Leiche in einen Jungwald. Stary zerbrach das Gewehr des Revierjägers und warf es weg. Den Feldstecher und die Uhr vergrub er in der Nähe seiner Unterkunft in Theißing. Dort wurden die Gegenstände von Gendarmen sichergestellt. Stary versuchte, sich auf Notwehr auszureden.
Der Jägermörder Franz Stary wurde am 4. Jänner 1949 im Landesgericht Klagenfurt von den Geschworenen wegen Mordes zum Tod durch den Strang verurteilt. Sein Komplize Franz Stoni kam mit einer sechsmonatigen schweren Kerkerstrafe milde davon. Stary erhängte sich in der Nacht nach der Urteilsverkündung mit einem Leintuchstreifen am Fensterkreuz seiner Zelle.
Rayonsinspektor Ignaz Graf, Kommandant-Stellvertreter des Gendarmeriepostens Bad St. Leonhard, und sein Kollege Patrouillenleiter Hugo Resinger wurden Anfang 1949 vom Landesgendarmeriekommando Kärnten wegen besonderer Verdienste mit einem Belobigungsdekret ausgezeichnet. Die beiden Gendarmen hatten maßgeblich zur Aufklärung des Mordes beigetragen.

Die Mordwaffe des Wilderers, ein Militärgewehr, befindet sich im Hans-Gross-Kriminalmuseum Graz
Die Mordwaffe des Wilderers, ein Militärgewehr, befindet sich im Hans-Gross-Kriminalmuseum Graz
© Kleine Zeitung Gmbh & CO KG/Markus Traussnig

Weitere Wilderermorde.

In der wirtschaftlich katastrophalen Zwischenkriegszeit schossen viele Menschen in Österreich verbotenerweise Wildtiere in den Wäldern. Immer wieder kam es zu Schießereien zwischen Wilderern und Jägern – mit Verletzten und Toten. Im Lavanttal erschossen Wilderer in den 1920er-Jahren zwei weitere Jäger.
Der Gendarm Hubert Rieder und der Revierjäger Koloman Schober betraten am 13. Oktober 1920 in der Nähe von Schreflhof in Preitenegg Wilderer auf frischer Tat. Die Wilderer leisteten Widerstand, es kam zu einer Schießerei. Schober wurde so schwer verletzt, dass er starb, der Gendarm Rieder wurde schwer verletzt. Die Wilderer flüchteten. Fünf Jahre nach dem Mord wurde der Bauer Josef Longus aus Feldbaum bei Frauenthal und einige andere Männer wegen Schafdiebstahls festgenommen. Bei den Einvernahmen ergab sich der Verdacht, dass Longus am Jägermord in Preitenegg Tatbeteiligter war. Verhaftet wurde ein weiterer Wilderer, Josef Klug aus St. Oswald bei Stainz.
Josef Longus wurde auch zur Last gelegt, am 12. April 1925 seinen Schwager Rudolf Felsner mit Arsen vergiftet zu haben, um ihn als Mitwisser des Jägermordes zu beseitigen. Die Leiche Felsners wurde daraufhin exhumiert. Bei der gerichtsmedizinischen Obduktion ergab sich aber kein Verdacht auf eine Vergiftung oder Gewalteinwirkung. Der Verdacht gegen die Festgenommenen erhärtete sich nicht und es kam zu keiner Anklage wegen Mordes und Mordversuchs.
Thomas Haas, seit fünf Jahren Aufsichtsjäger im Dienst des Kommerzialrats Paul Hackhofer, hatte mehrere Wilderer überführt, darunter die Holzknechte Philipp Meßtler aus Theißenegg und Franz Pichler aus Preitenegg. Die beiden Wilderer schworen dem Aufsichtsjäger Rache. Bekannte warnten den 45-jährigen Haas, der verheiratet war und fünf Kinder hatte. Als er am 28. Oktober 1925 am Abend zu Hause in der Küche ein Buch las, gab es einen Knall. Ein Unbekannter hatte durch das Fenster geschossen. Haas stürzte zu Boden. Das Projektil drang Haas in den Rücken; das Ausschussloch befand sich unter der linken Achselhöhle. Das austretende Projektil streifte den Kopf der fünfjährigen Tochter Johanna am Kopf und verletzte das Mädchen leicht. Was war mit Haas? War er tot?
Als Tatverdächtige wurden Philipp Meßtler und Franz Pichler verhaftet. Beide stritten den Mord ab und gaben an, zur Tatzeit bei ihren Geliebten gewesen zu sein. Auch in diesem Fall kam es zu keiner Verurteilung der Festgenommenen.

Werner Sabitzer


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2023

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