Terroranschlag 1981

Anschlag auf den Stadttempel

Gedenkveranstaltung am 40. Jahrestag des Terroranschlags auf den Wiener Stadttempel: Kurt Hager (BMI), Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, IKG-Präsident Oskar Deutsch, Bundesministerin Karoline Edtstadler und Zeitzeugen des Anschlags.
Gedenkveranstaltung am 40. Jahrestag des Terroranschlags auf den Wiener Stadttempel: Kurt Hager (BMI), Kulturstadträtin Veronica Kaup- Hasler, IKG-Präsident Oskar Deutsch, Bundesministerin Karoline Edtstadler und Zeitzeugen des Anschlags.
© Florian Schrötter/BKA

Bei einem Terroranschlag auf den Stadttempel in Wien starben am 29. August 1981 zwei Menschen; 20 wurden verletzt. Bei einer Gedenkfeier anlässlich des 40. Jahrestags gedachte man der Ereignisse.

Als Besucher am 29. August 1981 nach einer Bar-Mitzwa-Feier gegen 11:30 Uhr den Stadttempel in der Seitenstettengasse in der Wiener Innenstadt verließen, fielen Schüsse. Ein Mann warf zwei Handgranaten in Richtung eines Polizisten, der vor dem Eingang zum Stadttempel stand. Die Detonationen verletzten den Polizisten lebensbedrohlich. 120 Splitter bohrten sich in seinen Körper. Ein zweiter Angreifer schoss auf einen Polizisten, der sich am oberen Ende der Seitenstettengasse befand. Ein Projektil zertrümmerte den rechten Oberschenkelknochen des Exekutivbeamten, er stürzte zu Boden. Die Angreifer schossen aus Maschinenpistolen auf die Besucher des Stadttempels.
Zwei Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, 20 weitere wurden verletzt. Die 27-jährige Ulrike Sarah Kohut wurde von Splittern einer Handgranate getroffen, als sie sich schützend über einen Kinderwagen beugte, in dem sich der dreijährige Markus Kohn befand, der Sohn einer Freundin Kohuts. Die junge Frau starb während der Fahrt ins Krankenhaus. Der 71-jährige Nathan Fried war das zweite Todesopfer des Terroranschlags.

Schlimmeres verhindert

Terroranschlag auf den Stadttempel 1981: Einschüsse in einem Pkw.
Terroranschlag auf den Stadttempel 1981: Einschüsse in einem Pkw.
© LPD Wien

Schlimmeres verhindert haben einige Polizisten und Zivilisten: Der Berufsdetektiv Rudolf Vesztergombi, der als Personenschützer einen Wiener Unternehmer zum Stadttempel begleitet hatte, schoss auf einen der Attentäter und traf ihn in den Bauch. Schwer verletzt flüchtete der Mann, Vesztergombi verfolgte ihn, obwohl der Flüchtende eine Handgranate warf und mehrere Schüsse auf ihn abgab. Die Studentin Elvira Glück, die unbewaffnet vor der Synagoge Sicherheitsdienst versah, schloss geistesgegenwärtig die Eingangstür, sodass die Angreifer nicht in das Gebäude konnten. Die Polizisten Norbert Frais und Kurt Hager verfolgten den zweiten Angreifer, der Handgranaten auf die Polizisten warf und auf sie feuerte. Frais wurde von 14 Splittern getroffen; trotzdem verfolgte er den Terroristen weiter. Frais und Hager gelang es schließlich, den verletzten Terroristen zu überwältigen.

Abu-Nidal-Organisation.

Die beiden Attentäter wurden als Marwan H. und Hussham R. identifiziert. Sie gaben an, der „Al Asifa“ (Revolutionskomitee) anzugehören, einer palästinensischen Gruppe der Abu-Nidal-Organisation (ANO). Der 1956 in Nablus geborene Palästinenser Marwan H., Kampfname „Tarek“, hatte 1976 den ersten Kontakt mit der ANO. Sein Komplize Hussham R., wurde nach eigenen Angaben 1960 in Bagdad geboren. Er kam Ende Dezember 1978 nach Österreich, wo er 1980 Technische Physik zu studieren begann.
Hussham R. gestand bei den Einvernahmen auch den Mord an den Wiener Stadtrat Heinz Nittel, der am 1. Mai 1981 vor seinem Wohnhaus in der Bossigasse in Wien-Hietzing erschossen worden war. Sein Auftrag sei es gewesen, „zionistische Ziele für einen möglichen Anschlag auszusuchen“, erzählte Marwan H. den Ermittlern. Durch einen Anschlag sollte „die österreichische Politik gegenüber der PLO und Israel empfindlich getroffen werden“. Deshalb habe er sich für alle zi­onistischen Einrichtungen und Personen in Österreich interessiert. Auf Heinz Nittel sei er gekommen, weil er in der „Arbeiterzeitung“ vom 24. Februar 1981 gelesen habe, Nittel habe als Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft Israel besucht. Die Mordwaffe, eine Makarow-Pistole, und die Munition habe er am Tag vor dem Mord von seinem Führungsoffizier in der Gablenzgasse erhalten.
Im Oktober 1981 wurde in Salzburg der Hintermann der beiden Terroraktionen verhaftet. Es handelte sich um Bahij Y. Er galt als „Führungsoffizier für Mitteleuropa“ der Abu-Nidal-Organisation und hatte den Mord an Nittel in Auftrag gegeben.

Lebenslange Freiheitsstrafe.

Festnahme eines Terroristen.
Festnahme eines Terroristen.
© LPD Wien

Die beiden Synagogen-Attentäter wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Auftraggeber Bahij Y. erhielt 20 Jahre Freiheitsstrafe. Er wurde 1995 nach Verbüßung von fast 14 Jahren Haft bedingt entlassen und mit einem Aufenthaltsverbot in Österreich belegt. Als Staatenloser konnte er nicht abgeschoben werden – es fand sich kein Staat, der ihn aufgenommen hätte. Weil er einige Jahre später bei einem Streit einen Mann schwer verletzt hatte, wurde er neuerlich zu einer unbedingten Haftstrafe verurteilt. Hussham R. und Marwan H. wurden vorzeitig aus der Haft entlassen.
Abu Nidal („Vater des Kampfes“) wurde im August 2002 in Bagdad vermutlich von irakischen Geheimdienstleuten erschossen. Er hatte sich seit Ende 1998 im Irak aufgehalten, dürfte aber bei Diktator Saddam Hussein in Ungnade gefallen sein.
Die ANO war auch für einen dritten Terroranschlag in Österreich verantwortlich: Am 27. Dezember 1985 stürmten drei Terroristen kurz nach neun Uhr in die Abflughalle des Flughafens Wien-Schwechat, rollten drei Handgranaten in eine Passagiergruppe beim Schalter der israelischen Fluglinie El-Al und schossen mit Maschinenpistolen in die Menschenmenge. Vier Menschen wurden getötet, darunter einer der Attentäter. 45 Menschen wurden verletzt, 18 davon schwer. Die beiden anderen Terroristen wurden durch Schüsse verletzt und nach einer Verfolgungsjagd auf der Autobahn gefasst. Sie wurden im Mai 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt. Einer der beiden war im November 1996 an der spektakulären Geiselnahme in der Justizanstalt Graz-Karlau beteiligt. Er erhielt für dieses Verbrechen eine Zusatzstrafe von 19 Jahren. Der zweite Terrorist von Schwechat kam 2008 frei.

Gedenkfeier.

Gedenktafel für die Todesopfer des Terroranschlags vom 29. August 1981.
Gedenktafel für die Todesopfer des Terroranschlags vom 29. August 1981.
© Werner Sabitzer

Genau 40 Jahre nach dem Synagogenattentat gab es am 29. August 2021 vor dem Stadttempel eine Gedenkfeier der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG). Unter den Ehrengästen befanden sich Bundesministerin Karoline Edtstadler, Ministerialrat Kurt Hager, Rudolf Vesztergombi, Elvira Glück sowie Markus Kohn und Juwal Grauss, die als Kinder beim Anschlag verletzt worden waren. Einige Zeitzeugen schilderten, dass sie noch immer mit Spätfolgen des traumatischen Ereignisses kämpften. „Ihr habt euch nicht unterkriegen lassen“, sagte Oskar Deutsch, Präsident der IKG Wien bei der Gedenkfeier.
An Nathan Fried und Ulrike Sarah Kohut, die beiden Todesopfer des Synagogenanschlags vom 29. August 1981, erinnert eine Gedenktafel am Desider-Friedmann-Platz in der Wiener Innenstadt. Einige Meter entfernt befindet sich der Gedenkstein für die Opfer des Terroranschlags vom 2. November 2020.

Werner Sabitzer


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 11-12/2021

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