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Das Magazin des Innenministeriums, Nr. 1-2/2004

200 JAHRE MORPHIUM

Glück und Elend

Vor 200 Jahren entdeckte der deutsche Apotheker Friedrich Wilhelm Anton Sertürner das "Morphium". Er schuf ein wirksames Schmerzmittel – und ein Heer von Süchtigen.

Es "nimmt die Schmerzen, frischt die Lebensgeister auf", es "wirkt Wunder". Eine Spritze, ein Fläschchen, eine dunkle Ecke. Kein verräterischer Duft wie nach Opium, kein Hindämmern. Mit diesen Worten wurden im 19. Jahrhundert die Vorzüge des Schmerz- und Suchtmittels Morphium beschrieben.

Friedrich Wilhelm Anton Sertürner ahnte nicht, dass seine Entdeckung neben der schmerzlindernden auch eine süchtig machende Wirkung enthielt. 1804 gelang es Sertürner bei der chemischen Analyse des Opiums einen Stoff zu isolieren, den er "Morphium" nannte, nach Morpheus, dem Gott des Schlafes und der Träume. Seine Veröffentlichung über diese Entdeckung blieb lange unbeachtet. Erst 1817 wurde seine Arbeit "Über das Morphium, eine neue salzfähige Grundlage, und die Mekonsäure als Hauptbestandteil des Opiums" mit dem Ehrendoktorat der Universität Göttingen gewürdigt.
Sertüner, am 19. Juni 1783 in Neuhaus bei Paderborn geboren, war Sohn eines österreichischen Ingenieurs und Landbauinspektors. Mit 16 Jahren ergriff er die Apothekerlaufbahn. Er beschäftigte sich eifrig mit chemisch-pharmakologischen Untersuchungen; vor allem mit der Frage, wie die Wirkung von Arzneipflanzen zu erklären ist.

Sein Haupt-Forschungsgegenstand war Opium, eines der wichtigsten Arzneimittel seiner Zeit. Im Saft der Schlafmohnkapsel fand er einen Stoff ("Mohnsäure") der betäubend wirkte. Der Forscher erprobte den Stoff zunächst an Tieren. Ein Hund schlief nach der Injektion des gefundenen Stoffes ein. Sertürner machte auch einen Versuch an sich selbst.
Die maximal zulässige Dosis war ihm noch nicht bekannt. Darüber berichtete er: "Um meine früheren Versuche streng zu prüfen, bewog ich drei Personen, von denen keine über 17 Jahre alt war, zugleich mit mir Morphium einzunehmen; gewarnt durch die damaligen Wirkungen, gab ich jedem nur ein halbes Gran in einer halben Drachme Alkohol aufgelöst, und mit einigen Unzen destilliertem Wasser verdünnt. Eine allgemeine Röte, welche sogar in den Augen sichtbar war, überzog das Gesicht, vorzüglich die Wangen, und die Lebenstätigkeit schien im Allgemeinen gesteigert ... Ohne dass wir den vielleicht schon sehr üblen Erfolg abwarteten, wurde von uns nach einer viertel Stunde noch ein halbes Gran Morphium als grobes Pulver unaufgelöst, mit zehn Tropfen Alkohol und einer halben Unze Wasser verschluckt. Der Erfolg war bei den drei jungen Männern schnell und im höchsten Grade entschieden. Er zeigt sich durch Schmerz in der Magengegend, Ermattung und starke an Ohnmacht grenzende Betäubung. Auch ich hatte dasselbe Schicksal; liegend geriet ich in einen traumartigen Zustand ... Nach dieser wirklich höchst unangenehmen eigenen Erfahrung zu urteilen, wirkt das Morphium schon in kleinen Gaben als heftiges Gift." Morphium wurde anfangs eingenommen, dann unter die Haut gespritzt.

Viele Süchtige
Die Morphiumsucht griff im 19. Jahrhundert um sich. Viele Ärzte, Künstler, Literaten, Professoren und Prostituierte verfielen der Morphiumsucht. Vom Chirurgen Franz König in Göttingen wird berichtet, dass beim Kaffee-Skat im Ärztekasino die Morphiumspritze "von Hand zu Hand ging, wie jetzt die Zigarettendose".
Laut einer Statistik (Lewis, Phantastica, 1879) stellten Ärzte in Deutschland ein hohes Kontigent an Morphinisten: 40 Prozent Ärzte und 10 Prozent Arztfrauen. In Paris gab es 1890 etwa 50.000 Morphinisten, die Hälfte davon Frauen. Süchtige verkehrten in eigenen Lokalen in Paris, die luxuriös ausgestattet waren.
"Der Morphiumkranke fälscht die Unterschrift seines Arztes auf Morphiumrezepten, er fingiert Namen von Ärzten und schreibt selbst Rezepte; er belügt seine Frau, belügt seinen Arzt über die Menge des gebrauchten Morphiums; er geht zur Entziehungskur und versichert auf Ehrenwort, kein Morphium bei sich zu haben, obwohl er es in einem Rockkragen eingenäht, in einem zusammengelegten Hundertmarkschein versteckt, unter einem aufgeklebten Heftpflaster, unter der Pantoffelsohle verborgen bei sich trägt", berichtete Albrecht Erlenmayer im Jahr 1887 über die Morphiumsucht und ihre Behandlung.
Morphium wurde nach seiner Entdeckung 1804 ein weit verbreitetes Schmerz- und Suchtmittel. Die Verletzten in den beiden Weltkriegen wurden mit Morphin ruhig gestellt, wie Morphium später genannt wurde. Die nachfolgenden Entzündungen und Phantomschmerzen wurden auf dieselbe Weise "behandelt". Die Patienten wurden fast immer morphiumsüchtig, was sich in einem gesteigerten Opiumverbrauch in den Weltkriegen zeigte. Man suchte nach einem Schmerzmittel, das nicht süchtig machte. 1848 wurde in den Ebersfelder-Farbenfabriken erstmals eine Verbindung von Morphin und Essigsäure produziert. Das "Wundermittel Heroin" wurde wie Aspirin vermarktet. Es war gegen Schmerzen wirksam, entwickelte sich aber zur gefährlichsten aller illegalen Drogen.


Siegbert Lattacher

Quelle: Leo Schidrowitz (Hg): Sittengeschichte des Lasters, Verlag für Kulturforschung, Leipzig/Wien 1927.

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