Sicherheitskonferenz

Sicherheits- und Personenschutzexperte Markus Schimpl, Organisator der Sicherheitskonferenz.
Sicherheits- und Personenschutzexperte Markus Schimpl, Organisator der Sicherheitskonferenz.
© Swen Gruber

Prävention ist besser als Reaktion

Bei der ersten Fachkonferenz für Unternehmenssicherheit und Personenschutz in Deutschlandsberg gingen Experten der Frage nach, was ein effektives Sicherheitsmanagement ausmacht.

Gefahren und Risiken vorzeitig zu erkennen und richtig einzuordnen, hilft Krisensituationen zu bewältigen und handlungsfähig zu bleiben“, erklärte Markus Schimpl bei der ersten Fachkonferenz für Unternehmenssicherheit und Personenschutz in Deutschlandsberg Ende Juni 2021. „Nur so gelingt es, Leben zu schützen, finanziellen Schaden und unnötige Kosten abzuwenden und die eigene oder die Reputation eines Unternehmens zu bewahren.“ Schimpl, Organisator der Konferenz, ist Sachbuchautor, Sicherheitsberater, Personenschutzexperte und ehemaliger Ausbildner beim Jagdkommando. Seine Fähigkeiten erwarb er unter anderem bei militärischen und zivilen internationalen Einsätzen.

Ziel der Veranstaltung

Ziel der Veranstaltung war, das Wissen, die Expertise und die praktische Erfahrung verschiedener Sicherheitsexperten aus unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen zusammenfließen zu lassen, Tipps und Tricks im Zuge von persönlichen Gesprächen auszutauschen, Anreize für neue Projekte und Kooperationen zu schaffen und Ideen für die Erstellung künftiger Präventionskonzepte zur Steigerung der Sicherheit in Unternehmen oder für einzelne Klienten zu erarbeiten. Neben den Gesprächen und dem persönlichen Erfahrungsaustausch hielten die Teilnehmer Fachvorträge zu unterschiedlichen Sicherheitsthemen und Bedrohungsszenarien.

Für Unternehmen, die in fremden Ländern operieren, ist es wichtig, Kontakte zu verschiedenen Stakeholdern zu pflegen.
Für Unternehmen, die in fremden Ländern operieren, ist es wichtig, Kontakte zu verschiedenen Stakeholdern zu pflegen.
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Entführung und Ermordung

Entführung und Ermordung eines Österreichers in Libyen. Es ist mittlerweile sechs Jahre her, dass der Linzer Dalibor S. von der Terrormiliz Islamischer Staat entführt und hingerichtet wurde. Im März 2015 hatte die dem Islamischen Staat nahestehende Gruppe Wilayat Tarabulus das Ölfeld Al-Ghani überfallen. Betrieben wurde dieses vom österreichisch-maltesischen Unternehmen VAOS. Bei dem Überfall wurden mehrere Menschen getötet und neun Mitarbeiter als Geisel genommen. Drei wurden wieder freigelassen. Sechs blieben verschwunden. Darunter der Österreicher Dalibor S.
In der Hügellandschaft in Zentrallibyen hatten sich die IS-Kämpfer der Anlage mit einem Konvoi von rund 50 Geländewagen genähert. Acht junge Männer, die als Wachen im Camp arbeiteten, wurden mit Fleischermessern enthauptet, wie ein Überlebender des Vorfalls den Medien berichtete. Der Zeuge war selbst im Wachdienst beschäftigt, hatte an diesem Tag jedoch frei, trug keine Uniform und gab sich als Koch aus – das rettete ihm das Leben. Nach den Morden sollen die Kämpfer die Gebäude des Camps gezielt durchkämmt haben. Offenbar scheinen sie gewusst zu haben, dass sich dort Ausländer aufhielten. Sie hatten Kleinbusse mitgebracht, um Gefangene abtransportieren zu können. „Ich war 2015 für eine Sicherheitsfirma in Libyen in leitender Position tätig. Zu unseren Klienten zählten die EU, verschiedene Erdölkonzerne und auch VAOS. Konzerne, Firmen und einige Länder erhielten von uns regelmäßige Sicherheitsupdates – diese Informationen gaben Auskunft über die wirklichen Verhältnisse und Sicherheitsrisiken vor Ort“, erinnert sich Schimpl an den lebensgefährlichen Einsatz in Libyen zurück. „Ab März 2015 waren keine ausländischen diplomatischen Vertreter mehr im Land, diese wurden beginnend mit Jänner 2015 evakuiert. Die ungarische Botschaft war zum Zeitpunkt der Geiselnahme die letzte diplomatische Vertretung vor Ort. Die Ungarn übernahmen auch für andere Nationen konsularische Aufgaben.“ Aufgrund vermehrten Kampfhandlungen und zu hohem Sicherheitsrisiko waren die Ungarn nur sehr selten und dann nur tageweise im Land.

Am Tag der Entführung

Am Tag der Entführung bekam Markus Schimpl um 13:25 Uhr einen Anruf vom Sicherheitsleiter der Firma VAOS, in dem dieser um ein Sicherheitsupdate für das Ölfeld Al-Ghani ersuchte. „Ich antwortete dem Sicherheitsleiter, er solle die Mitarbeiter am Ölfeld sofort evakuieren und nicht mehr länger zuwarten. Bereits in den drei Tagen davor evakuierten auch andere Firmen laufend Mitarbeiter aus diesem Brennpunktgebiet. Gegen 14 Uhr meldete sich der Sicherheitsleiter erneut bei mir und teilte mir mit, dass er keinen Kontakt mehr zur Crew des Ölfelds hätte. Einige Stunden später war es dann traurige Gewissheit, dass einige Mitarbeiter sofort getötet und der Rest entführt worden war, bis auf einen Tunesier, der überlebte und zurückgelassen wurde. Er überbrachte die Nachricht“, schilderte Schimpl die Ereignisse. „Da ich für mich wichtige Kontakte professionell und ständig pflegte, konnte ich eine Verbindung zu relevanten Stellen des österreichischen Außenministeriums herstellen. Konversationen fanden daraufhin die ganze Nacht per E-Mail und Telefon statt.“
Einige Wochen nach diesem Vorfall geriet ein enger Freund Schimpls in die Fänge der Gruppierung „El Majb“, die dem libyschen Innenministerium nahesteht. „Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in Lebensgefahr, musste mich einige Wochen im Land verstecken und unerkannt das Land verlassen. Meine Flucht gelang und als ich in der Steiermark ankam, nahm ich sofort Kontakt mit der Familie meines Freundes auf“, erzählte der ehemalige Jagkommandoausbilder. Er kümmerte sich intensiv und unermüdlich mit Hilfe von Freunden über mehrere Monate hinweg um die Familie seines Freundes – dieser wurde nach einigen Monaten freigelassen und konnte in seine Heimat zu seiner Familie zurückkehren.

Kontakte.

Für Unternehmen, die in fremden Ländern operieren, ist es wichtig, Kontakte zu Regierungsmitgliedern, Lokalpolitikern und zu Repräsentanten der Wirtschaft zu pflegen. Genau das sei bei einer der beiden Geiselnahmen in Libyen nicht passiert. „Die Verantwortlichen der Sicherheitsfirma sind seit Monaten nicht mehr im Land gewesen und haben diese Kontaktpflege vernachlässigt. Wenn man derartige Netzwerke pflegt, sind Probleme etwa mit einigen wenigen Telefonaten zu bewältigen“, betont der Sicherheitsexperte.

Verbindung zur Außenwelt.

Bei Firmen mit Mitarbeitern in Kriegsgebieten steigt die Gefahr zumeist dann, wenn diese frei haben – da in der Regel nur ein Sicherheitsplan für die Arbeit besteht. „Die Möglichkeit zu kommunizieren, eine Verbindung zur Außenwelt herstellen zu können, ist eine der elementarsten Dinge, die in solchen Situationen Leben retten kann – ohne Verbindung gibt es keine Hilfe“, sagt Schimpl. „Auch Fluchtgepäck sollte immer am Mann sein. Mein Fluchtgepäck beinhaltete Wasser für etwa drei Tage samt Tabletten zur Entkeimung, Handy mit Powerbank und Satellitentelefon, ein spezielles Erste Hilfe-Set, Reisepass und eine Kopie, Notration für einige Tage, Zahnbürste, Zahnpasta und Seife, Regen- und Wechselkleidung, Taschenlampe, Zünder (wasserdicht verpackt), Bargeld und ein Messer.“

Kommunikative Deeskalation in Extremsituationen.

„Nichts sollte erwachsenen Menschen leichter fallen, als zu kommunizieren. Wir lernen von klein auf, uns in unserer Muttersprache zu verständigen. Trotzdem fällt es vielen Menschen gerade in Konfliktsituationen besonders schwer, sich klar und deutlich zu äußern, mit Emotionen umzugehen, Stress zu regulieren und auf kommunikativer Basis Lösungen für Probleme zu finden“, erläuterte Chefinspektor Mag. Thomas Greis vom Innenministerium. Greis leitet mitunter seit 2011 im Zentrum für Fortbildung in der Sicherheitsakademie den Arbeitskreis Polizei und Gewalt.
Stress und Emotionen sind zwei wesentliche Faktoren, die es Menschen erschweren, vernünftig zu argumentieren und rationale Lösungen für eine Problemstellung zu finden. Greis erklärte, dass diese Faktoren das Repertoire an Handlungsmöglichkeiten einschränken und das menschliche Verhalten in vielen Fällen übersteuern würden. „Wenn wir von kommunikativer Deeskalation in Extremsituationen sprechen, dann bedarf es neben Eloquenz auch der Fähigkeit mit Emotionen anderer Menschen umgehen zu können und gleichzeitig die eigenen Emotionen zu kontrollieren bzw. den in Konfliktsituationen entstehenden Stress regulieren zu können“, sagte der Pädagoge und Soziologe. „Dies setzt neben allgemeinen theoretischen Kenntnissen in diesen Bereichen vor allem das Wissen um sich selbst, sein eigenes Verhalten und die Grenzen der eigenen Belastungsfähigkeit voraus.“
Demnach müsse kommunikative Deeskalation in schwierigen Situationen wieder und wieder trainiert werden, um den Stresspegel niedrig zu halten, die eigenen Emotionen zu kennen und kontrollieren zu können sowie situativ Handlungsoptionen im Umgang mit schwierigen oder aggressiven Menschen auszuprobieren und anwenden zu können. „Erfolgreiche kommunikative Deeskalation besteht größtenteils aus Erfahrungslernen – in Übungen und Trainings wie auch in Echtsituationen. Wer dieses Instrument erfolgreich in der Praxis einsetzen möchte, muss üben, üben und nochmals üben“, erklärte der Polizist.

Terrorismus der Gegenwart.

„Terrorismus bzw. die Berichterstattung darüber scheint seit nun zwei Jahrzehnten unser permanenter Begleiter zu sein. Seit den Anschlägen in New York und Washington vom 11. September 2001, intensiver noch nach dem Aufstieg des Islamischen Staates in Syrien und im Irak sind wir konstant mit Meldungen über Radikalisierung, Extremismus und Terror konfrontiert“, erläuterte MMag. Paul Schliefsteiner, MA, Terrorismusforscher und seit 2018 Direktor des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS). „Hinzu kommen die Warnungen der letzten Monate vor rechten und vereinzelt auch vor linken Terroranschlägen.“ Die Polarisierung der westlichen Gesellschaften, auch in Österreich, hätte das Potenzial von politisch motivierter Gewalt scheinbar massiv erhöht.
Der Forscher führte weiter aus, dass Regierungen versuchen würden, mit immer neuen und teils verschärften Gesetzen sowie Präventionsmaßnahmen diesen Entwicklungen zu begegnen. „Die Einstufung von Personen, Organisationen und Akten als Terroristen bzw. Terrorismus ist bis zu einem gewissen Grad immer auch in sich selbst eine politische Handlung und sagt per se noch nichts über die Gefährlichkeit eines Menschen oder einer Organisation aus“, gab Schliefsteiner zu bedenken.
„Um Bedrohungen und Gefahren besser einschätzen zu können, ist ein gewisses Grundverständnis der verschiedenen in den Medien und im Diskurs verwendeten Begriffe, der Mechanismen der (Nicht-)Einstufung von Geschehen als Terrorakte von Vorteil.

Erstversorgung unter Einsatzbedingungen: Erforderlich sind medizinisches Know-how, militärische oder polizeiliche Ausbildung sowie taktische Vorgehensweise.
Erstversorgung unter Einsatzbedingungen: Erforderlich sind medizinisches Know-how, militärische oder polizeiliche Ausbildung sowie taktische Vorgehensweise.
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Medizinische Versorgung in Krisenfällen.

„Asymmetrische Bedrohungen erfordern ein Umdenken in der Art und Durchführung der Verwundetenversorgung unter Einsatzbedingungen“, sagte Dr. Clemens Wissiak, Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie und Experte im Katastrophenmanagement. Wissiak brachte damit zum Ausdruck, dass in Krisen- oder Kriegsgebieten oder bei Terroranschlägen der Einsatz von zivilen Rettungskräften und Sanitätern als First Responder, ohne taktische oder militärische Zusatzausbildung, nicht zielführend und mit erheblicher Gefahr für die Hilfskräfte verbunden sei. „In derartigen Situationen ist nicht nur medizinisches Know-how erforderlich, sondern auch eine Ausbildung in militärischer und taktischer Vorgehensweise“, sagt der Experte.
Wissiak erwähnte das in den Siebzigerjahren durch das US-Militär entwickelte Konzept „Tactical Combat Casualty Care“ (TCCC). Es wurde ursprünglich für Einsätze auf dem Gefechtsfeld entwickelt, kann aber auf zivile taktische Lagen, beispielsweise einen Amoklauf oder einen Bombenanschlag, zugeschnitten werden. Die Guidelines des TCCC richten sich an Einsatzkräfte, beispielsweise Polizistinnen und Polizisten, Feuerwehrleute oder Soldaten, die keine medizinische Fachausbildung absolviert haben aber als Erste am Vorfallsort eintreffen.
„In besonders gefährlichen Situationen, in denen zivile Rettungskräfte aufgrund der Bedrohungslage nicht sofort Hilfe leisten können, ist es umso wichtiger, dass beispielsweise Personenschützer, Polizisten oder Soldaten in der Lage sind, rasch und effektiv Erste Hilfe leisten – damit die Rettungskette nicht unterbrochen wird“, erläuterte Wissiak. „Eine Ausbildung von nicht medizinischem Personal in den Grundzügen des präklinischen Trauma-Managements kann im Rahmen der taktischen Verwundetenversorgung Leben retten und sollte damit in der Ausbildung in sicherheitsrelevanten Berufen eine entscheidende Rolle spielen.“
Der österreichische Bundesverband Rettungsdienst definiert den „Pre-Hospital Trauma-Life-Support“ (PHTLS) oder präklinisches Trauma-Management als ein evidenzbasiertes Konzept zur prähospitalen Versorgung von Traumapatienten, das derzeit in 67 Ländern umgesetzt ist. Durch Ausbildung sollen Ersthelfer rasch und effizient kritische Patienten erkennen und Behandlungsschritte in der zeitlich richtigen Abfolge setzen können.

Sicherheitskonferenz – Vortragende: Dietmar Schreiner, Paul Schliefsteiner, Markus Schimpl, Michael Fleischhacker, Michael Novotny, Berndt Grabner, Martin Kreutner.
Sicherheitskonferenz – Vortragende: Dietmar Schreiner, Paul Schliefsteiner, Markus Schimpl, Michael Fleischhacker, Michael Novotny, Berndt Grabner, Martin Kreutner.
© Swen Gruber

Korruption und Sicherheit.

„Korruption war bis vor wenigen Jahrzehnten ein internationales, vielfach auch ein nationales Nicht-Thema“, sagte Mag. Martin Kreutner, Dekan Emeritus der Internationalen Anti-Corruption Academy (IACA). „Wir sprechen hier vom verratenen Betriebsgeheimnis, erpressbaren Mitarbeitern, käufliche und gekaufte Behörden und Regierungen oder über durch Korruption in ihrer Gesamtheit gescheiterten Staaten“, erklärt Kreutner die weitreichenden Auswirkungen von Korruption. „Nicht umsonst haben die Europäische Union, der Europarat und die Vereinten Nationen Korruption als eines der größten nationalen und geopolitischen Sicherheitsrisiken ausgewiesen.“ Kreutner betonte in seinem Vortrag wie wichtig es auch für private Sicherheitsverantwortliche und Sicherheitsdienstleister sei, das Korruptionsphänomen in allen Sicherheits- und Präventionskonzepten mitzudenken und ein Argusauge für diese immer noch unterschätzte Problematik zu entwickeln.

Weitere Themen

Weitere Themen der Konferenz waren „Security Risk Manangement, the real challenge today – Perception versus Reality“, Berndt Grabner (UN – Haiti), Militärische Perspektive ziviler oder terroristischer Bedrohungslagen von Hafenanlagen und Yachten“, Michael Novotny (Jagdkommando) und Cyber­security und Cybercrime – Echte Gefahren fernab von Hollywood“, Dr. Dietmar Schreiner (Experte für Cyber­security & Artificial Intelligence), Politik und Medien, Michael Fleischhacker (Journalist).

Gernot Burkert


Die 2. Fachkonferenz Unternehmenssicherheit und Personenschutz findet vom 29.-30. März 2022 wieder auf der Burg Deutschlandsberg statt. Anmeldungen sind ab sofort möglich. Achtung Limitierte Teilnehmerzahl. Infos unter: closeprotection.at


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2021

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