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Das Magazin des Innenministeriums, Nr. 3/2000

KINDER- UND JUGENDKRIMINALITÄT

Diebstahl, Drogen und Gewalt

Der Anteil Kinder und Jugendlicher unter den Verdächtigen steigt weiter vorwiegend bei Drogen- und Vermögensdelikten. Immer jüngere Menschen werden angezeigt.

Kinder- und Jugendkriminalität wird von Erwachsenen produziert. "Kinder geben weiter, was sie selbst erleben", sagt Univ.-Prof. Max Friedrich, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kinder- und Jugendalters. Laut Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Deutschland, hat Jugendkriminalität drei Risikofaktoren: Schulabbruch, gewalttätige und arbeitslose Eltern. Treffen zwei der Faktoren zusammen, werden Jugendliche zu 15 Prozent mehrfach straffällig; trifft keiner zu, beträgt die Quote 4,7 Prozent.

In Österreich stieg der Anteil angezeigter Jugendlicher und Kinder an allen Verdächtigen zwischen 1990 und 1998 von 11,5 auf 16,2 Prozent. Die Zahl krimineller Kinder unter 14 Jahren hat sich verdreifacht. 1998 wurden 3.774 Kinder zwischen 10 und 14 angezeigt, knapp 30.000 waren zwischen 14 und 19 Jahren, erwachsene Verdächtige gab es 171.000.

Bestimmt wird der Trend von Vermögensdelikten, vor allem Ladendiebstählen. Im Jahr 1990 waren 16,1 Prozent der ertappten Ladendiebe unter 19 Jahren, 1998 26,3 Prozent. Der Knick in der Statistik kam Mitte der neunziger Jahre, als die Sicherheitstechnik boomte; u.a. mit Videoüberwachungsgeräten für Kaufhäuser. Mehr Kontrolle – mehr Anzeigen. Das Risiko, in Kaufhäusern beim Stehlen erwischt zu werden, unterschätzen die Jugendlichen.

Drogendelikte sind ein weiterer Faktor für die steigende Jugendkriminalität. Der Anteil Jugendlicher an der Zahl aller Verdächtiger stieg bei Verbrechen nach dem Suchtmittelgesetz zwischen 1990 und 1998 von 2,2 auf 15,4 Prozent; bei Vergehen von 10,6 auf 27,5. Die Zahl der Drogendelikte hängt davon ab, wie intensiv Polizei und Gendarmerie daran arbeiten.

Die niedrigste Jugendkriminalität verzeichnet das Burgenland (13,7 % an der Gesamtkriminalität), die höchste Vorarlberg (22,2 %). Grund: Beim Ladendiebstahl liegt die Quote Jugendlicher bei 41,4 Prozent in Vorarlberg – mehr als eineinhalbmal höher als der Bundesdurchschnitt.

Im Jahr 1990 waren bundesweit 39,2 Prozent der Straßenräuber unter 19 Jahren, 1998 waren es 65,7 Prozent. Der ständig steigende Anteil Jugendlicher beim Straßenraub lässt sich nicht durch bessere Überwachung erklären, auch die Anzeigenbereitschaft dürfte nicht im gleichen Ausmaß gestiegen sein.

"Die Kinder und Jugendlichen sind gewaltbereiter als früher", sagt Helga Grabner, Gruppenführerin der Jugendpolizei der Stadt Salzburg. "Sie dämpfen Zigaretten auf der Haut ihrer Rivalen aus. Nach Raufereien in Volksschulen wird oft die Rettung gebraucht. Aber die Gesellschaft ist sensibler geworden. Früher sind viele Delikte Jugendlicher nicht angezeigt worden, auch Raubüberfälle."

1998 bearbeitete die Salzburger Jugendpolizei über 1.000 Fälle. 109 davon waren Diebstähle (keine Ladendiebstähle), 228 Körperverletzungen, 52 Einbrüche, 42 gefährliche Drohungen. Salzburg ist an zweiter Stelle in der Jugendkriminalitätsstatistik Österreichs; jedes zweite Jugenddelikt wird in Salzburg-Stadt verübt.

Vor einiger Zeit bedrohte ein 14-Jähriger einen Mann mit einer abgeschlagenen Bierflasche und forderte Geld. Der Bursche wog 60 Kilo, war betrunken, konnte kaum stehen – der Bedrohte, einen Kopf größer und 20 Kilo schwerer, rief die Polizei. "Von dem Delikt hätte die Polizei früher nichts erfahren", sagt Helga Grabner. Die Mutprobe bescherte dem Jugendlichen eine bedingte einjährige Freiheitsstrafe. Er stammt aus einer Alkoholiker-Familie. "Wenn den jugendlichen Straftätern niemand hilft, steht ihnen eine Verbrecherkarriere bevor", sagt Grabner. Sie nahm sich des Burschen an, er erlangte ein Abschlusszeugnis und wurde bisher nicht rückfällig.

"Bei den Jugendlichen hat es sich eingebürgert, mit Messern durch die Gegend zu ziehen", sagt Dr. Udo Jesionek, Präsident des Jugendgerichtshofs Wien. "Einzelfälle erschüttern die Bevölkerung", sagt Jesionek. "Die Gefangenenzahl am Jugendgericht Wien liegt aber seit Jahren gleichbleibend bei 50 bis 70 Häftlingen. Demnach begehen Jugendliche kaum schwerere Delikte."

Leichtere Straftaten Jugendlicher werden seit 1987 außergerichtlich abgehandelt. Sozialarbeiter vermitteln zwischen Tätern und Opfern; die jugendlichen Straffälligen verpflichten sich zu Wiedergutmachung und ersparen sich eine gerichtliche Verurteilung. Jährlich wenden Jugendliche in 2.500 Fällen Gerichtsstrafen von sich ab. 50 Prozent davon sind Vermögensdelikte, über 40 Prozent Straftaten gegen Leib und Leben oder die Freiheit.

In Wien bearbeitet die Polizei jährlich rund 160 Fälle von Körperverletzungen, Raufereien bei Fußballspielen, rechtsextremistischen Handlungen und Graffiti-Beschmierungen. Anfang der neunziger Jahre lieferten einander Jugendbanden Straßenkämpfe in Wien. "Red Skins" und "Zentrums-Partie", "Black Heads" und "Stephansplatz-Gang" sind von der Bildfläche verschwunden. "Die Jugendlichen sind heute in dieser Gruppe, morgen in jener", sagt Ernst Vitek, bis vor kurzem Leiter des Referats zur Bekämpfung der Jugendkriminalität in Wien. "Sie brechen heute mit drei Freunden in eine Fischerhütte ein, morgen überfallen sie mit vier anderen eine Gruppe Jugendlicher im Stadtzentrum." Im Sommer forschten die Beamten des Referats sechs Burschen aus, die im 10. Bezirk Schüler terrorisiert hatten. Ihr Straftatenspektrum reichte von Körperverletzungen über Raub, Nötigungen bis zum Vergewaltigungsversuch an einer 14-Jährigen.

"Die Gesellschaft ist in den neunziger Jahren vielschichtiger geworden – mit ihr die Jugend", erläutert Dr. Friedrich Schmidl vom Institut für psychosoziale Forschung. Das trifft auch auf kriminelle Jugendliche zu.

Laut einer Studie von T-Factory und Fessel & GfK erklärten sich 81 Prozent männlicher und 71 Prozent weiblicher Jugendlicher zu einer Szene gehörig. Die Heranwachsenden sind mobiler als früher, bekennen sich zu zwei, drei Szenen gleichzeitig und sympathisieren mit einer ganzen Palette von Szenen. Im Vordergrund stehen Fankulturen (Fußball und Musik), Musikkulturen, körperbezogene Fun-Kulturen (Skater, Mountainbiker und Snowboarder), Computerfreaks und Tierschützer. Politik, Esoterik und Religion sind uninteressant für sie – dementsprechend unmodern rechts- und linksradikale Gruppen. In den neunziger Jahren sind Skinheadgruppen zur Mini-Kultur geschrumpft. Mit Graffiti-Sprayern sympathisieren nur sieben Prozent der österreichischen Jugendlichen.

"Die Gesellschaft müsste gezielt bei gefährdeten Gruppen ansetzen", schlägt Friedrich Schmidl vor. "Das sind Jugendliche, die zu Hause täglich Gewalt erleben." Konflikte enden nach ihren Erfahrungen mit Gewaltausbrüchen des Stärkeren. Ihnen müsse gezeigt werden, Auseinandersetzungen löst man durch Gespräche, nicht durch Gewaltorgien.

Der Kriminalpolizeiliche Beratungsdienst im Innenministerium arbeitet derzeit an einem Marketing-Konzept gegen Jugendgewalt. Die Heranwachsenden sollen zielgruppengerecht angesprochen werden. Gewalttätige Verhaltensmuster Erwachsener sollen aufgedeckt und verpönt werden. Das Konzept wird in einem kleinen Gebiet getestet.

Betreuen statt verwahren. Schwere Fälle landen in der Justizanstalt für Jugendliche Gerasdorf. Die Beamten dort geben die jugendlichen Straftäter nicht auf. "Die Gewaltbereitschaft in der Jugendhaftanstalt ist ein Auf und Ab", sagt Wolfgang Kunz, stellvertretender Leiter der Strafvollzugsanstalt. "Sie ist ein Spiegelbild der Gesellschaft draußen. Was die Jugendlichen vor Haftantritt in Freiheit lernen, leben sie hier aus und sie werden nach ihrer Entlassung im selben Milieu weiterleben." Oberst Kunz bezeichnet das Klima in Gerasdorf als "gewaltarm". Am auffälligsten sei die wachsende Unfähigkeit der Jugendlichen, miteinander zu reden. Durchschnittlich verbringen jugendliche Verurteilte eineinhalb Jahre in Gerasdorf. In das Jugendgefängnis werden sie eingeliefert, wenn sie mehr als ein halbes Jahr abzusitzen haben.

"Bis sie hier landen, müssen sie viel anstellen", sagt Wolfgang Kunz. Unter 14-Jährige können nicht bestraft werden; 14- bis 16-Jährige werden nur bestraft, wenn ein schweres Verschulden vorliegt. Geringe Vergehen werden außergerichtlich geregelt. Erste Verurteilungen sind meist bedingte Geld- und Haftstrafen.

Jugendliche hinter Gittern. Wegen Umbaus gibt es in Gerasdorf nur 75 Insassen, davon sitzen 13 wegen Mordes, 18 Rechtsbrecher mit psychischen Problemen sind im Maßnahmenvollzug. Nach Fertigstellung des Umbaus wird die Anstalt wieder 124 Häftlinge aufnehmen können. "Es werden mehr Einzelzellen zur Verfügung stehen", erläutert Kunz. "Das verhindert Auseinandersetzungen zwischen den Häftlingen. Jugendliche tendieren mehr als Erwachsene dazu, sich aneinander zu messen, ihre Grenzen abzustecken."

Patensystem. Um Konflikte früh zu erkennen und zu bekämpfen, führte Anstaltsleiter Mag. Reiner Gandolf ein "Patensystem" ein. Jeder Insasse bekommt einen Justizbeamten zugewiesen, dem er sich anvertrauen kann. "Unsere Aufgabe ist es, Jugendliche, die auf die schiefe Bahn geraten sind, nicht nur zu verwahren, wir müssen sie betreuen", sagt Wolfgang Kunz. "Alle Häftlinge in Gerasdorf kommen irgendwann wieder raus. Darauf müssen sie vorbereitet sein." Drei Viertel werden nach ihrer Entlassung rückfällig. Die Justizanstalt Gerasdorf beschäftigt zwei Psychologen, vier Sozialarbeiter, eine Psychiaterin, einen Psychotherapeuten, vier Lehrer, einen Arzt und 85 Justizwachebeamte. Die Häftlinge können zwischen elf Berufsausbildungen wählen.

Gerhard Brenner

"Selbstvertrauen vermitteln"

Dr. Friedrich Schmidl vom Institut für psychosoziale Forschung über Jugend und Gewalt.

Sind Jugendliche krimineller als früher?

Das lässt sich aus der Kriminalstatistik allein nicht ablesen. Die Zunahme bei jugendlichen Verdächtigen könnte an einer gestiegenen Anzeigebereitschaft liegen. Wenn früher der Lärm aus der Nachbarwohnung gestört hat, ist der Betroffene zum Nachbarn gegangen und hat ihn gebeten, leiser zu sein. Heute ruft er die Polizei. Genauso verhält es sich bei Straftaten Jugendlicher. Oder: Früher war die Schwelle kriminellen Verhaltens niedriger. Hat ein Jugendlicher einen Erwachsenen auf der Straße nicht gegrüßt, ist er zurechtgewiesen worden. Heute schlägt er einen anderen Jugendlichen nieder, und keiner ist da, der dazwischen schreitet. Ein weiterer Grund für die steigende Jugendkriminalität laut Statistik könnte das Kontrollverhalten der Gesellschaft sein. Als in den USA zwei Jugendliche in ihrer Schule ein Blutbad angerichtet hatten, reagierte der Staat mit Überwachungskameras. Die Folge: Die Zahl der registrierten Delikte steigt, weil Straftaten aufgedeckt werden, die vorher unentdeckt geblieben sind.

Was sind die Ursachen von Gewalttaten Jugendlicher?

Die Ursachen sind vielschichtig. Ein hoher Risikofaktor sind gewalttätige Eltern. Kinder, die nichts anderes sehen als Konfliktlösungen mit Prügel, verhalten sich im Leben genauso. Sie haben eine geringere Frusttoleranz, rasten bei Kleinigkeiten aus. Alkohol und aufgeladene Situationen, etwa bei einem Fußballspiel im Stadion, können Auslöser jugendlicher Gewalt sein. Gewalt-Videos und Gewalt-Computerspiele lösen Jugendgewalt nicht aus, aber sie steuern die Gewaltbereitschaft. Die Entladungstheorie, wonach sich das Gewaltpotential durch das Ausleben von Fantasien abbaut, ist widerlegt – das Gegenteil ist erwiesen: Gewaltvideos zeigen Gewalt als Lösung – ein Verhaltensmuster, das die Jugendlichen kopieren.

Wie lässt sich Jugendgewalt verhindern?

Indem wir Jugendlichen ein Repertoir mitgeben, mit dem sie Konflikte ohne Gewalt lösen: sich entspannen, sich ablenken, argumentieren. Wenn sie immer nur vorgelebt bekommen, Streit endet mit Gewalt, werden sie nichts anderes kennen. Vor allem sollten wir ihnen Selbstvertrauen vermitteln. Wer an sich glaubt, braucht keine Gewalt, um sich zu beweisen.

BM.I Bundesministerium für Inneres, Postfach 100, A-1014 Wien,Telefon: +43-(0)1-53126-2307 |  Kontakt

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