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Das Magazin des Innenministeriums, Nr. 9-10/2003

ENTMINUNGS- UND ENTSCHÄRFUNGSDIENST  

Sichern, bergen, entsorgen

Sie riskieren ihr Leben, damit Österreichs Bewohner sicher leben. Die Spezialisten des Entminungs- und Entschärfungsdienstes des Bundeskriminalamts bergen jedes Jahr 50 bis 100 Tonnen sprengkräftige Kriegsrelikte und entschärfen unzählige gefährliche Sprengkörper.

Mittwoch, 6. August 2003: Im Lager eines Elektrogeschäfts im zweiten Wiener Gemeindebezirk findet ein Arbeiter eine Schachtel mit Handgranatenzünder. Als er damit hantiert, explodiert eines der Zündmittel und verletzt den 28-Jährigen schwer. Entschärfungsspezialisten durchsuchen das Lager und transportieren den brisanten Fund ab. Fünf Tage später sichten Jugendliche beim Baden Acht-Zentimeter-Wurfgranaten im Mürzfluss. Spezialisten des Entminungsdienstes sichern das Gelände und bergen die Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg. Am 2. August stößt ein Wanderer oberhalb eines Steinbruchs in Hohenems in einem Waldstück auf einen Tresor. In dem stark verrosteten Panzerschrank befinden sich 40 Gelatine-Donarit-Stangen, Sprengschnüre und Sprengzünder. Beamte des Entschärfungsdienstes sprengen den brisanten Fund aus Sicherheitsgründen an Ort und Stelle. Einen Tag später entdecken Arbeiter bei einer U-Bahn-Baustelle in Wien-Donaustadt ein verdächtiges Metallstück. Ein Entschärfungssachverständiger identifiziert den Fund als Teil einer Fliegerbombe. Und eine Woche davor findet ein Arbeiter der Straßenverwaltung Villach neben der Wurzenpass-Straße eine Panzerhandgranate. Das Relikt wird von zwei Entminern gesichert.
Fünf Einsätze von vielen innerhalb von zwei Wochen für die Mitarbeiter des Entschärfungs- und Entminungsdienstes des Bundeskriminalamts (BK); bei denen die Spezialisten mit professioneller Vorsicht, höchster Präzision und entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen ihre Arbeit machen: sichern, bergen, abtransportieren und vernichten. "Die Entminer und Entschärfer arbeiten oft in Lebensgefahr, damit Österreichs Bewohner ruhig schlafen können", erläutert Ing. Willibald Berenda, Leiter des Büros 6.3 (Entminungs- und Entschärfungsdienst) im Bundeskriminalamt. Das Büro 6.3 besteht aus dem Referat Entschärfungsdienst (Leiter: Ing. Ernst Huber) und dem Referat Entminungsdienst (Leiter: Gerhard Proksch).

Am gefährlichsten und bei den Entminern gefürchtet sind Fliegerbomben-Blindgänger mit Langzeitzündern, von denen sich in Österreich noch Dutzende knapp unter der Oberfläche befinden, meist in oder in der Nähe von Städten. Die vorgespannten Schlagbolzen dieser heimtückischen Waffen werden durch Membranen zurückgehalten, die von einer ausströmenden Azetonlösung aufgelöst werden. Das Azeton lagert in einer Phiole, die beim Abwurf zerstört wird. Die Mannschaft in den Bombern der Allierten konnte den Zeitzünder auf 2 bis 144 Stunden Auslösezeit nach dem Abwurf einstellen – eine tödliche Falle für die Menschen, die nach einem Bombenangriff aus den Luftschutzbunkern wieder auf die Straße kamen. Dass es viele Blindgänger gibt, hat mehrere Ursachen: Sabotage auch von Kriegsgefangenen, die in den Rüstungsbetrieben arbeiten mussten; Materialfehler oder ein Nichtauslösen der Membran, weil sich die Bombe verkehrt in den Boden bohrte.

Die Entschärfung ist eine lebensgefährliche Angelegenheit. Der Zünder hat eine Ausdrehsperre; wird versucht, ihn abzuschrauben, explodiert der Blindgänger. Die Entminer setzen deshalb spezielle Techniken ein: Entweder wird eine ferngesteuerte Ausziehpresse verwendet oder es wird der Zünder mit einer gezielten Schneidladung kontrolliert weggesprengt. Die Schneidladung oder das Ausziehgerät muss an dem unberechenbaren Fund händisch angebracht werden. "Ein Langzeitzünder kann leider auch explodieren, ohne dass man an der Bombe hantiert", betont Berenda. Das kostete zwei Kollegen des Entminungsdienstes am 17. Juli 2003 in der Stadt Salzburg das Leben; ein dritter Entminer wurde schwerst verletzt. Gerhard Plohar, Thomas Modry und Franz Sadecky, drei erfahrene Entminer, waren mit der Vorbereitung zur Entschärfung beschäftigt, als die 250-Kilo-Fliegerbombe amerikanischer Bauart auf dem Bahnhofsgelände detonierte. Plohar und Modry waren sofort tot; Sadecky, der sich etwas weiter weg befand; überlebte mit schweren Kopfverletzungen. Ursache des Unglücks war vermutlich eine "Selbstumsetzung", wie sie in Österreich nach dem Krieg mehrmals vorkam.

Gerhard Plojhar, geboren am 18. April 1961 absolvierte die Lehre als Kfz-Mechaniker und kam nach dem Bundesheer am 1. November 1982 zum Entminungsdienst des Innenministeriums. Die Dienstprüfung C absolvierte er im Fachgebiet Entminungsdienst mit Auszeichnung. Er war Spezialist am Entschärfungsgerät und erhielt mehrere Belohnungen für die Entschärfung von Langzeitzündern. Thomas Modry, geboren am 5. Oktober 1964 in Wien, kam nach der Tischlerlehre und dem Präsenzdienst am 1. April 1986 zum Entminungsdienst. Auch er erhielt mehrere Belohnungen für die Entschärfung von Langzeitzündern, er war Spezialist für Tiefendetektion und Entminungstaucher. Genau vier Wochen nach dem Unglück hätte er Hochzeit feiern sollen; er hinterlässt seine Lebensgefährtin und ein Kleinkind.
Die Betroffenheit unter den Kollegen ist groß, jeden hätte es treffen können. Vier Monate vor dem Unglück entschärften sie auf dem Salzburger ÖBB-Gelände einen baugleichen Blindgänger. Damals ging alles gut, trotz Komplikationen. Der Zünder konnte mit der Schneidladung nicht vollständig vom Bombenkörper weggesprengt werden. Die Entminer mussten die 115 kg Sprengstoff aus dem Bombenkörper entfernen. Der Langzeitzünder hätte jederzeit detonieren können.

Seit der Einrichtung des Entminungsdienstes im Innenministerium im Jahr 1946 sind 19 Kollegen bei Explosionen von Minen und Granaten ums Leben gekommen; der letzte tödliche Unfall vor dem tragischen Unglück in Salzburg geschah im Jahr 1952.
49 Tonnen "sprengkräftige Kriegsrelikte" bargen die Mitarbeiter des Entminungsdienstes im Jahr 2002. Sie entschärften 28 Fliegerbomben-Blindgänger und holten in 322 Tauchstunden mehr als 22 Tonnen Waffen und Munition und Sprengmittel aus Seen und Teichen. Seit 1945 bargen und vernichteten die Entminer 25.000 Tonnen Kriegsrelikte, darunter rund 20.600 Fliegerbomben-Blindgänger; 56 Millionen Quadratmeter Boden wurden nach Waffen, Schieß- und Sprengmittel abgesucht. 13 erfahrene Männer arbeiten derzeit beim Entminungsdienst; sie sind zuständig für die Bergung von Waffen, Munition und Sprengmittel aus den beiden Weltkriegen und der Besatzungszeit.
Die 17 Bediensteten des Entschärfungsdienstes und die 69 "sachkundigen Organe" (SKO) der Sicherheitsexekutive sind für das Erkennen, Bergen und Entschärfen "unkonventioneller Spreng- und Brandvorrichtungen" zuständig – von Molotow-Cocktails bis zu tödlichen Sprengfallen von Terroristen. Sie untersuchten im vergangenen Jahr 621 sprengstoffverdächtige Gegenstände und stellten 98 gefährliche Kriegsrelikte sicher. Sie nahmen 543 Durchsuchungen und 50 Sicherstellungen vor und waren bei 29 Bombendrohungen mit Sicherungsmaßnahmen befasst. Außerdem waren sie in die Untersuchung von sieben Unfällen mit Explosivstoffen eingebunden und sie leisteten bei vier Sprengstoffanschlägen bzw. Anschlagsversuchen die Entschärfungsarbeit: Am 19. April 2002 explodierte in einer Diskothek in Lustenau eine Handgranate; am 27. Juli kam es in einer Linzer Diskothek zu einer Handgranaten-Explosion und am 6. August detonierte ein Sprengkörper in einer Telefonzelle in Wien Donaustadt. Im Bezirk Liezen ging eine Rohrbombe hoch. Dazu kam für die Entschärfer die Präventionsarbeit bei Großereignissen wie dem europäischen Wirtschaftsgipfel Anfang September in Salzburg.
Im ersten Halbjahr 2003 bargen und vernichteten die Entminer bereits über 33 Tonnen sprengkräftiges Kriegsmaterial, darunter 38 Fliegerbomben-Blindgänger. Im Schnitt müssen die Spezialisten pro Jahr etwa drei Bomben mit den lebensgefährlichen Langzeitzündern unschädlich machen.
In der Vor- und Nachsaison bergen die Entminer Waffen, Sprengmittel und Munition aus Seen, Teichen und Flüssen – Material, das während des Krieges und der Besatzungszeit "entsorgt" worden ist. Sie bergen Waffen und Munition aus dem Ersten Weltkrieg in den Karnischen Alpen bei Kötschach, um die "Friedenswege" zu sichern. Mit Minen- und Metallsuchgeräten sowie einem Tiefendetektionssystem wird das Gelände abgesucht, wo brisante Kriegsrelikte vermutet werden.
Präventiv sind die Spezialisten bei Staatsbesuchen, für gefährdete Personen und bei Großveranstaltungen tätig; sie suchen das Gelände nach möglichen Sprengfallen ab. Seit dem tragischen Unfall in Salzburg langen mehr Meldungen über Kriegsrelikte beim Entminungsdienst ein. "Menschen erinnen sich an Granaten, Patronen und Sprengmittel, die geborgen werden müssen", berichtet Berenda. Dazu komme eine höhere Zahl an Fehlalarmen wegen der Sensibilisierung durch das Unglück. Die Entminer fahren an einem Wochenende zu etwa sechs Einsätzen, vor dem Unglück in Salzburg war es im Schnitt einer.

Ausbildung. Etwa drei Jahre dauert die Ausbildung zum Entminer und Entschärfer; geschult werden die Mitarbeiter großteils durch "Training on the Job"; die Entschärfer absolvieren mehrmonatige Kurse beim deutschen Bundeskriminalamt in Wiesbaden; einige bildeten sich bei der irischen Armee weiter. Alle Mitarbeiter haben die Ausbildung als Sprengbefugte und als Gefahrengutlenker absolviert; einige sind Spezialisten für die Unterwasserentschärfung. Die Entschärfer haben auch eine Strahlenschutzausbildung. In der Rossauer Kaserne ist für die Schulung eine Sprengmitteldokumentation eingerichtet worden; auf dem Truppenübungsplatz Großmittel, dem Munitionsplatz des Entminungsdienstes, gibt es ebenfalls eine umfassende Schau- und Lehrmittelsammlung. Wichtig für die ständige Weiterbildung und den notwendigen Erfahrungsaustausch seien die internationalen Kontakte, betont Willibald Berenda. "Wir haben enge Kontakte zum Bundeskriminalamt Wiesbaden, zum FBI, zum ATF, zur Londoner Metropolitan Police, israelischen Polizei, irischen Armee und zu den Entschärfungseinheiten vor allem in Ungarn, Slowenien, der Schweiz und anderen Ländern", erläutert Berenda.
"Unsere Spezialisten sind hoch professionell ausgebildet und arbeiten im internationalen Vergleich auf höchstem technischen Niveau", würdigt Innenminister Dr. Ernst Strasser die Mitarbeiter des Entminungs- und Entschärfungsdienstes. "Ihnen gebührt unser höchster Respekt und unser Dank für ihr Engagement und ihren großen persönlichen Einsatz." Die Truppe ist bei der Jahrestagung der US-amerikanischen EOD-Einheiten vertreten und eingebunden in die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Kampfmittelräumdienste, in der ein ständiger Erfahrungsaustausch stattfindet, um auf dem letzten technischen Stand zu sein

Die Zentrale des Entminungs- und Entschärfungsdienstes befindet sich in der Rossauer Kaserne in Wien-Alsergrund; der Entminungsdienst betreut Außenstellen in Linz und Graz, der Entschärfungsdienst hat zwei rund um die Uhr besetzte Stützpunkte in Kärnten (Wernberg) und Tirol (Hall), um bei einem Einsatz überall in Österreich rasch vor Ort sein zu können.
Die Mitarbeiter des Entschärfungs- und Entminungsdienstes leisten auch Informations- und Aufklärungsarbeit; bei Lehrgängen der Sicherheitsexekutive und bei Informationsveranstaltungen, um Unglücke zu verhindern. Denn für Menschen, die sprengkräftige Kriegsrelikte finden, gilt eine wichtige Grundregel: "Hände weg, sonst sind sie weg!"

Information: BMI – Bundeskriminalamt II/BK/6.3 (Büro für Entschärfung und Entminung), Schlickplatz 6, 1090 Wien, Telefon (01) 24836-85630, Fax (01) 24836-85890.

BM.I Bundesministerium für Inneres, 1010 Wien,Telefon: +43-1-53126-2307 |  Kontakt

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