Ein Tag mit dem Bundespolizeidirektor

Tempo!

Gespräche auf Augenhöhe sind für den Bundespolizeidirektor ein Volltreffer. Das ist innovativ und macht Michael Takács authentisch. Ein Tag mit Tempolimit? Keine Spur!

Bundespolizeidirektor Michael Takács (2. v.r.) besuchte die Wasserpolizei
Bundespolizeidirektor Michael Takács (2. v.r.) besuchtedie Wasserpolizei
© Gerd Pachauer

Praktisch eine Punktlandung für General Michael Takács, beachtet man die Einflüsse und Dynamiken im Terminkalender eines Bundespolizeidirektors. Wie vereinbart, trifft er am 30. Jänner 2023, um 9 Uhr, in der Wiener Landespolizeidirektion ein. Eine Agenda ernster Dinge mit Führungskräften des Geschäftsbereichs „Strategie und Einsatz“ steht am Programm. Im Rückblick zeichnet er rasch ein Bild des begonnenen Tages. Wie jeden Morgen sei der „automatische Wecker“ angesprungen: Romy, seine Labrador-Hündin, habe wie jeden Morgen ihr Futter eingefordert. Danach habe er mit Sohn und Frau gefrühstückt. Tägliche Rituale. „Das sind wichtige Momente für uns, weil meine Tage mit Terminen gepflastert sind und ich erst gegen 22 Uhr oder noch später nach Hause komme.“
Das Protokoll der Sitzung mit den Führungskräften offenbart neben Themen wie Ausbildung, Arbeitsanforderungen und Strukturentwicklung einen schleppenden Verlauf bei der Rekrutierung von Polizistinnen und Polizisten. Takács sagt: „Es war früher einfacher, junge Menschen für den Polizeiberuf zu gewinnen, heute zählt die Work-Life-Balance. Wir müssen alles geben, um mit der Privatwirtschaft mitzuhalten.“ Es brauche neue Schritte. Es brauche schnelle Lösungen. Es brauche eine Überarbeitung der Rekrutierungsmaßnahmen. „Denn jeder Tag, an dem nichts passiert, ist ein verlorener Tag.“
Im darauffolgenden Gedankenaustausch mit Landespolizeipräsident Gerhard Pürstl und seinem „Vize“ Michael Lepuschitz werden eine Reihe an Verbesserungsmaßnahmen besprochen. Takács: „Die Kolleginnen und Kollegen in den Inspektionen sind die Basis jeder Polizeiarbeit. Wir müssen es wieder schaffen, Menschen für Polizeiinspektionen zu begeistern. Daran müssen wir arbeiten.“

Keine Zeit für Smalltalk.

Michael Takács ist ausgebildeter Polizei-Schiffsführer
Michael Takács ist ausgebildeter Polizei-Schiffsführer
© Gerd Pachauer

Allzu viel Zeit für den Austausch von Gedanken bleibt nicht. Der nächste Programmpunkt, eine Ehrung verdienter Polizisten im Landeskriminalamt Wien, erlaubt keinen Smalltalk. Gemeinsam mit dem Landespolizeipräsidenten geht die Fahrt in die nahe gelegene Berggasse. Als Bundespolizeidirektor müsse man wissen, wie es den Kolleginnen und Kollegen auf der Straße gehe, sagt Takács, man müsse die Abläufe im Innenministerium kennen, bereit sein für Neues, bereit sein, Wege zu gehen, die andere nicht gehen wollen oder noch nicht gegangen sind. Der Grund, warum er sich mit den Kriminalisten des Landeskriminalamts zusammensetzt und über Kriminalitätsentwicklungen, tägliche Herausforderungen, über technische Ausstattung und Engpässe beim Personal redet. Er hebt hervor: „Ihr macht einen hervorragenden Job im Landeskriminalamt – vielen Dank dafür.“
Mit Vizepräsident Lepuschitz besucht Takács die Einsatzeinheit WEGA, die ums Eck in der Roßauer Kaserne einquartiert ist. Wieder spricht der Bundespolizeidirektor vor einer versammelten Mannschaft, diesmal einer WEGA-Kompanie, „um in die Mannschaft hineinzuhören, um den Geruch der Straße niemals zu verlieren“. Was er damit meint? Er wolle zu den Kolleginnen und Kollegen, die auf der Straße ihren Dienst verrichten, niemals den Bezug verlieren. „Zu jedem Einzelnen und zur Arbeit, die sie erledigen.“
Der Bundespolizeidirektor fragt zwanglos, offen, mit einem Lachen im Gesicht: „Müsst ihr alle wegen mir hier sitzen und dürft deshalb euren Sport nicht ausüben?“ Er lässt sich die Amtshandlung erklären, bei der vor Kurzem ein Mann tödlich getroffen worden war, nachdem er mehrmals mit einem Gewehr aus der Wohnungstür geschossen hatte. Takács sagt: „Reden wir offen miteinander.“ Es werden Fragen gestellt, die der Bundespolizeidirektor beantwortet, danach wird über „Internas“ geplaudert.

Ein Termin folgt dem nächsten.

Michael Takács im Gespräch mit Gerhard Pürstl und Michael Lepuschitz
Michael Takács im Gespräch mit Gerhard Pürstlund Michael Lepuschitz
© Gerd Pachauer

Die Gespräche des Michael Takács‘ haben eine hohe Energie, ein rasend schnelles Tempo, ein Termin folgt dem nächsten. Beim Besuch der Wasserpolizei am Wiener Handelskai ist der Bundespolizeidirektor als ausgebildeter Polizei-Schiffsführer in seinem Element. Mit dem stellvertretenden PI-Kommandanten beredet er Details über ein neues „Steuersystem, mit dem sich Schiffe wesentlich besser steuern lassen“. Er unterhält sich über Technik, Ausstattung, darüber, wie er in der damaligen Fachinspektion die Ausbildung zum Schiffsführer abgelegt hat. Er sagt: „Ich werde nie eine Führungskraft sein, die abgehoben agiert, mit der man nicht reden möchte. Zuhören ist einer der wichtigsten Punkte im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen. Und Ehrlichkeit. Ich brauche keinen Dienstgrad durchexerzieren, das ist nicht notwendig.“
Der „Porsche auf der Donau“, der hat es dem Bundespolizeidirektor angetan: Die „Wenia“, 572 PS stark, 60 km/h schnell, das neue Schiff der Wasserpolizei. „Einer meiner Grundsätze ist, dass ich die Arbeit der Polizistinnen und Polizisten kennen muss, die für die Menschen in Österreich da sind. Nur dann kann ich versuchen, deren dienstlichen Alltag zu verbessern“, sagt er, und manövriert die „Wenia“ unter Aufsicht durchs wellige Fahrwasser der Donau.

Michael Takács führte Gespräche mit Kollegen in der Polizeiinspektion Quadenstraße und im Landeskriminalamt
Michael Takács führte Gespräche mit Kollegen in der Polizeiinspektion Quadenstraße und im Landeskriminalamt
© Gerd Pachauer

Tempolimit? Keine Spur!

Um 15 Uhr steht ein Besuch der Polizeiinspektion Quadenstraße am Programm. Fast pünktlich trifft der Bundespolizeidirektor im 22. Bezirk ein. Pünktlichkeit sei ihm wichtig, sagt er. „Nur kann ich Termine fast nie einhalten.“ Warum? „Weil ich von der Dynamik gesteuert bin.“ Oft verändere sich mehrmals am Tag der Tagesablauf, es kämen Minister- oder Bundeskanzlertermine oder ähnliches dazu, „und da Termin an Termin gereiht ist und ich mich dazwischen auch immer vorbereiten muss, ist es für mich schwierig, pünktlich zu sein“. Auf die Frage, was er als Bundespolizeidirektor bewirken möchte, antwortet Takács: „Ich habe, seit ich denken kann, den Beruf des Polizisten als Berufung gesehen, in jedem Bereich, in dem ich tätig war, ich habe immer versucht, der Organisation mit meiner Tätigkeit einen Sinn zu geben.“ Und genau so sehe er die Verantwortung als Bundespolizeidirektor. Er sei für mehr als 32.000 Polizistinnen und Polizisten verantwortlich, er sehe sich als Schneepflug für die Landespolizeidirektionen. „Ich versuche Probleme so rasch wie möglich zu beseitigen, damit meine Kolleginnen und Kollegen arbeiten und sich entsprechend entfalten können.“ Das Feedback aus Klausuren gäbe ihm Recht. „Ich greife auch unangenehme Dinge auf. Ich lasse nichts in einer Schublade verschwinden. Ich bleibe dran, bis eine Lösung da ist. Ich bin beharrlich, wenn es um meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht.“
Die Gespräche in der Polizeiinspektion bleiben herzlich, das Tempo noch immer schnell. Es wird über Gewalt in der Familie samt Wegweisungen geredet, eine der Hauptaufgaben der Bediensteten in der Quadenstraße, es geht um Ausstattung und Personal. Man sei vor einem Jahr umgezogen, erzählt der stellvertretende PI-Kommandant, von einer veralteten Dienststelle in diese neue, große, moderne Dienststelle. Die Moral sei gut, die sei mitgenommen worden, kommt die Antwort auf Takács Nachfrage. „Polizeibedienstete in den Dienststellen sind die wichtigste ‚Sondereinheit‘ der Polizei, die Erfolgsfaktoren der Polizei“, antwortet Takács. Der Bundespolizeidirektor erzählt von früher, von der Zeit, als er als „eingeteilter Beamter“ im damaligen Wachzimmer am Stubenring arbeitete, er erzählt von „Stehern“, von Überstunden vor Botschaften, er erzählt von der „Luftgekühlten mit fünf Durchschlägen“, der mechanischen Schreibmaschine mit eingelegtem Blaupapier.
Jetzt muss man sich Michael Takács als jemanden vorstellen, der über seine Arbeit anders spricht, als man es vielleicht vom zweithöchsten Polizisten des Landes erwarten würde. Er, der ehemalige Lehrling zum Großhandelskaufmann, der ehemalige Polizist im Irak-Einsatz, die ehemalige „Weiße Maus“ am Motorrad, der Hubschrauberpilot, der ausgebildete Polizei-Schiffsführer, der ehemalige Chef der Wiener Verkehrspolizei und Flüchtlingskoordinator spricht eloquent, konsequent und frei von der Leber. Seine Sätze klingen präzise, schnörkellos, verständlich. Trotzdem oder gerade deswegen besticht Michael Takács durch geschickte Diplomatie.
Schon als Flüchtlingskoordinator vermittelte er zwischen kriegsvertriebenen Menschen aus der Ukraine und der österreichischen Bundesregierung. Er habe dafür sorgen müssen, dass Bund, Länder und Gemeinden, dass Hilfsorganisationen und Unternehmen gemeinsam dafür Sorge trugen, dass 92.000 Schutzsuchende in Österreich ein Dach über dem Kopf bekamen. „Wir haben den vertriebenen Menschen aus der Ukraine in Österreich Hoffnung gegeben – wir haben sie versorgt und dafür gesorgt, dass niemand auf der Straße schlafen musste.“ Als Bundespolizeidirektor ist Takács genauso: Als jemand, der hemdsärmelig agiert, präzise, mit viel Schwung, als Macher, der anpackt.

Besuchsprogramm des Bundespolizeidirektors: Gespräche mit WEGA-Beamten und Mitarbeitern des ETZ Süßenbrunn
Besuchsprogramm des Bundespolizeidirektors: Gespräche mit WEGA-Beamten und Mitarbeitern des ETZ Süßenbrunn Gerd Pachauer

Keine Zeit zum Verschnaufen.

Michael Takács beim Pistolenschießen im ETZ-Süßenbrunn
Michael Takács beim Pistolenschießen imETZ-Süßenbrunn
© Gerd Pachauer

Mit Andreas Kohs, dem Leiter der Abteilungen für Sondereinheiten, besucht Takács um 17 Uhr Europas modernstes Einsatztrainingszentrum in Süßenbrunn, rund 8.000 Quadratmeter groß. „Was hat sich seit meinem letzten Besuch getan?“, fragt der Bundespolizeidirektor einen der Landeseinsatztrainer. Es geht um Adaptierungen bei der Außenschießanlage, um Probleme mit der Lüftungsanlage, um ein Konzept für eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung der Anlage, um eine geplante Versorgungsstelle. In einer der Indoor-Schießanlagen entleert Takács unter Aufsicht eines Einsatztrainers mehrere Magazine einer Glock-Pistole und eines Sturmgewehrs. Seine Begeisterung ist groß. Danach kehrt er die leeren Patronenhülsen zusammen, gleich einem Polizeischüler, der ein Schießtraining absolviert hat. Nichts ist reizvoll inszeniert, Takács wirkt aufgeregt und authentisch. Und obwohl der Tag voller Termine war, beantwortet der Bundespolizeidirektor noch spät am Abend Fragezeichen, die tagsüber aufgeworfen wurden.

Gibt sich der Bundespolizeidirektor diplomatisch?

„Ich spreche Dinge direkt an“, antwortet er. „Ich mache mir nicht die Mühe, jemanden anzulügen, weil Lügen muss man sich ja alle merken.“ Er höre aber auch gerne zu, um den Gesprächspartner richtig einschätzen zu können. „Diplomatie heißt für mich, dass man nicht wirklich was umsetzt und durchzieht. Deshalb glaube ich, kein Diplomat zu sein. Ich glaube, dass ich empathisch bin. Ich versuche, mich in Situationen hineinzuversetzen, um die Menschen zu verstehen. Ich bin offen für Argumente. Wenn sie gut sind, bin ich bereit, getroffene Entscheidungen zu überlegen.“

Gab es besondere Menschen auf dem Karriere-Weg?

„In diesen 35 Jahren haben mich immer wieder Menschen begleitet, die mich beruflich geschätzt, gefordert und gefördert haben“, hebt Takács hervor. Jede Kollegin und jeder Kollege, mit der oder mit dem er zusammengearbeitet habe, habe ihn in irgendeiner Art und Weise zu dem geformt, was er heute sei. „Ich habe von jeder Kollegin und von jedem Kollegen etwas mitgenommen.“

„Goldstar“-Tänzer – was ist dran?

„Ich war in der Polizeischule, als der Klassenlehrer für einen Ball im Schloss Schönbrunn Ballbegleiter für Töchter aus reichem Haus aus Südamerika gesucht hat. Beim Vortanzen in einer Tanzschule habe ich gesehen, dass meine Klassenkollegen tanzen konnten, nur ich nicht, ich habe gerade einen Walzer mehr recht als schlecht hinbekommen.“ Er sei trotzdem ausgewählt worden, erzählt Takács. „Weil ich Walzer aber nicht gut tanzen konnte, habe ich mich in einer Tanzschule einschreiben lassen. Ich habe zu tanzen begonnen, bis hin zum Leistungsabzeichen ‚Goldstar‘.“

Private Pläne?

„Ja, die habe ich, ich möchte besonders mein intensives, berufliches Leben reduzieren, nämlich spätestens dann, wenn wir entsprechend aufgestellt sind. Es fehlen noch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, daran arbeite ich. Und! Ich möchte mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, mit meiner Hündin, derzeit ist das nicht möglich.“

Drei Worte, die womöglich das Tempo erklären, das er vorlegt?

Takács überlegt, schließlich sagt er: „Empathisch, zielstrebig, lösungsorientiert.“

Innere Sehnsucht nach Tempo?

„Grundsätzlich bin ich ein sehr geduldiger Mensch“, antwortet der Bundespolizeidirektor. „Das bedeutet, wenn ich etwas reparieren möchte und merke, das geht zulasten von Menschen, dann macht mich das unrund und ich arbeite so lange, bis es repariert ist.“ Ein Beispiel: „Vor drei Monaten war ich in Süßenbrunn, dort waren klare Defizite erkennbar, dann interessiert es mich, ob das in Ordnung gebracht worden ist. Da mache ich Druck, das ist mein Tempo.“

Reinhard Georg Leprich


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 3-4/2023

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