Kriminalistik-Symposium

Spuren in die Zukunft

Im Rahmen des Kriminalistik-Symposiums in Graz stellten Expertinnen und Experten die Geschichte der Kriminalistik dar und zeigten Herausforderungen für dieses Fach in Gegenwart und Zukunft auf.

Wildererwaffen und Wilderermaske im Kriminalmuseum Graz: Die kriminalistische Sammlung von Prof. Hans Gross an der Universität Graz war zur Ausbildung von Juristinnen und Juristen bestimmt
Wildererwaffen und Wilderermaske im Kriminalmuseum Graz: Die kriminalistische Sammlung von Prof. Hans Gross an der Universität Graz war zur Ausbildung von Juristinnen und Juristen bestimmt © Werner Sabitzer

Das Hans Gross Zentrum für interdisziplinäre Kriminalwissenschaften (ZiK) am Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz veranstaltete am 24. November 2022 in Zusammenarbeit mit der Vereinigung Kriminaldienst Österreich (VKÖ) das erste in dieser Form stattfindende „Kriminalistik-Symposium“.
Das „Kriminalistik-Symposium 2022 – Spuren in die Zukunft“ führte von den Anfängen der Kriminalistik über kriminalpolizeiliche Ausbildungswege und die Herausforderungen und Chancen kriminalwissenschaftlicher Ausbildung bis hin zum Potenzial moderner forensischer Verfahren. Ganz nach den Intentionen der Herausgeber des Tagungsbandes, dass Theorie ohne Praxis Gefahr laufe, zum Selbstzweck zu werden, und Praxis ohne Theorie mit dem Einwand der Beliebigkeit konfrontiert sein könnte, lebte auch das Symposium von der Vernetzung von Theorie und Praxis. Entsprechend den Vorstellungen von Hans Gross, dem Begründer der wissenschaftlich fundierten Kriminalistik, war das Symposium geprägt von multi- und interdisziplinären Vorträgen, die ein einheitliches Ziel anstrebten: den Weg in die Zukunft gemeinsam zu bestreiten.

Spuren aus der Vergangenheit.

Grazer Lügendetektor in den 1920er-Jahren: „Apparat zur Ausdrucksregulierung“
Grazer Lügendetektor in den 1920er-Jahren: „Apparat zur Ausdrucksregulierung“
© Kriminalmuseum Graz

Univ.- Prof. Dr. Thomas Mühlbacher, Leiter der Staatsanwaltschaft Leoben und Praxisprofessor am Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz, und Priv.-Doz. DDr. Christian Bachhiesl, Kustos und Kurator des Hans Gross Kriminalmuseums und ebenfalls Lektor am Institut für Strafrecht, bildeten mit ihrem Vortrag „Hans Gross, die Kriminalistik und die Genese der wissenschaftlich fundierten Verbrechensbekämpfung“ den Auftakt mit einer Einführung in die kriminalwissenschaftliche Denkweise Hans Gross‘. Seine Erkenntnis, dass die „Realien“ – wie Gross die mit Hilfe „strafrechtlicher Hilfswissenschaften“, nämlich der Kriminalistik als „Lehre von den Realien“ gewonnenen vorwiegend naturwissenschaftlichen Fakten nannte – nicht den Normen folgen und es damit die rechtliche Würdigung eines Sachverhalts durch eine intensive, vorgelagerte Untersuchung der Realien zu ergänzen gilt, bezeugt die seit Anbeginn bestehende Bestrebung, die Kriminalwissenschaften interdisziplinär zu denken. Erst durch die konsequente Integration, im Sinne einer Ausweitung der universitären Ausbildung im Bereich des Strafrechts auf nicht-juristische kriminalwissenschaftliche Inhalte, wäre es den Kriminalwissenschaften möglich, ihren Grundaufgaben erfolgreich nachzugehen, nämlich die Studie des Menschen zu ermöglichen, der Praxis Auskunft zu geben und der Kriminalpolitik Material zur Rechtsfortentwicklung zu liefern.

Kriminalistik in der DDR und in Westdeutschland.

Anknüpfend an diese Grundsätze gab Wolfgang Volland, ehemaliger erster Kriminalhauptkommissar des Landeskriminalamts Berlin, mit seinem Vortrag zur „Kriminalistik in der DDR und Westdeutschland im Vergleich“ einen bedeutenden Einblick in die Ausbildung zum Kriminalbeamten im Deutschland der 1980er-Jahre. Die zweigleisige Berufsausbildung in der DDR, die entweder im Rahmen der Polizeilaufbahn oder als Direktstudium an der Universität absolviert werden konnte, wies eine bemerkenswerte Vielseitigkeit und Qualität der Ausbildungsinhalte auf. Im Gegensatz zur Ausbildung in Westdeutschland erfolgte die Ausbildung in der DDR zentralisiert und spezialisiert. Mit Kenntnissen über Kriminologie, Kriminaltechnik, Strafrecht, Strafprozessrecht, Pädagogik, Psychologie, Fotografie, Sport, Einsatz- und Führungstechnik, Waffenkunde, politische Bildung, philosophische Schulen u. a. wurde die Fähigkeit einer umfänglichen materiellen Beweissuche erarbeitet. Dies sei für Volland der Grundstein für sein flexibles, variables und erfolgreiches Arbeiten mit den verschiedenen Herausforderungen der damaligen Zeit gewesen.

Die geschichtliche Aufarbeitung der kriminalpolizeilichen Ausbildung übernahm Martin Roudny, MA, Leiter der Außenstelle Zentrum Ost des Landekriminalamts Wien und Mitglied der Reformgruppe „Ausbildung“ Kriporeform 2.0, im Rahmen einer „Gesamtbetrachtung der kriminalpolizeilichen Ausbildung in Österreich“. Nach der Schaffung der Zivilpolizeiwache 1850 in Wien, dem ersten kriminalpolizeilichen Organ, führten die Bestrebungen nach einer systematischen Schulung qualifizierter Organe in einer zentralen Dienststelle, auch nach dem Ersten Weltkrieg zu einem raschen Wiederaufbau der Strukturen. Es folgte eine zehnmonatige Fachausbildung unter anderem in den Fächern Daktyloskopie, Fotografie, Chemie, Kriminologie und Kriminaltechnik. Der Mangel an personellen Ressourcen nach dem Zweiten Weltkrieg verunmöglichte jedoch die Aufrechterhaltung des bis dahin geltenden Qualitätsanspruches, womit die Fachausbildung in der Nachkriegszeit durch einen dreimonatigen Fachkurs ersetzt wurde. Auch die nachfolgenden Veränderungen zeichneten eine Linie abseits der ursprünglichen Intention, bis im Jahr 2000 der Grundausbildungslehrgang für Kriminalbeamte eingestellt wurde. Die uneinheitlichen Bestrebungen, die Ausbildung auf neue Beine zu stellen, können die Anforderungen der heutigen Kriminalität nicht bewältigen, es braucht nach Roudny zielgerichtete, geschlossene Veränderungen, die dem Rechnung tragen.

Spuren in die Zukunft.

Anknüpfend an Roudnys „Take-away-message“, die die Anpassung der kriminalpolizeilichen Ausbildung an die Anforderungen des kriminalpolizeilichen Tätigkeitsfeldes in den Fokus rückt, leitete Niko Reith, BA MA in Vertretung des Direktors des Bundeskriminalamts General Mag. Andreas Holzer mit Ausführungen zu aktuellen Initiativen in der kriminalpolizeilichen Ausbildung die Debatte in die Zukunft. Betont wurde das „Wachsen“ der Kriminalpolizei an den Gegebenheiten der Gegenwart und Zukunft, seiner Verpflichtung, die Kriminalpolizei in Österreich zu verändern. Den Rahmen, in dem die „Kunst“ der kriminalpolizeilichen Tätigkeit sich diesen Anforderungen stellen kann, hat die einheitliche Aus- und Fortbildung zu schaffen. Die Etablierung der Interdisziplinarität als Lern- und Sozialisierungsprozess wird als richtungsweisend angesehen, um die Handlungssicherheit der Kriminalbeamten nachhaltig zu steigern. Die Schaffung einer zentralen Leitung mit spezialisierter Zuständigkeit soll ein einheitliches Vorgehen bewerkstelligen. Virtuelle Webinare sollen die Chance bieten, rasch auf aktuelle kriminalistische Phänomene und legistische Änderungen eingehen zu können.

Forensic Scientist.

Inspiration für eine solche Umstrukturierung kann auch die an der Universität Lausanne angebotene Ausbildung zum Forensic Scientist bieten. Anhand ihres eigenen Werdegangs erläuterte Dr. Aline Girod-Frais, BSc MSc, die an der Universität Wien und der Universität Graz im Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie lehrt, sowie als Hauptreferentin im Büro Tatort des Bundeskriminalamts tätig ist, in ihrem Impulsreferat „Die Forensik an der Universität Lausanne: eine Inspiration für Österreich?“ das in Österreich weitgehend inexistente Berufsbild des Forensic Scientists. Seinen Ursprung im von Archibald Reiss gegründeten Institut de police scientifique findend, wird der Bereich der forensischen Wissenschaft in Lausanne seit jeher interdisziplinär gedacht. Gegenstand des breit gefächerten naturwissenschaftlichen Studiums ist dabei die Spur als Informationsvektor. Spurensicherung, Tatortarbeit und Laboranalyse sind Grundbestandteile des Bachelorstudiums, wobei sich im Masterstudium auf die Bereiche chemical criminalistics, physical identification und digital investigations spezialisiert werden kann. In Österreich ist die Forensik weder eine eigenständige Wissenschaft, noch gibt es eine anerkannte einheitliche akademische Ausbildung, noch findet eine durch eine Zentralstelle koordinierte Forschung statt. Girod-Frais betonte die Versäumnisse, die sich aus dieser Perspektive eröffnen und stellte die forensische Wissenschaft als erfolgsversprechendes Bindeglied zwischen der Exekutive und Judikative vor.

Kriminalistik in der Juristenausbildung.

Kriminalistik-Symposium: Herausforderungen und Chancen kriminalwissenschaftlicher Ausbildung sowie moderne forensische Verfahren
Kriminalistik-Symposium: Herausforderungen und Chancen kriminalwissenschaftlicher Ausbildung sowie moderne forensische Verfahren
© ZiK

Ob ein solches Bindeglied notwendig ist und ob die Kriminalistik als nicht-juristisches Forschungs- und Betätigungsfeld Bestandteil der Ausbildung von Jurist/-innen sein soll, damit beschäftigte sich Dr. Nina Kaiser, Projektleiterin am Hans Gross Zentrum für interdisziplinäre Kriminalwissenschaften, in ihrem Vortrag „Kriminalistik – (nichts) für Jurist/-innen?“. Der Fokus in der Ausbildung an den rechtswissenschaftlichen Fakultäten liegt laut Kaiser auf der Ausbildung von Generalist/-innen, die auf ein Gesamtverständnis des Rechts abzielt, dabei aber vorwiegend das Recht, die österreichische Rechtsordnung sowie internationale und europarechtliche Komponenten bedient. Zwar werde die Anwendung der Normen auf den einzelnen Sachverhalt gelehrt, nicht aber die Erarbeitung eines solchen Sachverhalts und den dabei zwangsläufig entstehenden Kontakt mit fachfremden Disziplinen­.
Um hier einen Vorstoß zu leisten, hat das Hans Gross Zentrum für interdisziplinäre Kriminalwissenschaften mit Kolleg/-innen aus Wissenschaft und Praxis juristischer wie auch nicht-juristischer Disziplinen nicht nur bei der Gestaltung eines Kriminologie-Schwerpunktes mitgewirkt, sondern auch ein Spezialisierungsmodul „Kriminalistik und Forensik“ entworfen, das mit Inkrafttreten des neuen Curriculums für das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Graz seit Oktober 2022 von den Studierenden als Vertiefung gewählt werden kann. Damit soll den angehenden Jurist/-innen eine Perspektive der Vielschichtigkeit des Ermittlungs- und Hauptverfahrens auch abseits der rechtlichen Beurteilung eröffnet werden, so dass der anfangs gestellten Frage ein entschiedenes „Ja“ entgegengebracht werden konnte.

Innovationen.

Kriminalhauptkommissar Thorsten Floren, Lehrbeauftragter an der Hochschule für Polizeiwissenschaften in Nordrhein-Westfalen, referierte über „Kriminaltechnische Innovationen als Entwicklungspotenzial des kriminalistischen Sachbeweises“. Von den Anfängen des Fingerabdrucks über den raschen Fortschritt bei der DNA-Analyse bis zu den kriminaltechnischen Anforderungen bei Aufkommen des digitalen Zeitalters erläuterte Floren den Werdegang des Sachbeweises und die erfolgsversprechenden Möglichkeiten der Integration fächerübergreifenden Wissens. Mit der Behandlung der mikrobiellen Spur warf er nicht zuletzt Licht auf eine kriminaltechnische Innovation: Anhand der körpereigenen Bakterien, soll eine Identifizierung („mikrobieller Fingerabdruck“) möglich sein, von der man sowohl auf ermittlungsrelevante Hinweise hinsichtlich Alter, Herkunft, Lebensstil oder Umwelt als auch auf Übertragungswege (Griff-/Kontaktspuren) rückschließen kann.

Forensische Linguistik.

Einen weiteren innovativen Ansatz der Spurenkunde stellte Dr. Karoline Marko, BSc vom Institut für Anglistik an der Universität Graz vor. Anhand ihres Referates „Sprachliche Spuren“ führte sie in die Forensische Linguistik ein. Unter der Grundannahme der Sprache als soziales Phänomen und den beiden daraus fließenden Prämissen, dass der Prozess der Sozialisierung Spuren in der Sprache eines Menschen hinterlässt und die Sprache immer auch eine Form des Ausdrucks ist, eröffnete Marko eine umfangreiche Analysemöglichkeit forensisch relevanter Texte. Bei der Methode der Sprecher-Erkennung wird mithilfe der Software Praat ein Spektogramm erstellt, das Rückschlüsse auf die Grundfrequenz einer Stimme, die sprachlichen Eigenheiten, sowie die Bildung der Sprache im Mund zulässt. Die Methode der Autoren-Erkennung beschäftigt sich mit der Analyse von Texten hinsichtlich Qualität, Zeitraum der Entstehung und Urheber/-in. Die größte Hürde sei laut Marko der mangelnde Zugang zu Vergleichsmaterial.

Resümee.

Mit dem Ziel, die Wissenschaft und Praxis auf nachhaltige Weise zu vernetzen und durch die gemeinsamen Erörterungen der Konzeption der Kriminalwissenschaften als „Spuren in die Zukunft“ ein Herantasten an eine politische Zielvorstellung zu ermöglichen, erfüllte das Symposium jene Grundaufgaben, die bereits Hans Gross für die Kriminalwissenschaften formulierte – der Praxis Auskunft zu geben und der Politik Material zu liefern. Es ist der Wunsch und die Unverzichtbarkeit des Austauschs im interdisziplinären Feld, die sich hier auf eigene Beine stellen. Gibt man den daran beteiligten Perspektiven eine Stimme, wird eines eindeutig: Der Ruf nach einer einheitlichen, interdisziplinären Ausbildung und Vernetzung, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Dafür, und um die Kriminalwissenschaften darüber hinaus wieder der Grundidee nach zu etablieren, bedarf es der Kommunikation, Koordination und folglich der Integration unterschiedlicher Disziplinen: Es bedarf der „Re-Sozialisierung“ der Kriminalwissenschaften. Für das ZiK als zukünftiger „One-Stop-Shop“ kriminalwissenschaftlicher Expertise liegt es damit auf der Hand, nach diesem erfolgreichen Auftakt den „Re-Sozialisierungsprozess“ als Schnittstelle zwischen Universität und Praxis zu moderieren.

Nina Kaiser/Ida Leibetseder

Der Tagungsband zum Symposium, ZiK/VKÖ (Hg): „Dokumente. Kriminalistik Symposium 2022. Spuren in die Zukunft“, ist abrufbar unter: https://unipub.unigraz.at/obvugrveroeff/content/titleinfo/8221896 


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2023

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