Interview

Forschung und Sicherheit

Der Leiter des Instituts für Polizei- und Sicherheitsforschung an der Fachhochschule Wiener Neustadt, Georg Kodydek, über den Stellenwert von Forschung im Sicherheitsbereich und seine Pläne für das neu gegründete Institut.

Georg Kodydek: „Wir wollen dazu beitragen, die Zusammenarbeit zwischen Institutionen der öffentlichen Verwaltung und privatwirtschaftlicher Forschung zu stärken.“
Georg Kodydek: „Wir wollen dazu beitragen, die Zusammenarbeit zwischen Institutionen der öffentlichen Verwaltung und privatwirtschaftlicher Forschung zu stärken
© University for Continuing Education Krems / Andrea Reischer

Seit wann existiert das Institut für Polizei- und Sicherheitsforschung?
Das Institut hat mit meiner Ernennung zum Leiter am 1. Februar 2023 den Betrieb aufgenommen. Nach der formalen Gründung arbeiten wir jetzt an der konkreten Ausgestaltung der Forschungstätigkeit.

Was genau ist Ihre Aufgabe? Welche Vision haben Sie?
Es gibt klare Ideen, wohin die Reise gehen soll. Der Leiter der Fakultät für Sicherheit, Michael Fischer, hatte die Idee zur Institutsgründung. Er hat erkannt, dass der Bedarf an hochklassiger Forschung im Bereich Sicherheit in Österreich groß ist. Die Fakultät hat die Aufgabe, die Bereiche Forschung und Sicherheit stärker nach außen zu tragen. Doktor Fischer und ich haben bereits unmittelbar nach meiner Auswahl zum Institutsleiter und noch vor der offiziellen Gründung des Instituts am 1. Februar 2023 die künftigen Eckpunkte des Instituts für Polizei- und Sicherheitsforschung entwickelt und abgesteckt.

Wie sehen diese aus?
Ein Schwerpunkt umfasst den Bereich polizeiliche Führung, ein anderer Cybersecurity. Darüber hinaus wollen wir das Thema Kriminologie mit hochkarätiger empirischer Forschung bearbeiten. Auch Sicherheitsprävention wird in unserer Arbeit eine entscheidende Rolle spielen, ebenso das Thema Data-Analytics. Diese Prozesse, dieser Blick in die Zukunft ist uns besonders wichtig.

Welchen Forschungsansatz verfolgen Sie?
Als Institut für Sicherheitsforschung setzen wir auf eine enge und gute Zusammenarbeit zwischen Fachhochschule, Innenministerium, Polizei und dem Bundesheer. Darüber hinaus ist uns die Kooperation mit der Privatwirtschaft wichtig. Welche sicherheitsrelevanten Themen und Fragestellungen gibt es dort, und was heißt das im Zusammenspiel? Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn wir uns die Foresight-Prozesse ansehen, dann ist uns bewusst, dass in der Privatwirtschaft der Blick in die Zukunft aufgrund der finanziellen Möglichkeiten meistens ein anderer ist. Wenn man sieht, welche Entwicklungen es in diesem Bereich gibt bzw. welche technischen Möglichkeiten dort eingesetzt werden, kann man davon profitieren.
Uns ist ein ganzheitlicher Ansatz wichtig. Wir wollen in den Forschungsbereichen alle drei Ebenen betrachten: die Mikroebene, also alles, was mit Menschen zu tun hat. Zum Beispiel die Frage: Wie funktioniert die Arbeit von Gruppen und Teams im Sicherheitsbereich? Welche Einflüsse bewirken, dass Personen besonders gute Führungskräfte sind? Auf der Mesoebene resultiert daraus die Frage: Welche organisationskulturellen Elemente existieren, die beispielsweise die Polizei als Organisationseinheit besonders machen? Und was bedeutet das in Krisensituationen im Zusammenspiel zwischen Polizei und Bundesheer? Natürlich ist dabei auch eine retrospektive Betrachtung wichtig – Stichwort: Was können wir aus dem Umgang mit der Corona-Pandemie lernen? Die dritte Säule betrifft die Makroebene: Welchen Einflüssen ist die Polizei bzw. sind Sicherheitsinstitutionen allgemein ausgesetzt? Und welche Besonderheiten in Bezug auf Führungskräfte, Mitarbeiter und Nachwuchskräfte resultieren daraus? Da, wo wir für die Praxis etwas herausarbeiten und wichtige Forschungspublikationen leisten können, wollen wir erster Ansprechpartner sein.

Worin unterscheidet sich Ihr Institut von anderen Forschungseinrichtungen?
Wir haben zu all unseren Projekten einen stark forschungsgeleiteten Zugang. Einerseits setzen wir auf bereits existierende Publikationen, andererseits auf empirische Forschung. Unser Anspruch als Institut ist, mit unseren Forschungen auch international wahrgenommen und im Bereich Sicherheitsforschung die Nummer eins im deutschsprachigen Raum zu werden. Wir wollen Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis sein und diesen Dialog nach innen und außen führen. Das bedeutet, nicht im akademischen Elfenbeinturm zu arbeiten, sondern vor allem den Diskurs mit der Öffentlichkeit zu suchen.

Wie groß ist Ihr Team?
Es existiert bereits ein wunderbarer Mitarbeiterpool, der primär in der Lehre verankert ist. Dieses Team wird auch in der Forschung mitwirken. Selbstverständlich wollen wir auch mit anderen Institutionen und Forschungseinrichtungen wie der Sicherheitsakademie (SIAK) zusammenarbeiten. Es gibt bereits von zahlreichen Partnern großes Interesse, weil die Sicherheitsforschung bis dato in Österreich nicht sehr ausgeprägt ist. Mein Zugang nach 15 Jahren in der Wissenschaft ist generell ein kooperativer, nur gemeinsam kann man Großartiges leisten.

Können Sie schon Partner nennen?
Wir haben einen Kooperationspartner an der Wirtschaftsuniversität Wien, mit dem wir zusammenarbeiten werden: Jurgen Willems vom Institut für Public Management & Governance. Auch Claudio Biscaro von der Johannes-Kepler-Universität in Linz wird mit uns zusammenarbeiten. Und selbstverständlich auch die Institution an der ich bereits tätig bin, der Universität für Weiterbildung Krems, in Form des Departments für Wirtschafts- und Managementwissenschaft unter der Leitung von Barbara Brenner. Das sind bereits existierende Kooperationen, die wir aber weiterentwickeln und ausbauen wollen. Wichtig ist meiner Wahrnehmung nach, dass man beginnt, Schwerpunkte und konkrete Ziele zu setzen. Wir haben zwei bis drei Leuchtturmprojekte definiert, in denen bereits empirische Arbeit geleistet wird.

Welche sind das?
Aktuell haben wir zwei Projekte am Laufen, die sich mit der polizeilichen Führung beschäftigen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob im Bereich der polizeilichen Führung dieselben psychologischen Einflüsse und Entwicklungen gelten wie im Public Leadership. Ein zweites Projekt geht der Frage nach, wie stark sich die Organisationskultur auf die Führungsarbeit auswirkt. Und welche Rolle das in weiterer Folge für die Teams, die man leitet, spielt?

Wie gut bzw. schlecht ist Österreich grundsätzlich im Sicherheitsforschungsbereich aufgestellt?
Vor allem in den Vereinigten Staaten gibt es bei Militär und Polizei eine lange Tradition darin, mit Fachpublikationen Ideengeber für betriebswirtschaftliches Management zu sein. Viele Studien, die in diesem Umfeld durchgeführt werden, werden von der Privatwirtschaft adaptiert und spielen eine wichtige Rolle. Das war und ist im deutschsprachigen Raum nicht so stark ausgeprägt. Daher: Ja, es braucht eine Neuentwicklung, die stärker auf die Zusammenarbeit zwischen Institutionen der öffentlichen Verwaltung und privatwirtschaftlicher Forschung setzt. Dazu wollen wir unseren Beitrag leisten.

Was werden künftig die relevanten Themen im Bereich der Sicherheitsforschung sein?
Aus meiner Sicht vor allem die Bereiche Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Daher planen wir am Institut für Polizei- und Sicherheitsforschung die Themen Cybersecurity, Machine-Learning und Artificial Intelligence wissenschaftlich zu bearbeiten. Im Bereich Szenarienforschung ist auch Blackout ein Thema. Aber wir müssen uns natürlich immer auch kritisch hinterfragen. Was können wir mit unserer Expertise und unseren Ressourcen im empirischen Feld tatsächlich leisten? Wir wollen Spitzenforschung betreiben und ein interdisziplinärer Knotenpunkt für den Sicherheitsbereich in Österreich werden. Das heißt für mich auch, nicht nur neue Mitarbeiter aufzubauen, sondern den bereits vorhandenen neue Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Als Institutsleiter ist mir der Austausch mit Praktikerinnen und Praktikern ein besonderes Anliegen. Nur so hat man das Ohr am Puls der Zeit und bekommt ein Gefühl dafür, welche Themen bedeutsam sind und Antworten aus der Wissenschaft erwartet werden.

Interview: Jürgen Belko

Zur Person

Mag. Dr. Georg Kodydek, M.E.S. studierte Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien, wo er zum Dr. rer. soc. oec promovierte. Darüber hinaus absolvierte er das postgraduale Masterstudium Europäische Studien an der Universität Wien. Für seine Dissertation „Leading multicultural work groups“ erhielt er Preise (u. a. Stephan Koren-Preis und Leopold Kunschak-Wissenschaftspreis). Nach einigen Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit an der WU Wien in zahlreichen Funktionen erhielt Georg Kodydek ein Erwin-Schrödinger-Fellowship vom FWF, für das er zwei Jahre an der NEOMA Business School in Reims/Frankreich forschte. Derzeit leitet er das Institut für Polizei- und Sicherheitsforschung an der FH Wiener Neustadt sowie das Top-Leadership-Programm der Universität für Weiterbildung Krems und ist Country-Co-Investigator (CCI) für Österreich im GLOBE-2020-Projekt (Global Leadership and Organizational Behavior Effectiveness). Er ist Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen, trägt an unterschiedlichen Universitäten und Hochschulen vor und berät Führungskräfte und Organisationen. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Niederösterreich.


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 5-6/2023

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