Polizeigeschichte

Naturtreue Abformungen

Der künstlerisch begabte Wiener Arzt Dr. Alfons Poller entwickelte eine Abformmethode, mit der von Körperteilen und Gegenständen „lebensechte“ Modelle zur Identifizierung hergestellt werden konnten.

Moulageabteilung der Wiener Polizei
Moulageabteilung der Wiener Polizei
© Polizeiarchiv

Spaziergänger sahen am 17. Juli 1928 im Lainzer Tiergarten in Wien ein Feuer. Als sie den Brand löschen wollten, entdeckten sie die teilweise verkohlte Leiche einer Frau. Die Leiche wies Schussverletzungen auf. Sie war mit Benzin und Trockenspiritus übergossen und angezündet worden.
Da die Ermittler die Identität der Toten längere Zeit nicht klären konnten, wandten sie sich an den Arzt Dr. Alfons Poller. Er war der fachliche Leiter des 1924 im Erkennungsamt der Polizeidirektion Wien eingerichteten Abformabteilung und hatte die Moulagemethode weiterentwickelt, um von Gesichtern und anderen Körperteilen natürlich aussehende Modelle herstellen zu können.
Das Gesicht der Leiche wurde mit der erwärmten biegsamen Substanz „Negocoll“ bedeckt, die von Poller entwickelt worden war. Die Masse passte sich an das Gesicht an, ließ sich leicht abnehmen und zeigte alle Einzelheiten. In dieses Negativmodell wurde mit einem Pinsel eine weitere Masse aufgetragen, um ein genaues, natürlich aussehendes Modell zu erhalten. Auch Härchen und kleine Hautfalten wurden nachgebildet. Poller hatte dafür die Substanzen „Hominit“, „Granulit“ und „Ceresit“ hergestellt. Auch das Gebiss der unbekannten Leiche wurde abgeformt. Die Bilder der Modelle wurden auf Plakaten und in Tageszeitungen veröffentlicht. Die Identität der Toten konnte aber erst ein Jahr nach Auffindung der Leiche geklärt werden. Ein Zahnarzt erkannte im Erkennungsamt im nachgebildeten Gebiss eine Goldbrücke, die er seiner Patientin Katharina Fellner eingesetzt hatte – vier Jahre vor ihrem Tod. Ein 39-jähriger Mann, der Wertgegenstände aus dem Besitz der Toten verkauft hatte, wurde wegen Mordverdachts angeklagt, aber mangels Beweisen freigesprochen.

Alfons Poller, 1879 als Sohn eines Militärkapellmeisters geboren, sollte die militärische Laufbahn einschlagen und absolvierte die Kadettenschule in Triest. Er entschied sich anders. Technisch und künstlerisch begabt, begann er zu malen und beschäftigte sich mit der Bildhauerei. Er studierte Philosophie und Medizin und war technischer Assistent im neuen Röntgeninstitut von Univ.-Prof. Dr. Guido Holzknecht an der Ersten Medizinischen Universitäts-Klinik im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Als 35-Jähriger wurde Poller 1914 zum Doktor der Medizin promoviert.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zog er nach Berlin, wo er an der Kaiser-Wilhelm-Akademie arbeitete und vor allem Prothesen für Kriegsversehrte herstellte, darunter künstliche Nasen, Ohren und Gliedmaßen. Als 1918 an der Universität Wien die Einrichtung eines „Instituts für darstellende Medizin“ geplant war, kam Alfons Poller nach Wien zurück und unterstützte den Aufbau des Instituts, das allerdings wegen Einsparungsmaßnahmen bald wieder aufgelassen wurde.

Abformabteilung.

1924 ersuchte Wiens Polizeipräsident Johann Schober den Moulageexperten Poller, dessen Methode für kriminalistische Zwecke zu nutzen. Poller baute die „Abformabteilung des Erkennungsamtes der Bundespolizeidirektion Wien“ auf und wurde fachlicher Leiter der Abteilung. Deren Mitarbeiter fertigten in den 1930er-Jahren jährlich bis zu 120 Abgüsse von Gesichtern und Körperteilen sowie von anderen Gegenständen und Spurenträgern an.
Für die kriminalistische Ausbildung fertigten die Spezialisten auch Moulagen von Körperteilen an, die charakteristische Berufsmerkmale aufwiesen. Darunter befanden sich der Daumen eines Schusters mit einer vom Ausziehen des Drahtes herrührenden Kerbe und ein Abdruck der am Knie gebildeten Hornhaut, die sich durch das Hämmern auf dem Knie gebildet hatte. Auch für das Polizeimuseum wurden Schauobjekte hergestellt.
Alfons Poller war der Ansicht, dass es keine zwei Menschen mit gleichen Ohren gebe, deshalb wurden auch Ohren von Häftlingen abgeformt und eine Ohrenmodellsammlung angelegt. 1927 verfasste Poller eine „kurze Anleitung zum Abformen am lebenden Menschen und toten Menschen sowie an leblosen Gegenständen“ (Apotela-Verlag, Wien). Er stellte sein Verfahren bei Kongressen und Tagungen der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission (IKPK), der späteren Interpol, vor. Ausländische Polizeidelegationen kamen nach Wien, um bei der Polizei die Moulagetechnik zu erlernen. Das Wiener Verfahren wurde von der Kriminalpolizei in mehreren Ländern für die Identifizierung angewendet. Als Bundeskanzler Engelbert Dollfuß beim Putschversuch der Nationalsozialisten im Juli 1934 ermordet wurde, fertigten der Leiter der Abformabteilung der Polizei, Alfred Löffler, und ein Mitarbeiter die Totenmaske an.

Moulagearbeiten: Abformung von Schuhabdrücken; Abformung von Händen, um eine Berufskrankheit zu dokumentieren
Moulagearbeiten: Abformung von Schuhabdrücken; Abformung von Händen, um eine Berufskrankheit zu dokumentieren
© Werner Sabitzer

Früher Tod.

Alfons Poller war auch Obmann des wissenschaftlichen Vereins „Volksfreund“. Als er schwer und unheilbar erkrankte, schied er 51-jährig am 3. September 1930 freiwillig aus dem Leben. Er wurde am 6. September 1930 im Friedhof Wien-Neustift bestattet. Sein Name lebte in seiner Methode weiter, die Abformmethode wurde „Pollern“ genannt.
Das „Pollern“ wurde nicht nur für medizinische und kriminalistische Zwecke angewendet, sondern auch in der Kunst, etwa zum Herstellen von Büsten, sowie in der Zahnmedizin, wo als Positivmasse das von Poller entwickelte „Dentokoll“ verwendet wurde. Der Wiener Bildhauer Willy Kauer verwendete das Verfahren für die Herstellung von Lebend- und Totenmasken.

Moulagearbeiten bis 1976.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Erkennungsamt der Wiener Polizei nur mehr gelegentlich Moulagen hergestellt. Es handelte sich durchwegs um Abformungen von Objekten aus verderblichem Material, um plastische Beweise für die Strafgerichtsverhandlung zu haben.
Zuletzt wurde das Verfahren 1976 eingesetzt. Ein Pole hatte ein Verkehrsflugzeug nach Wien entführt, in dem er die Besatzung mit einer aus Brot und eines Teils eines Rasierapparats hergestellten Handgranaten-Attrappe bedroht hatte. Da Brot verderblich ist, wurde die Attrappe für das Gerichtsverfahren als Moulage nachgebaut. Heute erfolgt die Rekonstruktion von Gesichtern mittels bildgebender elektronischer Verfahren.

Werner Sabitzer

  • Quellen/Literatur:
    Frischler, Kurt; Zehrer, Peter: Kriminalwalzer. 120 Jahre Wiener Sicherheitsbüro. Jugend & Volk, Wien/München 1979.
  • Sabitzer, Werner: Lexikon der inneren Sicherheit. Neuer wissenschaftlicher Verlag, Wien/Graz 2008.
  • Schranz, Dionys: Wie ist das Pollersche Abformverfahren in der Kriminalistik vorteilhaft anwendbar? In: Archiv für Kriminologie, Band 91, Heft 5-6, S. 216 ff.
  • Die Moulageabteilung. In: Verband der Bundeskriminalbeamten Österreichs (Hg.): Der österreichische Bundes-Kriminalbeamte. Gedenkwerk anlässlich des 80jährigen Bestandes des Kriminalbeamtenkorps Österreichs. Wien, 1933, S. 340-345.
  • Dr. Karl Henning †. In: : Illustrierte Kronen Zeitung, 8. Juni 1917, S. 5.
  • Mitteilungen. In: Öffentliche Sicherheit, Nr. 7/1927, S. 10.
  • Haben Sie schon gepollert? In: Wiener Magazin, Heft Oktober 1929, S. 37-43.
  • Dr. med. Alfons Poller †. In: Öffentliche Sicherheit, Nr. 9/1930, S. 6.
  • In der Werkstatt für „künstliche Natur“. In: Illustrierte Kronen Zeitung, 8. August 1931, S. 4.

Kriminaltechnik

Moulagetechnik

Als Erfinder der Moulagetechnik gilt der künstlerisch begabte Wiener Arzt Dr. Karl Henning. Er entwickelte eine kautschukähnliche Masse („Elastine“), die nach dem Aufkochen abgekühlt direkt auf den abzuformenden Körperteil oder Gegenstand gestrichen wurde. Nach dem Auskühlen wurde das Elastine abgenommen und mit einer weiteren Masse ausgegossen, sodass ein Modell des abgeformten Gegenstands entstand. Dieses Modell wurde nachbearbeitet und bemalt. Vor der Erfindung dieser Methode wurden Modelle aus Gips oder Wachs hergestellt.
Karl Henning gründete 1893 an der I. Universitätsklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten das Institut für Moulage. Er stellte viele Modelle für das Medizinstudium sowie Prothesen für Kriegsversehrte her, darunter viele Gesichtsteile. Er starb am 3. Juni 1917 im Alter von 57 Jahren nach einem Insektenstich. Sein Sohn, der akademische Maler Theo Henning (1897–1946), setzte die Arbeit seines Vaters fort. Er übernahm die provisorische Leitung des Instituts für Moulage, aus dem 1920 das private „Wiener Institut für Moulagen und Gesichtsprothesen" in der Mariannengasse in Wien entstand. Die Moulage-Sammlung ist heute Bestandteil des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums im Narrenturm. Alfons Poller entwickelte das Verfahren Hennings weiter, indem er neue Abformsubstanzen erfand, um lebensechte Modelle zu erhalten, bei denen beispielsweise auch Poren und Papillarlinien zu sehen waren.


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2023

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