Sicherheitsakademie

Gewalt gegen Polizisten

Michael Temme, leitender Polizeidirektor in Köln, ortet eine zunehmende Gewaltbereitschaft gegen Polizistinnen und Polizisten. Das sei eine Tendenz, der entschlossen begegnet werden sollte.

"Die Gewalt gegen die Polizei hat in Deutschland quantitativ zugenommen, aber auch qualitativ eine neue Dimension entwickelt", sagte Michael Temme, leitender Direktor der Kölner Polizei, bei einem Arbeitskreistreffen "Polizei und Gewalt" der Sicherheitsakademie (SIAK) am 4. Oktober 2017 in Wien. 2016 gab es in Köln, einer Stadt mit 1,1 Millionen Einwohnern und 5.400 Polizisten, fast 2.000 Angriffe auf Polizistinnen und Polizisten; in den Jahren davor waren es zwischen 1.100 und 1.500. In Österreich ist die Zahl in den letzten Jahren leicht gestiegen, zuletzt auf knapp 1.000.

Temme wies auf die Problematik im Zusammenleben verschiedener ethnischen Gruppen hin. "Wir haben in Köln Straßenzüge, wo neunzig Prozent der Menschen aus unterschiedlichen Ländern stammen", sagte Temme. "Beispielsweise hat es überhaupt keinen Sinn, in einem solchen Viertel einen Streifenwagen mit zwei Polizistinnen zu einem Fall von Gewalt in Familien zu entsenden. Sie werden von Männern bestimmter Ethnien nicht akzeptiert."

An dem SIAK-Arbeitskreistreffen nahmen rund 150 leitende und dienstführende Polizistinnen und Polizisten aus fast allen Landespolizeidirektionen teil. "Wir versuchen mit dem Arbeitskreis, Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen Bundesgebiet für Gewalt-Themen zu sensibilisieren", sagte Chefinspektor Thomas Greis, Veranstalter des Arbeitskreises. Für SIAK-Direktor Dr. Norbert Leitner ist der internationale Aspekt ein wesentliches Element der Veranstaltungsreihe. "Es zeigt uns, wie andere Länder mit bestimmten Gewalt-Aspekten umgehen und wie wir davon lernen können", betonte Leitner. "Wir wollen in den Veranstaltungen auch Lösungen anbieten."

Bei dem Arbeitskreistreffen am 4. Oktober 2017 referierten neben dem Kölner Polizeidirektor Michael Temme der Chef der Ausbildung der Stadtpolizei Zürich Hauptmann Wolfgang Moos und der deutsche Polizeiwissenschaftler DDr. Mario Staller, der früher Angestellter des Bundeskriminalamts Wiesbaden war und der derzeit für die Universität Liverpool forscht.

"Zug der Zeit"

Polizeidirektor Temme bezeichnete die allgemein erhöhte Gewaltbereitschaft als "Zug der Zeit". Gewalttäter im öffentlichen Raum seien für Polizisten immer schwerer in den Griff zu bekommen. "Grenzen werden in unserer Gesellschaft nicht mehr anerkannt", sagte Temme. "Hinzu kommen Drogen und Alkohol. Vor allem, wer unter Amphetaminen steht, ist kaum zu bremsen." In Gruppen bekämen Amtshandlungen oft eine Dynamik, die nicht vorhersehbar sei. "Wir erleben immer wieder Befreiungsversuche, wobei junge Männer ihren Freunden zu Hilfe kommen, wenn sie von Polizisten festgenommen werden."

Einen Ausweg sieht Michael Temme unter anderem in einer gesellschaftlichen Ächtung von Gewalt. "Gewalt darf in unserer Gesellschaft nicht als Problemlösungsmöglichkeit in Betracht gezogen werden", betonte der leitende Polizeidirektor. Zudem müsse das Thema "Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten" zur Chefsache erklärt werden. "In Köln hat das unsere oberste Polizeispitze vor ein paar Monaten gemacht." Seither gebe es enge Kontakte zwischen Polizei und Justiz. Das führe zu einer geringeren Zahl an Verfahrenseinstellungen und zu höheren Verurteilungsraten.

Wichtig sei auch die psychologische Aufarbeitung von Übergriffen gegen die Polizei. "Das haben wir lange Zeit unterschätzt", sagte Temme. Auch längerfristig gebe es Themen, die aufgearbeitet werden sollten. "Wenn man als Polizistin zum Beispiel immer wieder beschimpft und runtergemacht wird, dann hat das Auswirkungen auf den Alltag."

Im täglichen Einschreiten müssten Polizistinnen und Polizisten umdenken. "Am gefährlichsten leben die Polizisten auf Streife – nicht die Kollegen der Sondereinsatzkommandos", sagte Temme. "Sie kommen im Sommerhemd zu einer Ruhestörung, die mitunter eskaliert." Die meisten Fälle, in der sich Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten entlud, entstanden in Köln aus dem Einsatzgrund "Randalierer" und auch harmlose Streitigkeiten eskalierten immer wieder. "Polizisten müssen daher von Anfang an entschlossen und klar an Amtshandlungen herangehen und allen Beteiligten klar und deutlich machen, dass sie durchzusetzen gedenken, was sie in Angriff nehmen."

Weniger Trainer – mehr Coach

Polizeiforscher DDr. Mario Staller verglich "lineares" mit "komplexem" Trainingsdenken. "Das Denken in linearen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen ist nicht geeignet für das Einschreiten in komplexen, gefahrengeneigten Situationen", betonte Staller. Seine Schlussfolgerungen aus dem aktuellen Forschungsstand: "Der Polizeiausbildner sollte weniger Trainer und mehr Coach sein." Die Auszubildenden sollten beim Training nur angeleitet werden. Lösungen sollten sie selbst entwickeln.

"Das kommt komplexen Situationen entgegen, wie es Amtshandlungen nun einmal sind." Die Polizistinnen und Polizisten müssten eher lernen, wie sie im Alltag situationsangepasste Lösungen finden können. "Vorgefasste Lösungsansätze bringen wenig, weil es Patentrezepte nicht gibt."

Hauptmann Wolfgang Moos erläuterte die vier Erfolgsfaktoren für Polizisten aus Sicht der Schweizer Ausbildung: Teamorientierung, Selbstkontrolle, Situationskontrolle und Taktik. Die Züricher Polizei habe nach den Erfolgsfaktoren und Kompetenzen der Polizei ein Ausbildungskonzept entwickelt. Sie orientiert sich an der – auch in Österreich bekannten – "3-D-Philosophie": Dialog, Deeskalation, Durchgreifen.

Wolfgang Moos (Zürich), Thomas Greis (SIAK), Michael Temme (Köln), Mario Staller (Universität Liverpool).
©  BMI/Gerd Pachauer
Wolfgang Moos erläuterte die vier Erfolgsfaktoren für Polizisten aus Sicht der Schweizer Ausbildung: Teamorientierung, Selbstkontrolle, Situationskontrolle und Taktik.
©  BMI/Gerd Pachauer

Artikel Nr: 15198 vom Montag, 09. Oktober 2017, 10:49 Uhr
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