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Öffentliche Sicherheit

Das Magazin des Innenministeriums, Nr. 4/2000

BANDENKRIMINALITÄT

Waffen, Drogen, Frauenhandel

Drogenschmuggel, Waffenhandel, Geschäfte im Rotlichtbereich: Das sind nach Erkenntnissen der IKPO/Interpol die einträglichen "Geschäftszweige" von einzelnen Motorradbanden. Die internationale kriminalpolizeiliche Organisation befürchtet ein weiteres Ausbreiten der kriminellen Aktivitäten der Rockerbanden in Europa.

Etwa 900 Polizisten durchsuchten im November 1999 in Deutschland 50 Wohnungen und Klubräume des Motorradclubs Bones. Die Rocker hatten sich wenige Tage davor den Hells Angels "unterworfen". Neun Männer wurden wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung und des schweren Raubs verhaftet. Insgesamt wurden 35 Revolver sichergestellt, Pistolen, Gewehre und Pumpguns, 1.200 Schuss Munition, zwei Behälter mit Schwarzpulver, verbotene Messer und Schläger, sechs Kilo Marihuana und kleine Mengen Kokain.

Im Klubhaus von Düsseldorf wurde eine versteckt eingebaute Videokamera beim Eingang entdeckt; über der Tür hing ein geladenes, gespanntes Gewehr mit Zielvorrichtung und Schalldämpfer. Bei einem weiteren Wachposten lag griffbereit eine Pumpgun. Die Polizisten entdeckten ein Munitionslager, es war im Garten vergraben. Weitere Waffen waren in Hohlräumen hinter Holzverschalungen versteckt.

Bikerclubs sind überwiegend Gemeinschaften von Motorrad begeisterten Menschen und entsprechen nicht dem oft vermittelten Bild von "Rockerbanden". Mitglieder einiger weniger Motorradclubs haben sich aber auch auf kriminelle Felder spezialisiert, etwa Drogenhandel, Rotlichtkriminalität und Schutzgelderpressung.

In vielen Städten Deutschlands versuchen Mitglieder der Hells Angels und anderer Rockerbanden an Einfluss zu gewinnen und ihre kriminellen Aktivitäten auszuweiten. Das Landeskriminalamt Berlin ermittelt gegen (ehemalige) Angehörige der Hells Angels wegen gefährlicher Körperverletzung, räuberischer Erpressung und unerlaubten Waffenbesitzes.

Bandidos gegen Hells Angels. In Skandinavien gab es jahrelang regelrechte Bandenkriege zwischen den Hells Angels und den Bandidos, die aus den USA stammen und 1993 im südschwedischen Helsingborg ein "Europazentrum" gründeten. Die Hells Angels versuchten, die Bandidos unterzuordnen. Es folgten Angriffe mit Panzerfäusten, Maschinenpistolen und Granaten in Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen. 1996 wurde der Vizepräsident der Bandidos ermordet, der Vergeltungsschlag folgte vier Tage später. Bei den Kämpfen kamen auch Passanten zu Schaden. Nach einem Panzerfaustangriff auf ein Hells Angels-Quartier in der Kopenhagener Innenstadt im Oktober 1996 erließ das dänische Parlament ein Gesetz, das Hells Angels-Clubhäuser in Wohngebieten verbot.

Schweden und Norwegen folgten dem dänischen Beispiel, nachdem im Juni 1997 eine Passantin bei einem Anschlag in Norwegen ums Leben gekommen war. Die Polizei verschärfte den Druck auf die beiden Rockerbanden. Sie konnten kaum mehr in Ruhe ihren zum Teil illegalen Geschäften nachgehen: dem Drogenhandel, der Zuhälterei und dem Waffenschmuggel. Die Rocker sind nach Meinung der Polizei maßgeblich am Rauschgifthandel in Nordeuropa beteiligt.

Medienwirksamer "Friedensschluss". Nach 85 Mordanschlägen mit elf Toten und 96 Verletzten wurde der Rockerkrieg in Skandinavien zumindest formal beendet: Die Anführer der Hells Angels und der Bandidos kündigten im September 1997 im dänischen Fernsehen an, nach "schweren, aber erfolgreichen Friedensverhandlungen" künftig "zusammenarbeiten". Dänemarks Justizminister begrüßte den angekündigten Friedenschluss, die Zeitung Politiken kritisierte, dass die Polizei nicht in der Lage gewesen sei, die Rocker zu stoppen. Nach Angaben von Interpol Oslo haben die Motorradclubs seit dem "Friedensschluss" ihre illegale Tätigkeit wieder voll entfaltet – eines ihrer Hauptgeschäfte soll laut Interpol der Verkauf illegal hergestellter Spirituosen sein.

Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Rockern in Skandinavien gehen weiter. Am 18. Jänner 2000 erschossen vier Mitglieder des finnischen Motorradclubs Cannonball in einem Restaurant in Lahti den Präsidenten der Bandidos-Finnland, dessen Leibwächter und den Vizepräsidenten der Black Rhinos, einem Unterstützerclubs der Bandidos. Es handelte sich um einen Rache-Anschlag nach einer Schießerei im Oktober. Die Cannonballs stehen den Hells Angels nahe.

Am 26. Jänner reisten fünf führende Outlaws-Mitglieder aus den USA nach Norwegen zu einer Unterredung mit den Chefs der norwegischen Outlaws. Dabei ging es um die Gründung eines Europa-Stützpunktes der Outlaws. Ermittler glauben, dass die Rocker damit eine "Drogenschleuse" von Europa in die USA öffnen wollten. Kurz nach der Rückkehr in die USA wurde ein Mitglied der Delegation in Chicago angeschossen und lebensgefährlich verletzt, zwei maskierte Männer entkamen.

In Nordamerika dürfte der Handel mit illegalen Drogen die einträglichste Geschäftsquelle der kriminellen Motorradgangs sein. Nach einem Bericht des Criminal Intelligence Service Canada aus dem Jahr 1998 gilt das Hells Angels-Chapter in der kanadischen Provinz British Columbia im Südwesten des Landes als Hauptverteiler Kanadas und der nördlichen USA für Marihuana, das in Glashäusern gezüchtet wird. Bei einer Durchsuchung von 50 Privathäusern der Hells Angels fand die Polizei 1998 Haschisch im Wert von 130 Millionen Schilling, so viel wie in Vancouver, der Hauptstadt von British Columbia, sonst in einem halben Jahr sichergestellt wird. In Kalifornien, Colorado, Texas und anderen US-Bundesstaaten haben sich kriminelle Motorradbanden auf die Erzeugung und den Vertrieb von Methamphetaminen spezialisiert, stellte das National Narcotics Intelligence Consumers Committee fest.

Drei Europaregionen. Die Hells Angels wollen Europa in drei Zonen eingeteilt sehen: Großbritannien "Region eins"; der skandinavische Raum, Russland, die Ukraine und die baltischen Staaten ("Region Nordwest zwei") werden von Kopenhagen aus dirigiert; und um die Vorherrschaft in der "zentraleuropäischen Region" buhlen Gruppen in Österreich, der Schweiz, Italien, Frankreich, Deutschland und Holland. Derzeit sind 35 Hells Angels-"Filialen" über Europa verstreut, in den kommenden Jahren sollen es nach den Plänen der Rocker doppelt so viele werden.

Seit Anfang der neunziger Jahre versuchen die Hells Angels, stärker in Europa Fuß zu fassen. Die amerikanischen Motorradrocker gründeten bereits in den siebziger Jahren erste Zweigstellen. Von England und Dänemark breiteten sie sich vorerst nur langsam auf dem europäischen Kontinent aus.

In Österreich gründeten die "Höllen-Engel" zwei Chapters: 1975 in Vorarlberg (Koblach, später Wolfurt) und 1985 in Wien. Während die Wiener Hells Angels als unauffällig gelten, vermuten die Sicherheitsbehörden bei den Vorarlberger Rockern Verbindungen in die Drogenhandels- und Rotlichtszene.

Die Ländle-Rocker haben enge Kontakte mit Hells Angels-Gruppen in Deutschland und Ungarn. Mitte der neunziger Jahre verbündeten sich die Vorarlberger mit dem Liechtensteiner Motorradclub Hunters. Zunächst leisteten diese bei den Hells Angels als Anhängsel Frondienste; am 6. Dezember 1996 wurden die Hunters feierlich zu Hells Angels erklärt, unter Anwesenheit von "Delegierten" aus neun Ländern.

Die meisten Mitglieder der ehemaligen Hunterssind Schweizer. Ermittler vermuten, die Liechtensteiner Adresse diene den Angels als Tarnung für Geldwäscheaktionen. Sie besitzen Nachtclubs im Kanton St. Gallen. Die dort arbeitenden Prostituierten stammen großteils aus Ungarn – vermutlich herangeschleppt von Mitgliedern einer ungarischen Motorrad-Gang. Die Liechtensteiner Gruppe versucht Einfluss auf andere Rotlichtlokale zu gewinnen. Einige Nachtklubs brannten aus, wurden beschädigt oder mit Buttersäure bombardiert. Offenbar weigerten sich die Besitzer, Schutzgeld zu zahlen oder wandten sich gegen eine feindliche Übernahme.

In Vorarlberg gibt es einen Konkurrenzkampf zwischen den Hells Angels und den Outsiders. Die Auseinandersetzung gipfelte 1994 in eine Schießerei, bei der drei Personen verletzt wurden, einer von ihnen lebensgefährlich. Die Gendarmerie verhaftete damals 21 Rocker, zeigte 20 weitere an und beschlagnahmte zehn Pumpguns, drei Pistolen und eine Schrotflinte.

Die Outsiders suchten Unterstützung im Ausland bei den Bones. Diese "unterwarfen" sich im November 1999 den Angels – teilweise. Der Rest der Bande weigert sich, unter den Farben der Hells Angels aufzutreten und Geld in die Welt- und Europaorganisation der Motorradvereinigung abzuliefern. Für jedes verkaufte Merchandising-Produkt der Hells Angels, etwa Schlüsselanhänger oder Aufnäher, müssen sie 50 Prozent nach Amerika abliefern.

"Für die Exekutive gibt es kaum Möglichkeiten, Informationen über die Motorradbanden zu gewinnen", bedauert Mag. Rudolf Groß von der Interpol-Abteilung des Innenministeriums. Zeugen und Insider weigern sich aus Angst vor Racheakten, mit der Exekutive zusammen zu arbeiteten; für Beamte wäre es ebenso gefährlich, verdeckt zu ermitteln. Polizisten und Gendarmen gelten für die Banden als "Feinde, gegen die jedes Mittel erlaubt ist".

Informationen über kriminelle Motorradbanden erhält die österreichische Sicherheitsexekutive meist aus dem Ausland. Jährlich tagt die Interpol-Arbeitsgruppe "Rockers"; im April treffen sich die Kriminalisten in Eltville bei Frankfurt, um weitere Erkenntnisse über die Rockerbanden zu gewinnen und Erfahrungen auszutauschen.

Auch Europol beobachtet kriminelle Rockerbanden – im Rahmen der "Operation Monitor". Die Kriminalisten des europäischen Polizeiamts haben Hinweise, dass Mitglieder von Motorradgangs beteiligt sind an Drogenhandel, Zuhälterei, Kfz-Verschiebung, Schlepperei, illegalem Glückspiel, Raubüberfällen, Wirtschaftsdelikten und anderen kriminellen Handlungen.

 

HELLS ANGELS, BANDIDOS

Vorstrafen dienlich

Die Hells Angels wurden offiziell am 4. Juli 1948 in Hollister, Kalifornien gegründet. Gründungsmitglied Sonny Barger gilt als Weltpräsident. Er und ein Dutzend Freunde waren im Zweiten Weltkrieg Kampfflieger bei einem Bombengeschwader, das sich Hells Angels nannte.

Heute gibt es 122 Hells Angels-Chapters, 35 davon in 13 europäischen Staaten. Die Hells Angels betreiben legale Unternehmen. Die Sicherheitsbehörden vermuten, dass sie auch illegale Aktivitäten auf dem Rotlichtsektor, im Drogenhandel und im Waffenschmuggel entwickeln. Ausfahrten der Hells Angels werden oft von Hubschraubern begleitet und von Kleinbussen, die Waffen mitführen – für den Fall eines Angriffs. Verfeindete Klubs werden bekämpft oder zu Hells Angels gemacht. So lange sie nicht zum Verband gehören, dürfen sie keine Rückenaufnäher tragen – gleich welches Motiv – und bei ihren Ausfahrten nicht die Farben rot-weiß verwenden.

Wenn sich ein Klub unterwirft, gilt er mindestens ein Jahr lang als "Prospect" (Anwärter). Bewährungsproben sind vorgesehen. Dann werden die Klubmitglieder zu "Hangers-on" erklärt – sie dürfen bei Ausfahrten hinterher fahren, bei Festen Bierkisten schleppen und die Motorräder der Hells Angels waschen. Haben sie alle Test positiv abgeschlossen, werden die Unterworfenen im Weltverband der Hells Angels aufgenommen. Als Zeichen dürfen sie den Rückenaufnäher der Bande ("Kutte") tragen, der einen Totenkopf mit Flügel zeigt.

Aufnahmevoraussetzungen: männlich, "weiß", älter als 21, Besitzer einer Harley Davidson (ab 750 Kubikzentimetern), von einem Mitglied unterstützt, "vertrauenswürdig", nützlicher Spezialist, Vorstrafen sind dienlich.

Bandidos. Wer bei den Bandidos Mitglied werden will, muss mindestens 20 Jahre alt sein und eine 1000er oder 1200er Harley besitzen. Frauen, "Nigger", Kommunisten aber auch Nazis und Mitglieder des Ku Klux Klans dürfen nach den Bestimmungen des texanischen Bandido MC nicht Mitglieder werden.

BM.I Bundesministerium für Inneres, Postfach 100, A-1014 Wien,Telefon: +43-(0)1-53126-2307 |  Kontakt

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