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Das Magazin des Innenministeriums, Nr. 1-2/2003

BUNDESSTELLE FÜR SEKTENFRAGEN

Unter Druck

Obskure pseudospirituelle Gruppen engagieren sich gegen Drogen und für den Weltfrieden, vermitteln Harmonie und Geborgenheit. Dahinter steckt oft ein autoritäres, antidemokratisches Weltbild.

Die Auserwählten Buddhas, Christus`oder Krishnas bieten Sinnsuchenden Sofortlösungen für jedes menschliche Problem. Ihre Wahrheit ist einzig und ausschließlich; durch sie ist Erweckung, Erleuchtung, Gesundheit, Reichtum und Glück möglich. Nach wie vor fallen viele Menschen auf die Angebote obskurer religiöser oder pseudoreligiöser Gruppen herein. Die Angebote wirken nicht nur attraktiv für Menschen, die sich zu den „Verlierern“ in der Gesellschaft zählen, die sich beruflich, sozial benachteiligt fühlen oder sich in einer Krise befinden, sondern etwa auch für solche, die leistungsorientiert ihre Erfolgschancen ausschöpfen wollen. Plötzlich ist jemand da, der Vertrauen erweckt, der zuhört, der schnelle Hilfe anbietet. Vordergründig erwecken manche Gruppen den Eindruck einer harmonischen Großfamilie, in der man sich sofort geborgen fühlt.

Persönlichkeitsveränderung
Nach und nach erfahren Neueinsteiger die unangenehmen Nebenwirkungen. Sie verändern langsam ihre Persönlichkeit und ordnen sich der absoluten Wahrheit der spirituellen Führer unter, die mit der Welt „draußen“ häufig nicht kompatibel ist. Die Welt „draußen“ ist schlecht, voller Lug und Trug. Das kann dazu führen, dass sich die Betroffenen von Partnern, Freunden, der Familie absondern, Beruf oder Schule aufgeben und in eine oft ausweglose Lage geraten. Der Ausstieg aus solchen Gruppen ist meist schwierig, da Ausstiegswillige häufig unter Druck geraten.

Bundesstelle für Sektenfragen
„Meist sind es Angehörige oder Partner, die sich in Beratungsstellen informieren. Gemeinsam erarbeiten wir dann Lösungsmöglichkeiten für die spezielle Situation der Betroffenen“, erläutert Dr. German Müller von der Bundesstelle für Sektenfragen in Wien. Die Berater versuchen der Sache auf den Grund zu gehen. Wesentliches Ziel ist es, die eigentliche Ursache für den Einstieg in eine einschlägige Gruppierung zu finden. „Wenn jemand krank ist und glaubt, ausschließlich durch Meditation seine Krankheit heilen zu können, versuchen wir im Gespräch mit dem Betroffenen andere Möglichkeiten aufzuzeigen“, betont Müller.
Die Berater bieten zusätzliche Informationen an und erörtern diese mit den Betroffenen. Die Entscheidung, in der Gruppe zu bleiben oder diese zu verlassen, ist vom Betroffenen selbst zu fällen. „In den Gesprächen finden die Menschen meist selbst eine entsprechende Lösung“, betont der Psychologe. Die Beratung ist kostenlos. Es gab vergangenes Jahr Anfragen zu mehr als 300 unterschiedlichen Gruppierungen. Die Mitarbeiter der Beratungsstelle registrierten insgesamt über 5.300 fachspezifische Kontakte; über 2.400 Kontakte mit Beratungscharakter. Etwa gleich viele Männer wie Frauen suchten im vergangenen Jahr Rat in der Bundesstelle für Sektenfragen. Neben der persönlichen Beratung informiert die Bundesstelle Multiplikatoren über spezifische Probleme und veranstaltet Fortbildungen.

Interesse an Esoterik
Die Bundesstelle für Sektenfragen registrierte ein gesteigertes Interesse an esoterischem und neuheidnischem Gedankengut. Licht, Karma, Aura, Channeling, Rebirthing und dergleichen sind gängige Begriffe der Esoterik-Bewegung und spiegeln ihr Gedankengut wider. Lieblingsthemen sind Gesundheit, Wiedergeburt, Astrologie, und Meditation. Das Wissen wird meist aus dem Jenseits empfangen, durch so genannte Medien. Neuheidnische Gruppierungen idealisieren die „gute alte Zeit“. Sie preisen Mythologie und Religion der Kelten und Germanen, verherrlichen deren Götter und Helden.
Etwa zehn Prozent aller Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt werden dem Bereich New Age und Esoterik zugeordnet. Viele Menschen fühlen sich von mehreren „Angeboten“ angezogen („Patchwork-Religiosität“). Dieses Miteinander wird von einigen spirituellen Gruppen in Form von interreligiösen Dialogen gefördert. Wohl auch zur Imageförderung engagieren sich einige Vereinigungen in gesellschaftlich wichtigen Themen wie Kampf gegen Drogen, gegen Gentechnik oder für den Weltfrieden.
Sie verweisen auf prominente Mitglieder, um ihre Harmlosigkeit und Bedeutung zu unterstreichen. Sie schreiben höchste Repräsentanten des Staates an und bitten um Grußbotschaften oder Unterstützung für ihre „humanitären“ Anliegen. „Haben sie etwa ein Schreiben eines prominenten Politikers in der Tasche, gelingt es ihnen leichter, andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens für ihre Anliegen zu gewinnen“, sagt Sektenexperte Müller.

„Motivationsseminare“
Nicht nur obskure spirituelle Angebote boomen, auch in Bereichen wie Unternehmensberatung und Management-Schulung, haben sektenähnliche Gruppen Nischen besetzt. In hochbezahlten Pseudopsychologischen Workshops- oder Motivationsseminaren hämmern charismatische Vortragende den Kursteilnehmern ein, dass Erfolg, Glück, Reichtum, Gesundheit, langes Leben machbar sei. „Dabei handelt es sich in den wenigsten Fällen um fundiertes psychologisches Fachwissen, sondern um Banalitäten, die sich in den meisten Fällen als Strohfeuer erweisen“, erläutert Dr. German Müller.
Eine Gefahr sind religiöse oder pseudoreligiöse Gruppen dann, wenn sie den Einzelnen von der Gesellschaft, Familie oder Freundeskreis isolieren und ihn für sich vereinnahmen. Für den Staat gefährlich können Gruppen werden, die viele und einflussreiche Mitglieder haben, über Geld verfügen und sich politisch mit einem Konzept engagieren, das antidemokratisch, autoritär ist, keine Kritik und Opposition zulässt. Gefährlich werden kann es auch, wenn es um die Gesundheit geht. Wenn „Lichtnahrung“ der herkömmlichen Nahrung vorgezogen wird; oder wenn schulmedizinische Behandlung abgelehnt wird.

Jugendsatanismus
Kinder und Jugendliche sind gefährdet, wenn sie unter besonderen Anforderungen in der Schule stehen, die Eltern Druck ausüben, und niemand da ist, der ihnen hilft. In ihrer Verzweiflung oder ihrem Protest sind sie anfällig für Lehren, die ihnen scheinbare Macht verleihen, wie Satanismus. Einige wählen diesen Weg, weil sie glauben, sich mit der „Macht Satans“ gegen den aufsässigen Lehrer verbünden oder ihn mit Nadelstichen in eine Stoffpuppe „bekämpfen“ zu können. „Der so genannte Jugendsatanismus kann dann willkommenes Mittel des Protests sein“, erläutert German Müller.
Der Satanismus könne auch als Hilferuf gesehen werden, der häufig von Schule und Umwelt missverstanden wird. „Nicht jeder, der sich schwarz kleidet, weiß schminkt und ein Pentagramm trägt, ist Satanist.“ Die Gefahr, dass Jugendsatanismus sich verbreitet, sieht der Sektenexperte nicht. „Es gibt einzelne Fälle, die von den Medien gerne aufgegriffen und aufgebauscht werden, weil sie eine gute Story abgeben.“ Dennoch sei hier Vorsicht angebracht. „Jugendsatanismus soll als das, was er ist, ernst genommen werden, nämlich als Protest und Hilferuf“, sagt Sektenexperte Müller.
Siegbert Lattacher

Information/Kontakt: Bundesstelle für Sektenfragen, 1010 Wien, Wollzeile Nr. 12/2/19, Telefon (0)1-5130460, Fax (0)1-5130460-30, bundesstelle@sektenfragen.at


„Protest und Hilferuf“

Dr. German Müller (46) hat Psychologie und Pädagogik studiert. Seit November 1998 ist er Geschäftsführer der Bundesstelle für Sektenfragen in Wien, die dem Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen zugeordnet ist.

Wie gefährlich sind Sekten?

Müller: Zuerst muss geklärt werden, was als gefährlich verstanden wird und in weiterer Folge für wen. Für Staat und Gesellschaft können entsprechende Gruppen bedrohlich werden, wenn sie z. B. über große finanzielle Mittel verfügen, viele und einflussreiche Anhänger und Sympathisanten haben und autoritäre Ideologien vertreten. Für den Einzelnen kann z.B. in einer persönlichen Krisensituation jede Gruppe vereinnahmend und gefährlich werden. Die Größe der Gruppe und ähnliche Kriterien spielen meist keine wesentliche Rolle für das Ausmaß der Vereinnahmung.

Gibt es staatsgefährdende Gruppen in Österreich?

Müller: Die Bundesstelle beobachtet gemäß ihrem gesetzlichen Auftrag Gefährdungen, die von einschlägigen Gruppierungen ausgehen können. Der Bereich Staatsgefährdung fällt in den Kompetenzbereich anderer Behörden. Der Bundesstelle liegen diesbezüglich derzeit keine Erkenntnisse vor.

Gibt es einen Trend zu bestimmten Richtungen?

Müller: Esoterisches Gedankengut steht derzeit hoch im Kurs. Ebenso erfreuen sich diverse Motivationstrainings und pseudopsychologische Seminare großer Beliebtheit. Häufig werden in diesem Rahmen Banalitäten und Alltagswissen als „Die Wahrheit“ und „Die Weisheit“ hochpreisig verkauft. Weiters ist ein Trend zur Patchwork-Religiosität zu beobachten, wobei sich verschiedenste religiöse und spirituelle Elemente miteinander verquicken.

Wie stellen sich Sekten in der Öffentlichkeit dar?

Müller: Sie sind zunächst sehr an den Wünschen und Erwartungen der Adressaten orientiert und damit anscheinend engagiert und hilfreich sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft. Die unangenehmen Nebenwirkungen werden – wenn überhaupt – erst später wahrgenommen.

Haben die Anschläge vom 11. September 2001 Sekten Auftrieb gegeben?

Müller: Dieses vieldiskutierte Thema ist auch von einschlägigen Gruppierungen aufgegriffen worden.

Ist Jugendsatanismus eine Gefahr in Österreich?

Müller: Jugendsatanismus ist ein Patchworksystem von Ritualen und Symbolen, das sich aus verschiedenen einschlägigen Quellen speist. Er ist als Protest und Hilferuf Jugendlicher ernst zu nehmen, ebenso wie die Sorgen der damit konfrontierten Erwachsenen. Eine Stigmatisierung der Betroffenen und oberflächliche Medienberichte sind keine hilfreichen Strategien, dieser Problematik zu begegnen.

Was raten Sie Angehörigen oder Betroffenen?

Müller: Sollten in Zusammenhang mit einschlägigen Gruppen Konflikte wahrgenommen werden, ist es sinnvoll, sich an eine spezialisierte Beratungseinrichtung zu wenden, wie etwa die Bundesstelle für Sektenfragen. Gemeinsam mit erfahrenen Fachleuten können Möglichkeiten erarbeitet werden, die zu einer Konfliktreduktion und Neuorientierung verhelfen.

BM.I Bundesministerium für Inneres, Postfach 100, A-1014 Wien,Telefon: +43-(0)1-53126-2307 |  Kontakt

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