USA

Kriminalitätsanstieg in Großstädten

Statistiken der ersten drei Monate 2021 zeigen eine anhaltend hohe Kriminalität in den meisten Großstädten der USA.
Statistiken der ersten drei Monate 2021 zeigen eine anhaltend hohe Kriminalität in den meisten Großstädten der USA.
© Gregor Wenda

Mord, Vergewaltigung, Überfall oder schwere Körperverletzung – in 63 der 66 größten US-amerikanischen polizeilichen Einsatzgebiete wurde 2020 in mindestens einem Kriminalitätsbereich ein deutlicher Anstieg verzeichnet. Der Trend setzte sich im ersten Quartal 2021 fort.

Laut einem Bericht der „Major Cities Chiefs Association“, einer Vereinigung von polizeilichen Füh-rungskräften in den USA, hat in 63 der 66 polizeilichen Einsatzgebiete in den USA die Anzahl an schweren Straftaten zugenommen. US-Großstädte vermeldeten im Durchschnitt ein Plus von 33 Prozent an Mordfällen 2020. Wie in allen Staaten weltweit, war das Jahr 2020 in den USA geprägt von der Covid-19-Pandemie sowie einem damit einhergehenden wirtschaftlichen Abschwung.

Ursachen.

Nach dem tödlichen Zwischenfall bei der Festnahme des Schwarzen Geor ge Floyd in Minneapolis kam es zudem landesweit zu Demonstrationen von Millionen Bürgern gegen Rassismus und Polizeigewalt. Ray Kelly, Mitverfasser der Studie, sieht eine „perfekte Kombination“, die zu einem Anstieg der Mordfälle geführt hat. Mehrere Faktoren haben dabei zusammengespielt. Wirtschaftlicher Abschwung, soziale Angst vor der Pandemie, geringere Polizeipräsenz in großen Städten in Reaktion auf die heftigen Proteste nach dem „Floyd-Fall“, die sich gegen Polizeigewalt gerichtet hatten, Verlagerung von Polizeikräften in Brennpunkte der Protestbewegung (weshalb in anderen Gegenden die Polizeipräsenz deutlich reduziert wurde) sowie die frühzeitige Entlassung von Inhaftierten, um das Risiko einer Covid-19-Verbreitung in Gefängnissen zu vermindern. Hinzu kam, dass sich viele Polizisten in Quarantäne begeben muss ten, da sie mit Covid-19-positiven Personen in Kontakt waren.

Quarantäne.

Der „Floyd-Fall“ habe sich auf die Einstellung der Polizisten ausgewirkt, die seither weniger proaktiv vorgehen würden.
Der „Floyd-Fall“ habe sich auf die Einstellung der Polizisten ausgewirkt, die seither weniger proaktiv vorgehen würden.
© Gregor Wenda

Laut Bericht war es für die Polizei schwer, ausreichend Personal für die Einsätze zusammenzuziehen. In St. Louis, einer Großstadt in Missouri, waren im Schnitt für jeden Covid-19-positiven Polizisten zehn weitere Polizisten in Quarantäne. Gerade bei den Einsätzen um die Protestbewegung war es für die Polizisten nicht möglich, ausreichend Abstand zu halten, um die Ansteckungsgefahr einer Covid-19-Infektion zu minimieren. „Die hohe Anzahl an Polizis ten, die sich nach Einsätzen in Quarantäne begeben mussten, hat die Kapazitäten der Polizei beeinträchtigt, gegen den deutlichen Anstieg an Kriminalität vorzugehen oder auch mit den Protes ten selbst so umzugehen, wie es aus polizeilicher Sicht notwendig gewesen wäre“, erklärte John Hayden Jr., Polizeichef von St. Louis. Hinzu kam laut Einschätzung der Polizei-Experten die kritische und negative Einstellung von Teilen der Bevölkerung nach dem „Floyd-Fall“. Das habe sich auf die Einstellung der Polizis ten ausgewirkt, die seither weniger motiviert und proaktiv vorgehen würden. Polizisten seien 2020 weniger geneigt gewesen, Personen anzuhalten, um Schwierigkeiten zu vermeiden oder während einer Verhaftung gefilmt zu werden. „Wenn sie vor einem Jahr einen Verdächtigen beobachtet hätten, hätten die Polizisten die Person angehalten und hätten die Situation geklärt. Ein Jahr später ist es, als hätte die Polizei zu arbeiten aufgehört“, erklärt Peter Moskos, ehemaliger Polizist in Baltimore und Professor am John Jay College of Criminal Justice.

Statistiken

Statistiken der ersten drei Monate 2021 zeigen eine anhaltend hohe Kriminalität in den meisten Großstädten der USA. Laut Angaben der Exekutivdirektorin der „Major Cities Chiefs Association“, Laura Cooper, könnten die Zahlen 2021 jene des Vorjahres übertreffen. In Chicago ist die Zahl der Mordfälle in den ersten drei Monaten 2021 um 33 Prozent zum selben Vergleichszeitraum des Vorjahres angestiegen. 2020 hatte Chicago einen Tag mit 18 gemeldeten Mordverdachtsfällen. Die Zahl der Fälle mit Schusswaffengebrauch nahm im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent zu. Ein ähnliches Bild zeigen Daten in New York City, wo die Zahl der Morde in den ersten drei Monaten 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent und die Zahl der Fälle mit Schusswaffengebrauch um 50 Prozent angestiegen ist.
Der Bericht ist unter majorcitieschiefs.com  online abrufbar.


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 7-8/2021

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