Kriminalgeschichte

Justizanstalt Stein: Nach dem spektakulären Gefängnisausbruch mit Geiselnahmen im November 1971 gab es Reformen im Strafvollzug.
Justizanstalt Stein: Nach dem spektakulären Gefängnisausbruch mit Geiselnahmen im November 1971 gab es Reformen im Strafvollzug.
© Werner Sabitzer

Hochdramatische Tage

Vor 50 Jahren überwältigten drei verurteilte Schwerverbrecher in der Justizanstalt Stein zwei Justizwachebeamte und nahmen auf der Flucht mehrere Geiseln. Die Polizei reagierte abwartend.

Justizanstalt Stein an der Donau, Donnerstag, 4. November 1971: Am Nachmittag saßen während des wöchentlichen Rechtshilfetages elf Häftlinge im Kulturraum des Gefängnisses, um Einsicht in ihre Strafakte zu nehmen. Diensthabender Jurist war der Richteramtsanwärter Dr. Erich Weiß vom Kreisgericht Krems. Unterstützt wurde er von einer Schriftführerin. Zwei bewaffnete Justizwachebeamte sorgten für die Sicherheit. Kurz nach 15 Uhr begaben sich drei Häftlinge in den Spazierhof. Ein Justizwachebeamter ging ihnen nach. Draußen stürzten sich die Häftlinge auf ihn, nahmen ihm die Pistole ab, und würgten ihn bis zur Bewusstlosigkeit. Danach kamen sie in den Kulturraum zurück, machten den zweiten Wachmann, der zuvor einige Strafgefangene in ihre Zellen zurückgebracht hatte, unschädlich und raubten ihm die Dienstwaffe. Einer der Gewalttäter setzte Weiß ein Messer an. Dann begannen die Männer, mit Vertretern der Anstaltsdirektion über Telefon zu verhandeln. Um eine Eskalation zu vermeiden, wurde in der Anstalt der Strom ausgeschaltet. Häftlinge und Geiseln befanden sich kurzzeitig im Dunkeln.

Bei den Gewalttätern

Bei den Gewalttätern handelte es sich um Alfred Nejedly (24), Adolf Schandl (35) und Walter Schubirsch (22). Alle drei waren wegen Raubüberfällen und anderen Straftaten zu langjährigen Kerkerstrafen verurteilt worden. Schandl hatte im Sommer 1970 davor bereits einen Ausbruch versucht. Bei einem Sprung von der Anstaltsmauer hatte er sich ein Bein gebrochen und er hinkte noch. Ein vierter Häftling sollte beim Gefängnisausbruch mitmachen und hatte sich wie die drei anderen für den Rechtshilfetag zur Akteneinsicht gemeldet. Er beteiligte sich aber nicht am Angriff auf die beiden Justizwachebeamten und blieb in der Anstalt. Offenbar war ihm die Aussichtslosigkeit des Gefängnisausbruchs klar geworden.
Die Geiselnehmer forderten Zivilkleidung, 100.000 Schilling (7.267 Euro) Bargeld, ein Fluchtauto, freien Abzug aus Stein mit den beiden Geiseln und 24 Stunden „Vorsprung“ ohne Fahndungsmaßnahmen. Danach würden sie die Geiseln freilassen. Sollten sie verfolgt werden, würden sie die Geiseln erschießen. Justizminister Dr. Christian Broda ließ verlauten, dass eine Lösung angestrebt werde, die das Leben der Geiseln nicht gefährden würde. Die Behörden stimmten den Forderungen weitgehend zu.
Major Herbert Howanietz, Leiter der Stadtpolizei Krems, verhandelte mit den Tätern und stellte sich freiwillig als Geisel zur Verfügung – im Austausch gegen die Schriftführerin Ulrike F. Der 40-jährige Howanietz hatte 16 Jahre als Polizist in Wien-Ottakring, damals ein Kriminalitäts-Hotspot, Dienst versehen und verstand die „Sprache“ von Kriminellen.
Die Geiselnehmer wechselten im Kulturraum die Gefängniskluft gegen Zivilkleidung und wollten mit dem Kleinwagen des Richteramtsanwärters flüchten. Weiß konnte ihnen das ausreden. Bei den Verhandlungen, an denen sich der für den Strafvollzug zuständige Sektionschef des Justizministeriums, der Anstaltsleiter, der Kreisgerichtspräsident von Krems und der Erste Staatsanwalt beteiligten, wurde ihnen als Fluchtfahrzeug ein Kleinbus der Anstaltsverwaltung angeboten. Die Geiselnehmer akzeptierten den Vorschlag des Polizeimajors auf einen Geiselaustausch. Sie ließen die beiden Justizwachebeamten zurück, bestiegen mit ihren Geiseln den Kleinbus und verließen die Justizanstalt. Kurz darauf durfte die Schriftführerin das Auto verlassen. Die Täter hatten die Zusicherung erhalten, dass man ihnen mindestens 30 Kilometer Vorsprung lasse. Mit größerem Abstand folgten ihnen Gendarmerieautos, aus denen laufend Lageberichte gefunkt wurden. Major Howanietz versuchte, die Ausbrecher zu beruhigen und besprach mit ihnen Möglichkeiten einer Flucht und eines unblutigen Ausgangs.

„Ich bin’s, dein Präsident!“: Wiens Polizeipräsident Josef Holaubek bei der Verhaftung des Ausbrechers Walter Schubirsch.
„Ich bin’s, dein Präsident!“: Wiens Polizeipräsident Josef Holaubek bei der Verhaftung des Ausbrechers Walter Schubirsch.
© Votava/Imagno/Picturedesk.com

Flucht nach Wien.

In Wien-Penzing angekommen, fuhren die Geiselnehmer mit dem Bus in einer Kleingartensiedlung in eine Sackgasse. Als sich Streifenwagen näherten und Uniformierte ausstiegen, geriet das Trio in Panik. Howanietz versuchte, die Täter zu beruhigen und schlug vor, mit den Exekutivbeamten zu verhandeln. Die Entführer wendeten den Bus und fuhren an den Streifenwägen vorbei in Richtung Stadtzentrum – nun nicht nur gefolgt von Polizeiautos, sondern auch von Journalisten, Pressefotografen und Schaulustigen.
Vor dem Westbahnhof stiegen die Ausbrecher mit ihren beiden Geiseln aus. Einige Passanten glaubten, es handle sich um Filmaufnahmen, unter ihnen die aus Ägypten stammende Studentin und Zeitungsverkäuferin Ragaa P. Als sie sich den Männern näherte, wurde sie als Geisel genommen. Schubirsch hatte eine Frau als weitere Geisel gefordert, um bei Verhandlungen eine bessere Position zu haben. Nach Betreten des Westbahnhofs wollten Kriminalbeamte und Eisenbahner eingreifen, aber Howanietz rief ihnen zu, nichts zu unternehmen. Als die Gruppe den Westbahnhof durch einen Seiteneingang verließ und auf ein Taxi zuging, glaubte der Taxilenker, der 49-jährige Oskar T., zunächst an eine „Fuhre“. Als ihm Howanietz mit gefesselten Händen seinen Polizeiausweis zeigte und ihm sagte, er solle alles tun, was von ihm verlangt werde, erkannte er den Ernst der Lage.
Major Howanietz schlug den Tätern vor, zum Polizeipräsidium am Parkring zu fahren und dort zu verhandeln. Das gekaperte Taxi mit den Ausbrechern und den nunmehr drei Geiseln wurde von Autos der Journalisten, Pressefotografen, Schaulustigen und von den Polizeiautos zur Polizeidirektion begleitet.
Der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit Dr. Oskar Peterlunger und Wiens Polizeipräsident Josef Holaubek verhandelten mit den Ausbrechern und verlangten die sofortige Freilassung der Geiseln. Die Kriminellen forderten, in den nächsten zwölf Stunden nicht verfolgt zu werden. Innenminister Otto Rösch sicherte die Einhaltung der Frist zu, unter der Voraussetzung, dass die Geiseln möglichst rasch und unversehrt freigelassen würden. Polizeipräsident Holaubek bewog die Gewalttäter, zumindest die Frau freizulassen. Die Ausbrecher fuhren weiter und ließen kurz darauf Ragaa P. aussteigen. Kurz nach Mitternacht fuhren sie mit den beiden verbliebenen Geiseln weiter.
Die Kriminellen versuchten auf ihrer Flucht, parkende Autos aufzubrechen und kurzzuschließen, was aber misslang. In Wien-Breitenlee hielten sie ein Auto an, einen roten Ford Cortina, und rissen die Tür auf. Die beiden betrunkenen Insassen dieses Wagens mussten in das Fluchttaxi steigen. In einem Steinbruch ließen die Geiselnehmer die beiden Männer und den Taxifahrer gefesselt im Taxi zurück.
Die Ausbrecher fuhren mit Weiß und Howanietz im Ford Cortina weiter. Um drei Uhr in der Früh stellten sie das Auto in der Hackingergasse in Wien-Penzing ab und warteten, bis die Stadtbahn wieder den Betrieb aufnahm. Um sechs Uhr früh verließen die Entführer das Auto und kündigten an, mit der Stadtbahn weiterzufahren. Die beiden mit Handschellen aneinander gefesselten Geiseln mussten versprechen, noch zwanzig Minuten im Auto zu bleiben und danach erst die Polizei zu verständigen. Um 6:30 Uhr riefen Weiß und Howanietz beim Notruf an. Sie wurden mit einem Streifenwagen in das Polizeidirektionsgebäude gebracht und befragt.
Die Ausbrecher beobachteten in der Früh in der Bernardgasse in Wien-Neubau, wie ein Lenker seinen Pkw aufsperrte. Schubirsch und Nejedly stürzten sich auf den Mann. Schubirsch zog seine Pistole und schoss auf den Autobesitzer, traf ihn aber nicht. Durch den Schuss wurden andere Autofahrer aufmerksam und liefen auf die Ausbrecher zu. Schubirsch und Nejedly flüchteten, verfolgt von den Männern. Schandl nützte die Situation, setzte sich in das fremde Auto und fuhr weg.

Flucht im Streifenwagen.

Am Abend sahen Passanten am Bahnhof Penzing zwei Männer auf dem Perron hin- und hergehen und vermuteten, dass es sich um zwei der drei Ausbrecher handelte – Nejedly und Schubirsch. Ihre Fahndungsfotos waren in den Zeitungen und im Fernsehen veröffentlich worden. Schandl hatte sich von ihnen getrennt. Als Polizisten am Bahnhof eintrafen, waren die beiden Kriminellen schon weg. Diese hielten einen Polizeistreifenwagen an, in dem sich nur ein Polizist befand. Der Oberwachmann wurde von den Geiselnehmern gezwungen, mit ihnen in den 22. Bezirk zu fahren. Eine junge Frau, die am Streifenwagen vorbeigehen wollte, nahmen sie ebenfalls mit. Schubirsch befand sich mit den beiden Geiseln im Funkwagen und Nejedly fuhr mit einem zweiten Pkw hinterher. Über das Polizeifunkgerät forderte Nejedly, dass die Verfolgung eingestellt werde, dann würden die Geiseln freigelassen. Er verlangte 50.000 Schilling und ein weiteres Fluchtauto. Sollten diese Forderungen nicht bis 23:00 Uhr erfüllt werden, würde er die Geiseln „abknallen“.
Die Fahrt ging über die Floridsdorfer Hauptstraße und Angererstraße in die Schlosshoferstraße, wo die beiden Autos anhielten. Inzwischen war die Fahndung auf das gekaperte Polizeiauto und den Ford Cortina ausgedehnt worden. Da der Polizeifunk von Journalisten und einigen Taxifahrern unerlaubt mitgehört wurde, näherten sich dem Fluchtfahrzeug Medienmitarbeiter und einige Taxilenker. Die Polizei wechselte für die Kommunikation mit den Ausbrechern auf eine andere Funkfrequenz. Ein Passant bot sich statt des Mädchens als Geisel an.
Revierinspektor Johann Gaunerstorfer, der in dieser Nacht Funkstreifendienst hatte, beschloss, zu den Autos der Geiselnehmer zu fahren. Er gab Nejedly und Schubirsch die Hand. Als er sah, dass sein entführter Kollege nervlich am Ende war, schlug Gaunerstorfer Nejedly vor, den Polizisten freizulassen und gegen sich auszutauschen. Nejedly antwortete, dass er die Geiseln nicht mehr zu wechseln brauche, weil er sie am Vormittag freilassen werde. Danach ging die Fahrt im 22. Bezirk weiter stadtauswärts. Gaunerstorfer und einige seiner Kollegen versuchten, die Taxis und Journalisten von den Fluchtfahrzeugen fernzuhalten. Neuerlich wandte sich Gaunerstorfer an die Ausbrecher. Diese versprachen dem Revierinspektor, dass sie nicht auf die Geiseln schießen werden.
Nejedly und Schubirsch setzten ihre Geiseln in das Polizeiauto und ließen es unterwegs stehen. Dann flüchteten sie alleine weiter. Gegen neun Uhr betraten sie ein Haus in der Siebenbürgergasse 154. Dort wohnte die schwangere Margarete T. mit ihren acht Kindern und einem Partner. Ihr Mann saß in der Justizanstalt Stein. Er hatte Nejedly die Adresse zum Untertauchen gegeben. Nejedly rief im Polizeipräsidium an und stellte weitere Forderungen.
Polizisten und Polizeischüler sperrten die Umgebung des Hauses ab und versuchten, die vielen Schaulustigen, Journalisten und Fotografen fernzuhalten. Oberpolizeirat Dr. Otto Kornek vom Sicherheitsbüro und Kriminalbeamte verhandelten mit den Kriminellen.
Der Psychiater und ärztliche Leiter der Justiz-Sonderanstalt Mittersteig in Wien, Dr. Willibald Sluga, verhandelte mit Schubirsch und Nejedly. Er versprach ihnen, dass sie nicht mehr nach Stein, sondern in die Sonderanstalt Mittersteig kommen würden. Diese Zusage wurde vom Justizminister gutgeheißen. Die beiden Ausbrecher blieben im Haus; ihre neue Geisel war nun der Partner von Margarete T.

Strafprozess gegen den Stein-Ausbrecher und Geiselnehmer Alfred Nejedly im Oktober 1972 in Wien: Verurteilung zu 16 Jahren schweren Kerkers.
Strafprozess gegen den Stein-Ausbrecher und Geiselnehmer Alfred Nejedly im Oktober 1972 in Wien: Verurteilung zu 16 Jahren schweren Kerkers.
© Votava/Imagno/Picturedesk.com

Ende des Geiseldramas.

Am Samstag, um 16:45 Uhr, trat Nejedly vor das Haus und ließ sich von den Polizisten widerstandslos festnehmen. Polizisten forderten mit Lautsprechern Schubirsch auf, sich ebenfalls zu ergeben. Dieser erwiderte, er werde hinauskommen, aber mit seiner Geisel und drei Pistolen. Eine halbe Stunde nach Nejedly kam auch Schubirsch aus dem Haus. Wiens Polizeipräsident Josef Holaubek, der vor dem Haus stand, hatte ihm versprochen, dass er gut behandelt werde. 72 Stunden nach dem Ausbruch aus Stein war das Geiseldrama zu Ende und zwei der drei Männer gefasst.
Die extrem übermüdeten Festgenommenen durften zunächst schlafen; bei den Verhören waren sie kooperativ, konnten aber nichts über den Aufenthalt ihres Komplizen Adolf Schandl berichten. In der Polizeidirektion wurde mit Alfred Nejedly ein Aufruf an Schandl auf Tonband aufgenommen und im Radio gesendet. Nejedly forderte seinen flüchtigen Komplizen auf, sich zu stellen: „Adi, gib de Puffn o ... und hör auf mit dem Ganzn!“
Adolf Schandl war nach Favoriten gefahren und dürfte kurz bei Bekannten untergekommen sein. Er wollte sich falsche Dokumente besorgen und ins Ausland flüchten. Während der Flucht hatte er sich einen Oberlippenbart wachsen lassen. Am 15. November drang er in eine Wohnung in der Taubergasse 35 in Wien-Hernals ein. Dort wohnte die 68-jährige Marie B., die Mutter eines Mithäftlings von Schandl in Stein. Der Ausbrecher richtete ihr „Grüße“ ihres Sohnes aus. Dann bedrohte er die Frau mit einem Messer und befahl ihr zu schweigen. Marie B. rief nicht die Polizei, weil sie glaubte, ihr Sohn sei in die Sache verwickelt.
Am Freitag, dem 19. November, erhielten die Ermittler einen Hinweis, dass sich Schandl in der Wohnung in der Taubergasse aufhalten könnte. Polizisten in Schutzwesten sperrten in der Nacht auf den Samstag die Wohnhausanlage ab. Drei Kriminalbeamte gelangten über eine Baustelle und eine Mauer in das Haus. Sie läuteten an der Wohnungstür und hörten, wie Marie Baier zu Schandl sagte, dass sie aufmachen müssen, weil sonst die Polizei die Tür aufbrechen würde. Schandl drohte, sollte das geschehen, werde er sich mit einem Rasiermesser umbringen. Dennoch öffnete die Frau die Tür. Die drei Kriminalbeamten betraten die Wohnung, wo Schandl sie mit erhobenen Händen erwartete. Er ließ sich widerstandslos festnehmen.

Flucht im Streifenwagen: Alfred Nejedly und Walter Schubirsch mit zwei Geiseln, einem Oberwachmann der Wiener Sicherheitswache und einer Frau.
Flucht im Streifenwagen: Alfred Nejedly und Walter Schubirsch mit zwei Geiseln, einem Oberwachmann der Wiener Sicherheitswache und einer Frau.
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Änderungen im Strafvollzug.

Innenminister Otto Rösch dankte am 6. November in einem Telefax den Einsatzkräften „für die mustergültige Zusammenarbeit“ und sprach ihnen „die volle Anerkennung“ aus.
Justizminister Broda sagte zu, über die Sicherheitsbedingungen in den Justizanstalten zu diskutieren, und versprach Verbesserungen im Strafvollzug. Das Essen in den Strafanstalten wurde merklich besser, die Haftbedingungen gelockert.
Kurz nach dem spektakulären Gefängnisausbruch mit Geiselnahme wurde die Stadtpolizei Krems aufgelöst. Die Mitarbeiter wurden in den Gendarmeriedienst übernommen und ihr Kommandant Herbert Howanietz wechselte in den Magistrat Krems, wo er im Jänner 1976 Leiter der Personalabteilung wurde. Ende Februar 1987 trat er in den Ruhestand. Der „Held von Stein“ starb 87-jährig am 14. August 2018.
Dr. Erich Weiß wurde Richter, Staatsanwalt, 1992 Generalanwalt in der Generalprokuratur und 2006 Erster Generalanwalt. Am 1. Jänner 2012 trat er in den Ruhestand. Seit Oktober 2012 ist er stellvertretender Rechtsschutzbeauftragter der Justiz.

Langjährige Kerkerstrafen.

Alfred Nejedly und Adolf Schandl wurden im Oktober 1972 im Landesgericht Wien zu jeweils 16 Jahren schweren Kerker verurteilt; Walter Schubirsch erhielt zwölf Jahre. Schubirsch nahm das Urteil an. Nejedly erbat sich Bedenkzeit und berief gegen das Urteil, nachdem der Staatsanwalt Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung eingelegt hatte. Schandls Antrag auf Berufung wurde nach Irritationen mit dem Pflichtverteidiger abgewiesen. Schandl betonte in seinem Schlussplädoyer, es habe sich um „reine Verzweiflungstaten“ gehandelt, er habe nicht an die Folgen gedacht. Sein Ziel sei es gewesen, wieder in Freiheit zu kommen. Schandl sprach auch den harten Strafvollzug an: „Ich sehe ein, dass Strafe sein muss, aber durch Härte, Druck und Demütigung und durch unmenschliches Vorgehen wird kein Mensch gebessert.“

Werner Sabitzer

Legendäre Worte

"I bin's, dein Präsident!"

Josef Holaubek, Polizeipräsident in Wien von 1947 bis 1972, galt als nicht uneitel und fühlte sich in Gegenwart von Journalisten und Pressefotografen wohl. Bei spektakulären Straftaten und anderen öffentlichkeitswirksamen Ereignissen war er immer wieder am Ort des Geschehens zu finden.
Als die Polizei am 5. November 1971 erfuhr, dass sich die beiden flüchtigen Ausbrecher Alfred Nejedly und Walter Schubirsch in einem Haus in Wien-Penzing versteckt hatten, wollte Holaubek beim Zugriff dabei sein. Er ließ sich mit einem Funkwagen zum Haus bringen, kam aber fast zu spät. Nejedly hatte kurz vor dem Eintreffen des Polizeipräsidenten das Haus verlassen und sich der Polizei ergeben. Als auch Schubirsch völlig erschöpft aufgeben wollte, rief ihm Holaubek einen Satz zu, der von einem Journalisten als „Ich bin’s, dein Präsident!“ weiterverbreitet wurde. Dafür wurde Holaubek kritisiert und es wurde ihm auch vorgeworfen, er hätte lieber seine Polizisten arbeiten lassen und sich nicht mediengerecht in Szene setzen sollen.
Polizeipräsident Holaubek nahm am 10. November 1971 am Abend in der Wiener Stadthalle an der Live-Sendung „Stadtgespräch“ teil, moderiert von Dr. Helmut Zilk. In dieser Sendung mokierte sich der FPÖ-Abgeordnete und spätere Volksanwalt Dr. Gustav Zeillinger über den kolportierten Ausspruch des Polizeipräsidenten. Dieser ärgerte sich und schrieb Zeillinger am nächsten Tag einen Brief. Darin erwähnte Holaubek, dass wegen der akuten Gefahr, Menschen könnten durch Panikhandlungen der Ausbrecher in Gefahr geraten, ihm „eine Überprüfung der Lage an Ort und Stelle“ notwendig erschien. Bei der Festnahme von Schubirsch habe er sich mit den Worten: „Ich bin der Polizeipräsident“ zu erkennen gegeben.
Als Schubirsch ihn gebeten habe, nicht auf ihn zu schießen, habe ihn Holaubek mit den Worten beruhigt: „Es geschieht dir nichts!“ Keineswegs habe er gesagt: „Ich bin dein Präsident!“ Der auch international verbreitete Ausspruch machte Josef Holaubek noch populärer und der Polizeipräsident dementierte ihn nicht mehr.
Stein-Ausbrecher Walter Schubirsch wusste seine Begegnung mit dem Polizeipräsidenten zu schätzen. In einem Brief vom 7. Dezember 1971 bedankte er sich bei Holaubek für die „gut gemeinten Worte“ vor seiner Festnahme. „Ich habe es Ihnen zu verdanken, dass ich noch am Leben bin, wären Sie nicht anwesend gewesen und hätten mir nicht so gut zugeredet, ich hätte mich in meiner Verzweiflung erschossen.“


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2021

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