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Das Magazin des Innenministeriums, Nr. 11-12/2004
Drei Österreicher versehen Dienst bei der EU-Polizeimission PAMECA, die seit zwei Jahren die Polizei in Albanien mit Wissen und Erfahrung unterstützt.
Tirana, 4. September 2004: Durch die Straßen der albanischen Hauptstadt ziehen Autokorsos, Fahnen werden geschwenkt. Die Nationalfarbe rot beherrscht das Stadtbild. Rund 20.000 Fans strömen aus dem "Qemal Stafa"-Stadion. Das Fußball-Match Albanien gegen Griechenland ist eben mit einer Überraschung zu Ende gegangen: Albanien hat den Europameister 2:1 geschlagen. Die ausgelassene Stimmung setzt sich bis in die frühen Morgenstunden fort. Etwa 1.000 Polizisten sind in Tirana im Einsatz und sorgen vor dem Hintergrund nachbarschaftlicher Rivalitäten zwischen Griechen und Albanern für Ruhe und Ordnung. Durch umfangreiche Kontrollen der Sicherheitskräfte und die genaue Vorbereitung des Großereignisses kann ein reibungsloser Ablauf erzielt werden. Logistisch-organisatorische Unterstützung der Polizei kam dabei unter anderem aus Österreich – von den Exekutivbeamten Günther Bechtloff, Franz Prutsch und Helmut Zöhrer.
PAMECA. Die drei Österreicher gehören zu der insgesamt 15 Mitglieder zählenden EU-Polizeimission PAMECA (Police Assistance Mission of the European Community to Albania), die seit zwei Jahren in allen Belangen des Sicherheitswesens hoch spezialisiertes Fachwissen und breit gefächerte praktische Unterstützung zur Verfügung stellt. PAMECA gliedert sich in die Fachgruppen "Border Management" (Grenzschutz), "Human Resources and Internal Affairs" (Personal und interne Angelegenheiten), "Criminal Justice" (Strafjustiz), "Information Management" (Informationsmanagement), "Public Order and Security" (öffentliche Sicherheit und Ordnung), "Finance and Material Resources Management" (Finanzen und materielle Ressourcen) und "Organised Crime" (OK). Die von der Europäischen Union finanzierte Mission kann auf Experten aus Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Spanien und Österreich zurückgreifen, die in strategische Beratung und spezialisierte Ausbildungsprogramme involviert sind, und dabei helfen sollen, infrastrukturelle Mängel der Exekutive aufzuzeigen. "Wir stellen für unsere albanischen Polizeikollegen eine Brücke dar, um Informationen zu erlangen, die für sie sonst nicht zugänglich wären", erklärt der Sprecher der österreichischen Gruppe, Major Helmut Zöhrer. Der Polizeioffizier versah zuletzt Dienst in der Bundespolizeidirektion Graz und war von Februar 2000 bis September 2001 Kommandant des österreichischen Polizeikontingents im Kosovo. Seine Hauptaufgabe bei PAMECA ist die logistische Beratung im Bereich der Generaldirektion der albanischen Polizei. "Das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei war lange Zeit weitgehend unterminiert. Der politische Umschwung im früher streng kommunistischen Albanien hat Anfang der 90er-Jahre zu großer Unsicherheit im gesamten Staatswesen geführt und viele Polizisten dazu verleitet, ihren Aufgaben nicht mehr mit entsprechender Sorgfalt nachzugehen", betont Zöhrer.
Unruhen und Ausnahmezustand. Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems und den ersten freien Wahlen des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg im März 1991 begann in Albanien ein schwieriger Prozess der Öffnung in Richtung Westen. 1995 erfolgte die Aufnahme in den Europarat, die erhoffte wirtschaftliche Stabilisierung blieb jedoch aus. Das Schlagwort "Armenhaus Europas" prägte das Bild des kleinen Adriastaates. 1997 brach das System durch die Regierung unterstützter Pyramidenspiele zusammen, in die ein Großteil der Bevölkerung seine gesamten Ersparnisse investiert hatte. Viele Albaner standen vor dem finanziellen Nichts; Unruhen brachen aus und führten zu gewalttätigen Aufständen gegen Polizei und Militär, die als deutlich sichtbare Vertreter der staatlichen Hoheitsgewalt den Zorn der Menschen zu spüren bekamen. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen; die albanische Exekutive sah sich mit massiven personellen und operativen Engpässen konfrontiert und konnte den Sturm auf Polizeistationen und Kasernen nicht verhindern. Dabei wurden große Mengen von Schusswaffen und Munition erbeutet. Eine OSZE-Delegation unter der Leitung des ehemaligen Bundeskanzlers Dr. Franz Vranitzky wurde nach Albanien entsandt, der letztendlich eine Beruhigung der Lage gelang. Vor diesem Hintergrund nahm 1997 die erste europäische Unterstützungsmission für die albanische Polizei – MAPE (Mission Advisory Police Element) – ihre Tätigkeit auf, mit dem Ziel der Überwindung der inneren Unruhen und der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung. Mitte 2002 überbrückte ein Polizeimissionsprojekt der Europäischen Kommission (ECPA) die Zeit bis zur Errichtung der PAMECA Mission, die am 21. Dezember 2002 im Rahmen des EU-Programmes CARDS (Community Assistance for Reconstruction, Development and Stability) ins Leben gerufen wurde. "Die nun durch PAMECA erlangten Erkenntnisse werden auch dazu herangezogen, die künftigen Hilfsmittel der EU zielgerecht einsetzen zu können", sagt Zöhrer. Nach 1997 war Albanien weiterhin innen- und außenpolitischen Belastungen ausgesetzt, insbesondere 1998/99, zur Zeit der "Kosovo-Krise". "Die Sicherheitslage und die öffentliche Ordnungssituation haben sich seitdem aber kontinuierlich verbessert", betont Major Zöhrer. Umfangreiche internationale Hilfsprojekte und Programme haben in den vergangenen Jahren dazu einen entsprechenden Beitrag geleistet.
Kampf gegen die OK. Das Entwicklungsprogramm UNDP konzentriert sich auf den Bereich des "Community Policing"; die Missionen "Interforza" (Italien) und ICITAP (USA) sind im Trainingsbereich aktiv und unterstützen die albanische Exekutive auch operativ. PAMECA versteht sich nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu bilateralen Programmen. "Die italienische ‚Interforza' unternimmt im Einklang mit den albanischen Kollegen Hubschrauberaufklärungsflüge, um Drogenanbaugebiete zu finden", berichtet Bezirksinspektor Günther Bechtloff vom Bundesministerium für Inneres, der bereits auf Erfahrung bei Auslandseinsätzen in Kambodscha und im Kosovo zurückgreifen kann; in der kosovarischen Region Pristina leitete er von September 1999 bis März 2001 die "Regional Serious Crime Squad" und war mit der Bekämpfung aller Formen der Schwerkriminalität mit Ausnahme von Morden befasst. Bei PAMECA fungiert Bechtloff als Berater im Bereich der Generaldirektion der albanischen Polizei bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität. "Durch die inneren und äußeren Schwierigkeiten ist der Staat Albanien in den 90er-Jahren massiv geschwächt worden. Das hat zu einer massiven Ausbreitung der Kriminalität geführt, insbesondere der organisierten Kriminalität", erläutert Bechtloff. Die Bandenbildung erhielt durch Armut und politische Versäumnisse zusätzlichen Nährboden. "Durch die Plünderung der Waffendepots der albanischen Armee haben wir die fast bizarr anmutende Situation, dass die Kriminellen mehr und bessere Waffen haben als die Exekutive." 700.000 Waffen waren während der Unruhen 1997 von den Aufständischen erbeutet worden; bis heute wurde nach Schätzungen nur ein Fünftel retourniert. Nach wie vor ist durch Ausbildungs- und Ausrüstungsmängel der Polizei sowie durch die allgemein schwierige Wirtschaftslage Albaniens der Kampf gegen die OK nur von Teilerfolgen geprägt. Durch das "Organised Crime Element" der PAMECA konnten jedoch wichtige Akzente auf dem Weg zu westeuropäischen Standards gesetzt werden. 1997 wies die jährliche Mordstatistik eine vierstellige Zahl auf; zwischen 2001 und 2003 konnte eine Senkung von 208 auf 141 Mordfällen verzeichnet werden. Immer größere Mengen an Heroin werden beschlagnahmt (im ersten Halbjahr 2004 waren es 112 kg); die Zahl der Drogenanbaugebiete ging zuletzt stark zurück. "Mitte August wurde ein italienischer Hubschrauber von Interforza vom Boden aus mit einem leichten Maschinengewehr beim Überflug eines Cannabisanbaugebiets unter Beschuss genommen und dreimal getroffen, konnte aber zur Basis zurückkehren", schildert Bechtloff. Der Polizeiberuf in Albanien ist besonders riskant: Zwischen 1990 und 2002 wurden 159 albanische Polizisten im Dienst getötet; 2003 und 2004 waren jeweils vier Beamtenmorde zu beklagen. Nicht in dieser Statistik ist laut Bechtloff eine "erhebliche Zahl" zusätzlicher Tötungsdelikte an Polizisten außerhalb ihrer Dienstzeit.
Grenzpolizei. Da organisierte Kriminalität nicht an der 1.094 km langen Staatsgrenze Albaniens Halt macht, ist PAMECA auch der Aufbau bzw. die Reorganisation der albanischen Grenzpolizei ein besonderes Anliegen. Im PAMECA-"Border Management Element" ist Major Franz Prutsch vom LGK Steiermark zusammen mit einem griechischen Kollegen tätig. Prutsch war zwischen Juli 2001 und Dezember 2002 Kommandant des österreichischen International Police Task Force-Kontingents in Bosnien und Herzegovina und wirkte dort als Berater für "Border Management". "Die Grenzpolizei war immer das ungeliebte Stiefkind der albanischen Polizei. Deswegen war dieser Bereich bis jetzt auch am ärmlichsten ausgestattet", erläutert Prutsch. "Obwohl die Hauptgrenzübergänge Albaniens teilweise unter enormem finanziellem Aufwand der EU und der Weltbank renoviert und modernisiert worden sind oder werden, fehlt es an allen Ecken und Enden." So kommt es durch die instabile Energieversorgung und Stromspannungsabfälle, von denen ganz Albanien betroffen ist, immer wieder zu Computerabstürzen; teilweise bestehen keine Festnetztelefonleitungen; auch die Funkabdeckung ist ungenügend. Aufgrund der geringen Anzahl von Transportmitteln gehören Fußstreifen zur Normalität. Kleinere Grenzübergänge sind bei Schlechtwetter wegen der schlechten Straßen nicht mehr befahrbar; im Norden gibt es noch zahlreiche nicht identifizierte Minenfelder.
Im Februar 2003 wurde von der Regierung eine nationale Strategie für die Grenzpolizei und das Konzept des "Integrated Border Managements" verabschiedet, durch die eine bessere Überwachung der grünen Grenze gewährleistet werden soll. "Bis dahin gab es 51 Beobachtungsposten in Grenznähe, die bei ihren Überwachungsdiensten teilweise vierstündige Fußmärsche auf sich nehmen mussten", berichtet Prutsch. Künftig sollen 22 mobile Einheiten eine raschere und flächendeckende Grenzpatrouille gewährleisten. Bereits realisiert wurden die Einführung von modernem Equipment zur Identifikation von Dokumentenfälschungen und die Einrichtung eines Doku-Labors am internationalen Flughafen Rinas. Mini-Vans soll in Zukunft die Zahl der Fußpatrouillen verringern. Die grüne Grenze Albaniens ist in Hinblick auf den Suchtgifthandel, das Schlepperwesen und den Schmuggel von besonderer Sensibilität. "Cannabis wird häufig über die grüne Grenze transportiert und Polizeibeamte unterbinden diesen Handel teilweise nicht, weil sie gewalttätige Konsequenzen gegen sich und ihre Familien befürchten müssen", erläutert Prutsch ein Kernproblem aus dem grenzpolizeilichen Alltag. Da beinahe die gesamte Menge des in Albanien kultivierten Suchtgifts das Land verlässt, gibt es verhältnismäßig wenig Drogensüchtige. Offizielle Statistiken sprechen von 10.000 Personen.
Die Grenze zum Kosovo ist 123 km lang und brachte Albanien während der Kriegshandlungen im Kosovo 1999 mehrere Hunderttausend Flüchtlinge. Inzwischen bestehen enge Kontakte zu den Sicherheitskräften der UNMIK (UN Mission in Kosovo). Auch ein über 300 km langer Küstenstreifen des Mittelmeers fällt noch ins Zuständigkeitsgebiet der albanischen Grenzpolizei. Von hier aus werden zunehmend illegale Migranten (vornehmlich Albaner) und Drogen mit Schnellbooten bis nach Italien gebracht; aufgrund der unzureichenden Wasserfahrzeuge der albanischen Polizei und Küstenwache ist die italienische Exekutive mit eigenen Booten im Einsatz. Ein bilaterales Abkommen gestattet ihnen die Patrouillentätigkeit in den zum Hoheitsgebiet Albaniens gehörenden Gewässern.
Ausblick. Die Police Assistance Mission of the European Community to Albania läuft noch bis Ende 2004; mit einer Fortsetzung von PAMECA ist zu rechnen. Eine Ausschreibung der Übernahme der Missions-Leitung erging nach dem Sommer an alle EU-Mitgliedstaaten. Die drei österreichischen Polizeiexperten erkennen laufende Verbesserungen im albanischen Sicherheitswesen, die vielfach unmittelbar auf die Inititative der Mission zurückzuführen sind. So verliefen die lokalen Wahlen im Herbst 2003 ruhig und geordnet. "Das Verhalten der Polizei war im Gegensatz zu den bisherigen Wahlen beispielhaft", betont Major Zöhrer. Ein wichtiges, von der EU gefördertes Projekt ist die Errichtung eines Hauptquartiers der staatlichen Polizei. Bis Ende 2005 wird mit einem Bezug des neuen Gebäudes gerechnet. Durch die räumliche Trennung der Polizeiführung vom Ministerium für öffentliche Sicherheit soll die im anglo-amerikanischen Raum besonders klare Trennung der Führungsebenen hervorgestrichen werden. Während im Ministerium strategisch-politische Entscheidungen zu fällen sind, soll die Generaldirektion diese Entscheidungen administrativ und operativ umsetzen. Wichtige Schritte wurden durch eine Restrukturierung der Polizei und des Sicherheitsministeriums per 1. Oktober 2004 gesetzt.
Schwerpunkt der Polizeiarbeit ist der Kampf gegen die organisierte Kriminalität (u.a. auch die Durchfuhr von Diebesgut und gestohlenen Autos durch das Staatsgebiet) und Korruption. Die von Korruption in allen Bereichen der staatlichen Verwaltung ausgehende Bedrohung wird durch die Regierung in zunehmendem Maße angesprochen, so in ihrem Programm 2002 bis 2005. Die Kriminalstatistik für 2002 führt 4.363 angezeigte strafbare Handlungen auf, von denen 1.446 gegen Leib und Leben gerichtet waren. Seit 2003 bestehen intensive Kontakte mit der EU-Kommission; im Februar 2004 besuchte der albanische Minister für öffentliche Sicherheit, Igli Toska, die Europol-Zentrale in Den Haag. Gregor Wenda
Organisation der albanischen Polizei
Exekutivaufgaben liegen in Albanien in der Hand der "staatlichen Polizei" ("Policia e Shtetit"), die dem Minister für öffentliche Sicherheit untersteht. Bereits 1913 waren zwei staatliche Sicherheitskorps, die Polizei und die Gendarmerie, errichtet worden. Heute existiert neben der staatlichen Polizei die "Republikanische Garde" (ordnungsdienstliche und Objektsschutz-Aufgaben). An der Spitze der 12.000 Mitarbeiter zählenden staatlichen Polizei steht der Generaldirektor. Seit der Restrukturierung am 1. Oktober 2004 hat der Generaldirektor zwei Stellvertreter (für Einsatzangelegenheiten und für Ressourcenmanagement/Support). Unter "Einsatzangelegenheiten" fallen fünf Abteilungen, unter anderem für die Schutzpolizei ("Policia e Rendit") und für die Grenzpolizei ("Policia Kufitare"). Die Anti-Terror-Gruppe "RENEA" in Tirana untersteht direkt dem Generaldirektor. Ebenso wurde der Computer- und IT-Bereich mit 1. Oktober 2004 zur "Chefsache" erklärt, um die Bedeutung der geplanten Expansion in diesem Gebiet zu betonen. Rund 40 Prozent der albanischen Polizeikräfte gehören der Schutzpolizei an, die sowohl auf zentraler Ebene (z. B. in pass- und fremdenrechtlichen Angelegenheiten), als auch auf lokaler Ebene – in Direktionen und Kommissariaten – operiert. Auf 273 Einwohner kommt ein Polizist. Albanien teilt sich territorial in zwölf örtliche Polizeidirektionen in den Präfekturen.
Die etwa drei Millionen Einwohnern zählende Republik erstreckt sich auf einem Staatsgebiet von 28.748 km2 und grenzt an Serbien (Kosovo) und Montenegro, Mazedonien und Griechenland. Albanien ist in zwölf Präfekturen, 36 Bezirke, 74 Städte und 310 Gemeinden untergliedert. Die unter internationaler Mitwirkung entstandene neue Verfassung wurde 1998 nach einer Volksabstimmung verabschiedet. Eine institutionelle Reform der staatlichen Polizeikräfte fand ihren wesentlichen Niederschlag in einem Polizeigesetz im Jahr 1999.Albanien hat kein Innenministerium. Während viele vergleichbare Kompetenzen vom Ministerium für öffentliche Sicherheit wahrgenommen werden, ist mit anderen Aufgaben ein eigenes Ministerium für lokale Verwaltung betraut.
"Durchaus moderne Denkansätze"
Major Helmut Zöhrer, Sprecher der österreichischen Gruppe bei PAMECA, über Albanien, die Polizeiarbeit und Errungenschaften der EU-Mission.
Im Jahr 1997 war Albanien durch den Ausbruch von landesweiten Unruhen ein Sorgenherd Europas. Wo steht Albanien heute? Zöhrer: 1997 war Albanien im Ausnahmezustand, auf den Straßen war man nicht sicher. Ich befinde mich seit zwei Jahre hier und habe noch keine Situation erlebt, in der ich mich wirklich bedroht gefühlt hätte. In dieser Hinsicht hat sich sehr viel verbessert. Albanien ist landschaftlich sehr schön, die Einwohner sind sehr freundlich. Trotzdem läuft offensichtlich etwas falsch in diesem Land. Wenn man sich in Tirana umsieht, wundert man sich über die hohe Bautätigkeit, überall wachsen riesige Büro- und Wohntürme in die Höhe; Luxuskarossen prägen das Straßenbild - und all das in einem der ärmsten Länder Europas. Albanien will in die Europäischen Union, hat aber wohl noch einen langen Weg vor sich.
Wo gibt es Schwachpunkte?Zöhrer: Die staatliche Verwaltung ist noch sehr schwach, und dies wird von einigen genutzt, um rasch zu Geld zu kommen. Auch die Infrastruktur ist noch schlecht. Obwohl sich die Situation langsam bessert, kommt es nach wie vor regelmäßig zu Stromabschaltungen. Wasser ist nicht immer verfügbar, die Fahrbahnen sind mit Löchern übersät. Müll wird überall wild abgelagert und teilweise auf den Straßen verbrannt. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Albaners beträgt 1.000 Euro, die Lebenshaltungskosten sind aber teilweise mit denen in Österreich zu vergleichen. Offiziell wird die Arbeitslosigkeit mit 16 Prozent beziffert, sie dürfte aber tatsächlich bei 35 Prozent liegen.
Was ist für österreichische Exekutivbeamte in Albanien besonders bemerkenswert? Zöhrer: Eine sehr hohe Präsenz von uniformierten Polizisten, wobei deren Verhalten nicht wesentlich zur Hebung des Sicherheitsgefühls beiträgt. Meistens sind sie für die Bewachung von Gebäuden oder im Verkehrsdienst eingesetzt. Persönlich habe ich den Eindruck, dass viele dieser Polizisten keine Verantwortung übernehmen wollen. Trotz der hohen Präsenz an Polizei herrscht Chaos im Straßenverkehr. Verkehrsübertretungen werden kaum oder nur sehr willkürlich geahndet. Das Auftreten der albanischen Polizei im täglichen Exekutivdienst erscheint noch recht unprofessionell und kaum serviceorientiert. Die schlechten Arbeitsbedingungen, geringes Gehalt - ein Polizist verdient ca. 150 Euro im Monat -, mangelnde Ausbildung und schlechte Ausrüstung sind dabei zu berücksichtigen.
Auf welche Phänome sind Sie in der Zusammenarbeit mit der albanischen Polizei gestoßen?Zöhrer: Es hat längere Zeit gebraucht, um das nötige Vertrauen der albanischen Kollegen zu erlangen. Ist diese Barriere aber überwunden, ist es faszinierend zu sehen, wie begierig die Erfahrungen ausländischer Polizeibeamter verlangt werden. Einige Führungskräfte in der albanischen Polizei haben durchaus moderne Denkansätze. Die Kommunikation dieser Ideen innerhalb der Polizeistrukturen geht jedoch kaum oder nur sehr schleppend vor sich. Der rasche Wechsel in den Führungspositionen der Polizei ist bemerkenswert. Es ist schon mehrfach passiert, dass Beamte mit denen ein neues Konzept erarbeitet worden ist, kurzerhand abgesetzt oder versetzt worden sind – oft auch unter dem Vorwurf der Korruption. Damit musste die Arbeit von neuem beginnen. Das verlangsamt und erschwert die Durchsetzung der angestrebten Änderungen.
Wie ist der Alltag in einer albanischen Polizeidienststelle?Zöhrer: Das Konzept der Polizeistation wie in Österreich ist in Albanien unbekannt. Die Beamten kommen in ihr Polizeikommissariat, das mit einem Bezirksgendarmerie- oder Abteilungskommando vergleichbar ist. Dort treten sie in den Gängen zum Dienst an und werden in ihre jeweiligen Bereiche eingewiesen. Vom Gruppenkommandanten wird das Material ausgegeben, dann geht es mit dem Mannschaftstransporter zum Streifendienst.
Wie steht es um die Ausrüstung der Polizeikräfte?Zöhrer: Anzeigen und Meldungen werden mit der Hand geschrieben, soweit Papier vorhanden ist. Schreibmaschinen gibt es kaum. Ein Drittel der Fahrzeugflotte der albanischen Polizei ist außer Betrieb. Teilweise sind die Fahrzeuge museumsreif oder es stehen nicht die Mittel für eine Reparatur zur Verfügung. Moderne Allradwagen werden im Stadtgebiet verwendet, während im bergigen Gelände oft gar kein geeignetes Auto existiert. Die albanische Polizei ist auf Schenkungen aus verschiedenen Ländern angewiesen. Das kann immer wieder zu Problemen führen, wenn die verschiedenen Ausrüstungsgegenstände untereinander nicht kompatibel sind.
Anfang September fand in Tirana das Fußball-Länderspiel zwischen Griechenland und Albanien statt. Lief der große Sicherheits- und Ordnungsdienst ähnlich ab wie in Österreich? Zöhrer: Im April 2003 hatten wir erstmals die Gelegenheit erhalten, einen GSOD-Einsatz beim Spiel Albanien gegen Irland zu beobachten. Damals herrschte unglaubliches Chaos. Die Fans stürmten die Eingangstore zum Stadion und kletterten unkontrolliert über die Mauern. Die eingesetzten Polizeibeamten waren überfordert; das Stadion war hoffnungslos überfüllt. Es erschien uns zu gefährlich, selbst ins Stadion zu gehen. Mehr als ein Jahr später hat am 4. September das Spiel Albanien gegen Griechenland stattgefunden und die Polizei hat diesmal umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Der Bereich um das Stadion war weiträumig abgesperrt; zum Stadion selbst wurden nur Personen mit gültigen Eintrittskarten vorgelassen. An den Eingängen fanden genaue Kontrollen statt, gefährliche Gegenstände wurden abgenommen. Trotz der ausgelassenen Siegesfeiern ist es zu keinen nennenswerten Zwischenfällen gekommen. Meine Kollegen und ich waren diesmal im Vorfeld des Stadions und auch im Stadion selbst, um den Polizeieinsatz zu beobachten. Die Exekutive war viel besser organisiert.
Wo liegen die größten Fortschritte der PAMECA Mission?Zöhrer: In einigen Bereichen ist es uns gelungen, die Verantwortlichen zur Notwendigkeit einer gründlichen Analyse einer Situation zur Problemerkennung anzuhalten, eine genaue Planung vorzunehmen und die Ausführung des Plans zu kontrollieren – zum Beispiel bei Großeinsätzen wie Fußballspielen, oder im Bereich der Umsetzung von Projekten im Zuge der zahlreichen EU-Förderungen. Wir drängen auf die Einhaltung von Projektmanagement-Methoden zur Lösung komplexer Situationen. Kürzlich wurde auf unser Anraten im Bereich der Generaldirektion ein Büro für Projektcontrolling eingerichtet. Zahlreiche Schulungen für die Führungskräfte der albanischen Polizei sind durchgeführt worden. Derzeit läuft der erste Offizierskurs der albanischen Polizei, der von PAMECA initiiert und organisiert wurde. Der Bau eines neuen Hauptquartiers für die albanische Polizei und die Mitwirkung an der Reorganisation der albanischen Polizei sind weitere wichtige Errungenschaften. PAMECA konnte sehr gute Kontakte aufbauen und wurde mittlerweile für die Entscheidungsträger im Ministerium für öffentliche Sicherheit zum anerkannten Ansprechpartner und Ratgeber in allen Polizeiangelegenheiten.
Interview: Gregor Wenda
www.mpo.gov.al/PAMECA/INDEX.HTMwww.mpo.gov.al/anglisht/mrp-ENGLISH.htm
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