ACIPSS-Tagung

Menschen und Organisationen

ACIPSS Tagung: Thomas Goiser (Moderator), Lukas Turk, Stefan Auer, Claudia Körmer, Dietmar Pichler, Martin Langer.
ACIPSS Tagung: Thomas Goiser (Moderator), Lukas Turk, Stefan Auer, Claudia Körmer, Dietmar Pichler, Martin Langer.
© David Jaklin

Ein breites Spektrum von Katastrophen(-hilfe) sowie Hintergründe und Herausforderungen von Desinformation waren Thema der 32. ACIPSS Tagung an der FH Campus Wien.

Am 23. September hielt das Austrian Center for Intelligence, Propaganda & Security Studies (ACIPSS) am FH Campus Wien seine 32. Tagung ab. In Kooperation mit der Fachhochschule und dem Verein Akademischer Sicherheitsberater Österreichs, widmete sich sich die Veranstaltung „Menschen und (digitalen) Organisationen“. Die Vorträge deckten Bereiche der Katastrophenforschung sowie digitale Themen wie Desinformation in ihren Ausformungen und Herausforderungen ab.

Leitfaden für Katastrophen.

Martin Langer, FH-Professor am FH Campus Wien und Studiengangsleiter für Integriertes Sicherheitsmanagement, unterstrich die Wichtigkeit, Risiken ins Leben zu integrieren. Problematisch werde es nur, wenn sie zu groß sind oder werde. Auf der „Normal-Accident-Theorie“ aufbauend, zeigte er anhand von Fallbeispielen, welche Kriterien in fast allen Katastrophen zu finden sind und stellte einen ironischen Leitfaden für Katastrophen vor. So findet man beispielsweise immer wieder im Vorfeld von Katastrophen die Behauptung, dass die betroffenen „Systeme sicher seien“. Eine Aussage, die man sowohl im Falle der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl oder dem Chemieunfall in Bhopal, Indien (bei dem aufgrund menschlichen Versagens mehrere Tonnen giftiger Chemikalien freigesetzt wurden), finden konnte.
Einer der Fixpunkte dieses „Leitfadens“ ist, dass keine Information an die von den Katas­trophen unmittelbar betroffenen Menschen weitergegeben wird, um den Vorfall zu vertuschen. Auch hier wurde wieder Tschernobyl bzw. die UdSSR als Beispiel genannt. Aber auch die Schweiz, während des Sandoz-Unfalls 1986, als ein Großbrand einer Lagerhalle des Sandoz Konzerns zu einer katastrophalen Kontaminierung des Rheins und einem massiven Fischsterben führte. Insofern erfolgt ab dem Moment, in dem die Wahrheit ans Tageslicht kommt, die Phase des Bagatellisierens, in der die Auswirkungen heruntergespielt werden. Diesen Aspekt ordnete Martin Langer als Form der Desinformation ein, was auch den Bogen zu anderen Beiträgen der Veranstaltung spannte.
Ein weiterer Punkt in der Aufzählung Langers war der Faktor Mensch. Dieser spielt immer im Hintergrund bei Katas­trophen mit, sei es in Form von fehlendem Training, Erschöpfung oder Überlastung. Neben dem Bagatellisieren ist auch die Vertuschung anzuführen. Es gibt immer wieder Beispiele für fehlende Transparenz, um Probleme zu verheimlichen, in der Hoffnung, juristischen oder finanziellen Konsequenzen entgehen zu können. Letzten Endes geht dies auch Hand in Hand mit dem Verständnis von „Vorher ist nachher“ – in Form von Lippenbekenntnissen und der Realität, dass keine Konsequenzen gezogen werden.
Bevor Langer Opferkategorien erläuterte, sprach er die Problematik an, dass Sicherheit auch zu Unsicherheit führen kann, wie man es im Falle des German Wings Flug 9525 sehen konnte. Hier konnte der Pilot, nachdem er das Cockpit kurz verlassen hatte, aufgrund der Sicherheitstür nicht mehr dorthin zurückkehren, um den Kopiloten davon abzuhalten das Flugzeug gezielt abstürzen zu lassen.

Herausforderung Desinformation.

Dietmar Pichler: „Es herrscht ein gewisses Bewusstsein in der Bevölkerung vor.“
Dietmar Pichler: „Es herrscht ein gewisses Bewusstsein in der Bevölkerung vor.“
© David Jaklin

ACIPSS-Forscher Stefan Auer widmete sich dem Phänomen Desinformation in seiner Entwicklung und Auswirkungen. Dabei begann er mit der Feststellung, dass Desinformation immer stärker werde und kein Ende in Sicht sei. Denn die Kommerzialisierung des Internets hätte nicht – wie einst erwartet – eine Demokratisierung gebracht, sondern vielmehr eine Monopolstellung von großen Konzernen. Gleichzeitig ist eine Deinstitutionalisierung des Journalismus zu beobachten, die klassische Medien unter Druck setzt und Phänomene wie Click und Rage Bait verstärkt. Dies in Kombination mit den sozialen Medien, die nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken sind, lässt „Blasen“ entstehen, in denen jeder Mensch nur noch selektiven Informationen ausgesetzt ist.
Aktuelle Desinformationskampagnen sind eine Wiedergeburt und Evolution der „Aktiven Maßnahmen“ aus dem Kalten Krieg, die auf eine Erosion des Vertrauens der Bevölkerung abzielen. Vor allem durch die Nutzung von Deepfakes und der Fähigkeit, vollautomatisierte Texte zu verfassen, ergeben sich dabei komplett neue Verifikationsproblematiken.
Psychologische Aspekte spielen eine große Rolle in der Aufnahme von Information, sei es der Wunsch der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Status oder die Unterstützung der bereits vorgefertigten Meinung. Dies in Kombination mit der Macht der Intuition, ermöglichen hier soziale Dynamiken voll auszuschöpfen. Anhand von Beispielen aus der Geschichte und jüngsten Vergangenheit untermalte Auer diese theoretischen Ausführungen ausführlich. Zum Beispiel die sowjetische Unterwanderung der westlichen Anti-Atom-Bewegung im 20. Jahrhundert – mit der Konsequenz, dass die UdSSR paranoid und skeptisch gegenüber Demonstrationen im eigenen Land wurde, da man davon ausging, dass der Westen ähnliche Strategien verfolgte.

Medienkompetenz gegen Desinformation.

Dietmar Pichler vom Zentrum für Medienkompetenz griff die Ausführungen von Stefan Auer auf und erörterte weitere Aspekte von Desinformation. Nachdem er diverse Beispiele angeführt hatte, wie sich Desinformation heutzutage manifestiert (Imposter Content, Montagen, Deepfakes), ging er auf ihre Gefahren ein. Die Gesellschaft sei vor allem einer Destabilisierung ausgesetzt, ausgelöst durch ein Informationschaos und eine Degradierung der Realität. Plötzlich seien wir mehreren Varianten von Realität ausgesetzt – je nachdem wie diese von den ausführenden Akteuren kommuniziert wird. Und gerade diese sind ein wichtiger Faktor in Bezug auf Desinformation. Sei es das Information Laundering durch Influencer oder die falsch verstandene Balance der Informationsfreiheit, wenn Verbreitern falscher Informationen Raum gegeben wird. Dabei erweist sich Desinformation am effektivsten, wenn sie von seriösen Akteuren verbreitet wird – eine Gefahr, die durch Deepfakes, manipulierte Beweise und subtile Änderungen von Fakten immer brisanter wird.
Es gilt das Credo von „Check – Recheck – Double Check“, um dem Problem Herr zu werden. Mit Blick auf die Motive von Desinformation erwähnte Dietmar Pichler nicht nur die am meis­ten beachteten Gründe von Geopolitik, hybriden Bedrohungen oder lokalen politischen Ambitionen, sondern auch den monetären Faktor, der für viele Alternativmedien wichtig ist. Diese bräuchten die Publicity, um mit ihren Produkten Geld zu verdienen.
Im Kampf gegen Desinformation würden sich ein Drittel der österreichischen Staatsbürger selbst in der Pflicht sehen. Auch Social Media werden kritischer gesehen als man annehmen würde. Es herrscht somit ein gewisses Bewusstsein in der Bevölkerung vor. Dennoch sei der Qualitätsjournalismus gefordert und es bedarf zusätzlicher Partner – vor allem der Wissenschaftsjournalismus könnte hier eine Brückenfunktion bilden. Medienkompetenz würde das Problem von Desinformation zwar nicht lösen, könne aber ihre Auswirkungen begrenzen.

Sicherheitskultur.

Martin Langer: „Es ist wichtig, Risiko ins Leben zu integrieren, da es ein Teil davon ist.“
Martin Langer: „Es ist wichtig, Risiko ins Leben zu integrieren, da es ein Teil davon ist.“
© David Jaklin

In ihrer Präsentation des zweiten AQUS-Projektes stellte Claudia Körmer (Professorin für Verwaltung, Wirtschaft, Sicherheit und Politik an der FH Campus Wien) die Ergebnisse des durch KIRAS finanzierten Forschungsprojekts vor. Mit dem Ziel, die Ausbildungs- und Qualitätsstandards für Sicherheitsdienstleister zu eruieren und in weiterer Folge Empfehlungen abzugeben, widmete man sich ein weiteres Mal der österreichischen Sicherheitslandschaft. Hierbei erfolgte eine System- und Akteursanalyse, ein Status quo und Blick auf aktuelle Trends sowie im Anschluss eine Konzeption von Maßnahmen, die in weiterer Folge durch die Teilnahme beteiligter Partner validiert wurden.
Wie bereits im ersten AQUS-Projekt, zeigte sich einmal mehr, dass Österreich im Bereich der Ausbildung ein Schlusslicht in Europa ist. Sofern es Standards bei der Ausbildung und Qualifikation von Sicherheitsdienstleistern gibt, sind diese von der Branche selbst auferlegt. Als Resultat konnte man laut Claudia Körmer in weiterer Folge Lücken identifizieren und Vorschläge bringen wie eine Schulung für (gelegentlich) Beschäftigte in der Veranstaltungssicherheit, einen speziellen Lehrgang für Sicherheitspersonal der kritischen Infrastruktur sowie Inputs für einen potenziellen Lehrberuf im Sicherheitsbereich.

Hilfe bei Katastrophen.

Den Abschluss der Veranstaltung machte Lukas Turk, ein Absolvent der FH Campus Wien. Er stellte die Forschungsergebnisse seiner Abschlussarbeit zur Austrian Forces Disaster Relief Unit (AFDRU) vor. Nach ein paar grundsätzlichen Erläuterungen wie (Natur-) Katastrophen qualitativ, quantitativ und normativ/gesetzlich einzuordnen sind, widmete sich Turk der Gefahrenlandschaft in Österreich. Diese sei in der Republik aufgrund der besonderen Topografie grundsätzlich erhöht. Als Beispiel führte er an, dass neun Prozent der Objekte in Hochwassergebieten angesiedelt sind. Weiters stellen der Klimawandel und generell die ansteigende Zahl an Naturkatastrophen sich in diesem Kontext als große Herausforderung dar. Rechtlich gesehen ist der Staat als Hauptakteur in der Hilfeleistung vorgesehen, insbesondere das Bundesheer, wie es in § 2 des Wehrgesetzes geregelt ist. Dennoch ist hier eine Assistenzanforderung vonseiten der Länder eine Bedingung. Ein Ablauf, der inklusive der unterschiedlichen Nomenklatur, sehr bezeichnend für die föderale Struktur Österreichs ist. Dies, in Kombination mit diversen Doppelgleisigkeiten und Zuständigkeitsbereichen, verursacht nicht nur Probleme bei der Verfügbarkeit von Einsatzkräften, sondern auch Kämpfe um Ressourcen und Rivalitäten zwischen den Einsatzorganisationen.
Im nationalen Katastropheneinsatz bestehe reichlich Bedarf, sei es in der Entlastung der ehrenamtlichen Tätigkeiten, der unterschiedlichen Fähigkeiten oder auch des Ausbildungsstandes selbst. Letzten Endes gilt es auch die Zusammenarbeit zu verbessern und die Rivalität der Einsatzorganisationen anzusprechen. Vor allem Letzteres kann durch mehr Ressourcen, eine klare Aufgabenverteilung und eine gemeinsame Ausbildung erreicht werden.
Lukas Turk schloss mit rechtlichen Verbesserungspotenzialen: einer einheitlichen Gesetzgebung, der Etablierung einer zentralen Katastrophenschutzbehörde und der Verankerung der AFDRU als Einsatzorganisation. In einem letzten Schritt könnte man mit einer Aufhebung der notwendigen Teilmobilmachung den Anforderungsmechanismus der AFDRU erleichtern.

David Christopher Jaklin


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2022

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